Midnight Tales - Eine Reihenbesprechung

      Midnight Tales - Eine Reihenbesprechung

      Hallo in die Runde,

      wie schon einmal ins Auge gefasst, möchte ich heute mal eine neue Besprechung starten. Nach Der Thron der Nibelungen möchte ich mir mal eine der beachtlichsten neuen Reihen der letzten Jahre vornhemen: nämlich die Midnight Tales aus dem Hause Contendo, für mich eine der Überraschungen der letzten Jahre.

      Allerdings werde ich dabei ein anderes Tempo vorlegen als beim Thron der Nibelungen. Ich werde nur hin und wieder und nach Lust und Laune mal eine Besprechung vorlegen. Ich werde dabei chronologisch vorgehen. Und wer mag, kann meine Besprechungen gern ergänzen, sich dazu äußern, eigene Ansichten zu den bisher besprochenen Folgen hinzufügen usw. Ich würde mich freuen. Aus Gründen der besseren Übersichtlichkeit wäre es aber vielleicht hilfreich, bei den Kommentaren nicht vorzugreifen auf Folgen, die noch nicht besprochen wurden. Das könnte später verwirren, denke ich.
      Auf jeden Fall fänd ich es spannend, auch Eure Meinung zu den jeweiligen Hörspielen zu erfahren. Meine Besprechungen helfen ja vielleicht, die Erinnerungen wachzurufen, falls das Hören schon länger zurückliegt.

      Und btw: Wie ist das eigentlich: Ist CONTENDO hier im Talk gar nicht aktiv? Im Grusel waren seine flankierenden Informationen immer sehr interessant. Vielleicht mag er sich ja hier auch äußern. Das würde mich sehr freuen.

      So, genug der Vorrede. Los geht's! ;)

      Midnight Tales (01) Eiskalt



      (Bildquelle: amazon)

      Inhalt
      Der Zufall führt die junge Amber Sorensen mit dem siechen Simon Strong zusammen, einem früheren Rockstar, der zurückgezogen in einer kleinen Wohnung über seinem Club wohnt und seine Tage in stark abgesenkten Temperaturen verbringt, um einem seltsamen Leiden entgegenzuwirken, das ihn erfasst hält. Das Mädchen und der Mann nähern sich an. Die freche Art des Teenagers scheint den Musiker von seinem Leiden abzulenken. Wenig später ist Strong tot und das Mädchen Eigentümerin seines Clubs. Das wirft bei der Polizei Fragen auf – zumal der Verstorbene, der gefunden wurde, ganz offensichtlich schon mehr als zehn Jahre tot ist.

      Meinung
      Mit EISKALT servierte uns CONTENDO seinerzeit eine neue Anthologie-Reihe mit kurzen, prägnanten Geschichten, die ihr Vorbild offensichtlich in den Vereinigten Staaten von Amerika hatte, bei Julie Hoverson, die auch die Idee zu dieser Auftaktepisode beisteuert.

      Die Geschichte ist grob angelehnt an den Lovecraft-Klassiker KÜHLE LUFT von 1926, wurde aber so geschickt und amüsant bearbeitet, dass die Parallelen am Ende Marginalien bleiben.

      Das Hörspiel lebt von den starken Dialogen und dem schnellen Wechsel zwischen der Verhörsituation auf der Polizeistation und den Rückblenden zu Ambers Zeit mit Simon Strong. Auf beiden Erzählebenen dominiert die Figur des jungen Mädchens das Hörspiel. Amber wird geschildert als aufmüpfige, niemals um einen frechen Spruch verlegene Rotzgöre, die wenig Respekt für ihre jeweiligen männlichen Gesprächspartner zeigt, was den einen (Strong) erheitert, den anderen (Det. Upton) dagegen ärgert.

      Gesprochen wird Amber von der Sprecherin Rieke Werner, und sie schafft das Bravourstück, das Mädchen rebellisch und authentisch wirken zu lassen, ohne diesen Charakter zu überzeichnen. Amber Sorensen ist keine Knallcharge, sie ist ein empfindsames Mädchen, das ihre Empfindsamkeit hinter einer rauen Schale verbirgt. Was sehr schön herauskommt in der Szene, in der der Polizist ihr vorwirft, bisher zu wenig mit der „harten Realität“ konfrontiert worden zu sein. Da bricht die harte Schale des Mädchens für einen Moment auf, und es ergießt sich ein erschütterndes Schluchzen über die Szenerie.

      Michael Kessler spricht den sterbenskranken Sänger, der die Jahre seines Siechtums damit zugebracht hat, Geld in Kühlgeräte und Literatur zu investieren, um sein Dasein verlängern zu können. Kessler spricht den hoffnungslosen, völlig ermüdeten Kranken wunderbar eindringlich, vor allem wenn die spitzen Bemerkungen des Mädchens seine Tristesse für Momente durchbrechen und er es schafft, über sie zu lachen.

      Thomas Balou Martin und Eva Thärichen als Polizeigespann runden den Kern dieses Ensembels wunderbar ab. Gerade zwischen der Figur des von Martin gesprochenen Detectives, der die ganze Zeit laviert zwischen Genervtheit und Zorn, und der von Rieke Werner gespielten Amber entfalten sich ein paar wirklich amüsant-bissige Wortwechsel.

      Die Geschichte ist interessant erzählt, am Ende gibt es eine Wendung, die den Kennern der Vorlage bekannt sein dürfte, aber letztendlich kommt es darauf gar nicht so sehr an, denn dieses Hörspiel lebt vom Spiel seiner Figuren, und darin könnte ein Problem liegen: Man muss die Figur der schwer erträglichen Amber schon... ertragen können, um dieses Hörspiel zu mögen. Ich mochte sie sehr und habe mich darum köstlich amüsiert, aber ich weiß auch von Leuten, die ihr weniger wohlwollend begegnet sind. Für diese dürfte das Hörspiel wohl eine Geduldsprobe sein.

      Mir gefällt bei dieser ersten Episode auch das Sounddesign. Es werden nicht nur offensichtliche Geräusche unterlegt, sondern auch solche, die nicht sein müssten. So hört man während des Polizeiverhörs öfters mal das Knarren eines Stuhls oder Geräusche, die das authentische Gefühl vermitteln, da säßen nun tatsächlich drei Menschen an einem Tisch. Da ist bei der Vertonung wirklich mit sehr viel Liebe zum Detail vorgegangen worden. Das fällt auf.

      Auch wie das Skript aufgebaut ist, der Wechsel zwischen den Szenen aus der Gegenwart und denen aus der Vergangenheit, ist wunderbar. Diese Konstruktion sorgt dafür, dass die Handlung ungemein dynamisch und schnell wirkt, auch wenn auf der reinen Handlungsebene gar nicht so viel geschieht.

      Und alles gipfelt in einem Ende, das eigentlich recht unaufgeregt daherkommt und doch Raum für Spekulationen bietet: Die Polizistin spricht Amber darauf an, dass es draußen kalt sei und ob sie denn zurechtkomme, so ohne Mantel, worüber die junge Frau nur beiläufig hinweggeht, obwohl wir vorher mitbekommen haben, dass sie in der Wohnung Strongs durchaus ein starkes Kälteempfinden hatte. Hat das etwas zu bedeuten? Steckt mehr hinter der Geschichte, als wir auf den ersten Blick ahnen? Möglich. Aber wir wissen es nicht. Dies zu ergründen, bleibt dem Hörer überlassen. Für mich ein wunderbar andeutungsreich und spannend erzähltes Ende.

      Besondere Erwähnung muss auch die Übersetzung von Thomas Rippert finden, die als solche gar nicht erkennbar ist, was ja im Grunde immer das größte Kompliment an einen Übersetzer ist. Seine schnoddrige Göre aus den USA spricht in Sätzen, die prägnant und glaubwürdig auch in deutscher Sprache klingen.

      Ein weiteres Highlight dieser neuen Reihe ist natürlich auch das Intro, gesprochen von Peter Flechtner über einer sehr eingängig komponierten Titelmelodie, die einen sogleich in die richtige Stimmung für den nachfolgenden spannend-amüsanten Mystery-Happen bringt. Diese erweist sich als echter Glücksgriff, denn nichts lässt einen besser in eine Anthologie-Reihe gleiten als eine vertraute Klammer mit hohem Wiedererkennungswert. Hinzu kommt der Text, den Peter Flechtner kongenial spricht. Er weckt Neugierde und lässt gleichzeitig ein Augenzwinkern anklingen. Da wurde so ziemlich alles richtig gemacht. Gratulation.

      Das trifft auch auf die Cover zu, die einen auf dem Hörspielmarkt völlig eigenen und neuen Stil aufweisen und ebenfalls von hohem Wiedererkennungswert sind. Alexander von Wieding schafft es hier und in den folgenden Episoden, die erzählte Handlung mit einem treffenden Motiv auf den Punkt zu bringen und Lust auf die Geschichte zu machen. Auch dafür: Chapeau!

      Alles in allem für mich ein bockstarker Auftakt zu einer der bemerkenswertesten Reihen-Neuheiten der letzten Jahre. Mit dieser neuen Reihe hat das Team um Contendo-Mastermind Christoph Piaseck exakt den Nerv der Zeit getroffen: pointierte Plots in originellen Settings, hochwertig umgesetzt. Die Midnight Tales sind schon heute eine echte Instanz, und mit dieser Eröffnungsfolge setzt man den Sound einer bis heute andauernden Erfolgsgeschichte.

      Ein durch und durch gelungener Auftakt – amüsant und spannend zugleich!

      #flocke# #flocke# #flocke# #flocke# #flocke#

      > 5 von 5 Sternen <




      Im Ernst? @Butor Nicht mal eine einzige Folge gehört? Na, dann wird's aber Zeit! ;)
      Ich empfehle spontan zum Einstieg Jenseits 2.0.
      Oder, wenn es lieber ein wenig schriller sein soll, Morbide Rosen.
      Oder, wenn es lieber ein wenig weird sein soll, Kindheits-Trauma.
      Oder, wenn es lieber ein wenig mysteriös sein soll, Der nahende Winter.
      Oder eben Folge 1: Eiskalt.
      Ich weiß nicht ob es die Tatsache war, dass es eben Folge 1 war und daher besonders interessant war oder eben weil die Geschichte mir durch „Kühle Luft“ bereits bekannt war, aber diese Folge ist mir sehr stark in Erinnerung geblieben. Das freche Mädel, die Mischung zwischen Humor und Phantastik, die Folge hatte was und ich kann mich noch gut an den Inhalt erinnern. Die anderen Folgen habe ich zu einem großen Teil leider schon vollkommen vergessen. Von daher eine sehr gute Idee auch diese Serie intensiver zu besprechen :thumbsup: #danke# #dafuer#
      Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

      Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

      Markus G. schrieb:

      Die anderen Folgen habe ich zu einem großen Teil leider schon vollkommen vergessen.


      Geht mir ähnlich. Genau das war auch mein Antrieb. ;)
      Aber wie gesagt, ich lasse mir Zeit damit.

      Ich mache immer gern eine Pause von meiner Schreibtischarbeit, indem ich mich Hörspielthemen bzw. einem Forumsbesuch widme. Aber ich muss aufpassen, dass ich nicht zu sehr prokrastiniere. Das rächt sich dann immer nach hintenraus. ;)
      An mir ist die Serie auch bis jetzt vorbei gegangen.
      Ich dachte irgendwie das eher in Richtung Grusel geht und das ist nicht unbedingt mein Favorit.
      Danke @Hardenberg #top# ich werde vielleicht da doch mal reinhören .
      „Es gibt, wie bereits festgestellt wurde, zwei Typen von Menschen auf der Welt. Da sind jene, die - wenn man ihnen ein exakt halbvolles Glas reicht - sagen: 'Dieses Glas ist halbvoll.' Und dann gibt es jene, die sagen: 'Dieses Glas ist halb leer.' Die Welt gehört jedoch jenen, die das Glas anschauen können und sagen: 'Was ist mit diesem Glas los? Entschuldigen Sie? Entschuldigen Sie? Da soll mein Glas sein? Mein Glas war voll! Und es war größer!'" (Terry Pratchett)
      Das würde mich sehr freuen. @Rincewind Und lass Dich bitte nicht von den eher sehr kritischen Folgenbesprechungen schrecken, die es auch immer mal wieder geben wird. Bei dieser Reihe gibt es, was die Geschichten angeht, viel Licht und viel Schatten. Die Hörspiele sind aber handwerklich immer auf höchstem Niveau, und die besten Einträge in die Reihe sind wirklich durch und durch hörenswert. :)
      So, heute dann folgt meine Besprechung von Folge 2 dieser alles in allem wunderbaren Reihe.

      Midnight Tales (02) Das Loch in den Dielen




      >> WARNUNG: Diese Besprechung kommt nicht ohne gravierende SPOILER aus! <<


      Inhalt
      James Wallace erhält einen Brief eines alten Freundes, eines eigenbrötlerischen Wissenschaftlers namens Ezra Jennings, der ihn darum bittet, ihn in seinem Haus aufzusuchen. Gemeinsam mit seiner Frau Anna macht sich James also auf den Weg. In dem einsam gelegenen Haus des Professors angekommen, ist von diesem jedoch keine Spur zu finden. Stattdessen fordert Jennings die beiden in einem Brief auf, im Haus zu bleiben, bis er zurückgekehrt sei und bittet sie, nach einem Loch in den Dielen Ausschau zu halten, sich jedoch vorzusehen, weil es dazu in der Lage sei, Dinge anzuziehen.
      Das Paar findet tatsächlich ein handtellergroßes Loch unter einem Teppich, dahinter Dunkelheit und der Geruch nach Salzwasser. Am nächsten Morgen liegt neben dem Loch ein neuer Brief des Professors, in dem dieser von einer Verbindung des Lochs mit der gegenüberliegenden Erdhälfte berichtet und die Gefahr einer fremden Macht auf der jenseitigen Seite andeutet. In einer weiteren Nachricht dann warnt der Professor, dass es zu spät sei: die fremde Macht werde kommen und durch das Loch ein Nervengift strömen lassen, mit dem ganz Europa ausgelöscht werden könne. Darum solle James das Loch umgehend verschließen.
      Noch während James also die Mahnung des Professors befolgt, entdeckt Anna zwei fremdländisch aussehende Männer, die ums Haus schleichen. Kundschafter der feindlichen Macht, wie James sogleich vermutet. Er ergreift die Waffe, die Anna zuvor im Haus gefunden hat und schießt auf die eindringenden Männer, wird jedoch niedergeschlagen.
      Als er wieder erwacht, sieht er sich plötzlich zwei Polizisten gegenüber, die ihn zu einer Truhe führen, in der der Leichnam des Professors liegt. Sie nehmen James wegen Mordes fest. Als dieser sich hilfesuchend an Anna wendet, damit diese seine Geschichte bestätigt, gibt diese plötzlich vor, nicht zu wissen, wovon er spreche. Sie hat die Polizei gerufen, weil sie bemerkt habe, dass James nicht mehr bei Sinnen sei.
      Nach einem Zeitsprung hören wir James im Gefängnis mit seinem Anwalt sprechen. Sein Gnadengesuch ist abgelehnt worden. Das Loch in den Dielen hat sich als einfaches Astloch herausgestellt, das vergrößert worden und mittels eines Rohres mit einer Regentonne voll Meerwasser verbunden ist. Das Gericht hält James‘ Geschichte für unglaubwürdig. Da der Professor James als Alleinerben eingesetzt hatte, glaubt dieser nun, dass Anna hinter dem Komplott steckt, um ihn beiseite zu schaffen und das Vermögen zu erben. Für James gibt es keine Hoffnung mehr. Er beschließt, einen Bericht über die Ereignisse zu schreiben, dann hört er Schritte auf dem Gang vor seiner Zelle: er wird zur Hinrichtung abgeholt.


      Meinung
      Mit Das Loch in den Dielen präsentierte uns Contendo Media im März 2020 bereits die zweite Folge der neuen Anthologie-Reihe Midnight Tales, die mit Eiskalt so wunderbar gestartet war. Dieses Mal wird eine Geschichte rund um ein mysteriöses Loch im Boden geschildert, das den Aufhänger für eine Verkettung mysteriöser Umstände bildet, die in gerade einmal 36 Minuten Hörspiel-Lauflänge geschildert werden. Dabei wird so einiges wieder gut und richtig gemacht: So bereitet schon der Auftakt der Folge – James Wallace schreibt mit einer Feder seinen Bericht auf einen Zettel, während im Hintergrund spürbar das Unheil dräut – eine wohlige Atmosphäre des Grusels, die an beste Umsetzungen von Werken der Schauerromantik erinnert. Sounddesign und Musikuntermalung schaffen es, diese Stimmung über weite Teile des Hörspiels zu halten. Wenn das Ehepaar das Loch in den Dielen entdeckt, wird dies die ganze Zeit mit Geräuschen und Klängen untermalt, die die mysteriöse Handlung gekonnt unterstreichen, und auch die Sprecher fügen sich optimal in diesen Anspruch ein. Sascha von Zambelly und Simone Röbern als ungleiches Paar, bei dem sie hinter den seltsamen Vorfällen zunächst einen Aprilscherz vermutet (die Freunde neigten dazu, sich gegenseitig auf den Arm zu nehmen, und heute ist der 1. April), während James sofort eine Bedrohung sieht, liefern eine im Grunde tadellose Leistung ab. Von der handwerklichen Seite bei der Umsetzung des zugrundeliegenden Skripts ist daher nichts zu beanstanden. Sprecher, Regie und Sounddesign leisten souverän ab.

      Wenn diese Folge allerdings dennoch nicht befriedigt, hat das einen ganz einfachen Grund: das Skript.

      Ich dachte zunächst, auch beim Loch in den Dielen handele es sich um eine Geschichte von Julie Hoverson, und ich wollte eigentlich schon weit ausholen zu einem leicht verwirrten Kommentar, in dem ich bekunde, wie unverständlich es mir ist, dass die Autorin der Vorgängerfolge Eiskalt bei dieser zweiten Folge eine so kritikwürdige Leistung abgeliefert hat – bis ich bemerkte, dass ich ihr Unrecht damit getan hätte, da das Skript zu dieser Folge nicht von ihr, sondern von Marc Freund geschrieben wurde. Da schloss sich für mich der Kreis, und ich die Welt war wieder vom Kopf auf die Füße gestellt, denn diese Geschichte weist die wichtigsten Schwachpunkte auf, die ich bei Skripten von Marc Freund schon zuvor und auch noch danach oft kritisiert habe.

      Dieser Autor ist mir nämlich schon in der Vergangenheit mit einer sehr zwiespältig zu bewertenden Leistungsbilanz aufgefallen: Einerseits hat er wirklich einiges Talent, interessante Settings zu schaffen, eine einnehmende Atmosphäre, Plotprämissen, die einen als Hörer dranbleiben lassen – andererseits neigt er dazu, seine überzeugenden Konstruktionen nach hinten raus mit entschiedener Konsequenz wieder zu versemmeln, weil ihm viel zu oft der lange Atem fehlt, all das, was er uns als Einstieg in seine Geschichten geboten hat, schlüssig und nachvollziehbar aufzulösen. Am Ende wird es dann viel zu oft unlogisch, wenig nachvollziehbar oder schlicht hanebüchen. Und das trifft leider auch auf Das Loch in den Dielen zu.

      Rekapitulieren wir die Handlung noch einmal: Ein Mann bekommt einen Brief von einem alten Freund, der ihn zu sich bittet. Er fackelt nicht lange und reist hin. Der Freund ist nicht da. In einem Brief wird er aufgefordert, ein Loch in den Dielen zu suchen und sich davor zu hüten. Schon hier stutze ich zum ersten Mal als Hörer. Warum soll er ein Loch suchen, wenn er sich doch davor hüten soll? Warum soll er im Haus bleiben, wenn der Freund offensichtlich nicht weiß, wann er zurückkehren wird? Je weiter die Handlung voranschreitet, desto unverständlicher wird diese Prämisse, denn wenn wir dem Professor glauben, lauert dort ja eine Gefahr, wie er betont. Warum sollte er seinen Freund dem aussetzen, ohne zu konkretisieren, was genau dort lauert? Warum schickt er ihn nicht einfach nach Hause? Am Ende wissen wir: Er durfte nicht gehen, weil die Ehefrau ihn noch dort brauchte, um ihren Plan zu vollziehen. Das mag in der Konstruktion des Autors nachvollziehbar sein, auf der Handlungsebene ist es das nicht. Man hätte das also ganz anders motivieren müssen.

      Überdies streut die Frau mehrmals ein, dass sie das Ganze für einen Aprilscherz hält. Was im Grunde ein völlig unnötiger Hinweis ist. Sie tut es natürlich nur, weil der Autor einen roten Hering braucht, um von der Ehefrau abzulenken. Natürlich wittert man denn auch als Alternative zu echtem Übel im Loch die ganze Zeit über einen schlechten Scherz des Professors – so ist dann das Ende besonders wirkungsvoll, glaubt der Autor, wenn sich nämlich herausstellt, dass in Wahrheit die Ehefrau alles inszeniert hat, um ihren Mann aus dem Weg zu schaffen.

      Ich verstehe die Motivation des Autors. Und grundsätzlich ist das ein origineller Einfall. Aber es ist alles andere als gut umgesetzt, denn gerade die Aprilscherz-Tradition lässt den Mann, James Wallace, wie einen kompletten Idioten dastehen, der im Grunde nicht voll zurechnungsfähig ist, denn wenn es tatsächlich dieses Spiel der beiden Freunde gibt und es heute ausgerechnet der 1. April ist, dann erstaunt mich als Hörer, dass James nicht für eine Sekunde auf die Idee kommt, dass das alles nur ein blöder Witz ist. Sein völlig unkritisches Verhalten ist absolut lebensfremd und lässt diese Figur nicht wie ein lebendiges Lebewesen, sondern einzig wie eine papierne Konstruktion erscheinen.
      Aber selbst wenn er hinter dem Berichteten einen Scherz vermutet hätte, wäre das alles nicht besser gewesen. Welcher erwachsene Mann, Wissenschaftler sogar, lässt sich so einen Blödsinn einfallen, um einen Aprilscherz auszurichten. Ein Aprilscherz lebt ja gerade davon, dass derjenige, der hereingelegt werden soll, glauben kann und glauben soll, dass das, was man ihm vormacht, der Wahrheit entspricht, Aber welcher halbwegs klare Mensch bei Verstand würde eine so irrsinnige Geschichte von einem Loch im Boden glauben, das auf die andere Seite der Erde führt und durch das eine feindliche Macht ein Nervengas leiten will, mit dem von einem Haus in der englischen Einöde aus ganz Europa vergiftet werden kann?! Entschuldigung, aber das ist einfach dummes Zeug, das nicht mal der Zeitungsjunge im Nachbardorf für sonderlich wahrscheinlich gehalten hätte. Wobei wir angesichts der Nervengasgeschichte auch gern den zeitlichen Kontext des Ganzen hinterfragen dürfen, denn James Wallace erzählt seine Geschichte in einem Bericht aus dem Gefängnis, und wir hören deutlich, wie die Feder über das Papier kratzt und er sie in ein Tintenfässchen taucht. Wann soll denn das Ganze sich überhaupt zutragen? Und wäre eine solche Nervengas-Drohung in diesem zeitlichen Kontext überhaupt nachvollziehbar?

      James Wallace ist also von Anfang an völlig unkritisch, was die Geschichte angeht, die ihm da aufgetischt wird, obwohl die alles andere als lebensnah klingt. Der Professor fordert ihn dann auch eindringlich auf, das Loch schnell zu verschließen, ehe die feindliche Macht auf der anderen Seite der Erde das Nervengas hindurchströmen lassen kann, und er macht sich natürlich sogleich an die Arbeit.
      Auch hier: völlig hanebüchen!
      Wenn James tatsächlich an die (völlig unglaubwürdige) Bedrohung glaubte, wäre es doch wohl viel nachvollziehbarer gewesen, wenn er die Polizei informiert hätte. Die Ausrede, dass er das nicht gemacht hat, weil diese ihm sicherlich nicht geglaubt hätte, taugt hier nicht, denn er selbst ist ja fest davon überzeugt, und er hat ja auch (noch) die Briefe zum Beleg seiner Befürchtungen. Aber nein, das, was ein normaler Mensch machen würde, macht James Wallace natürlich nicht. Darf er ja auch nicht, denn sonst würde das Konstrukt des Autors nicht aufgehen: Er braucht Wallace ja im Haus, damit die Schurkin ihr böses Spiel zu Ende bringen kann. Polizisten, von James gerufen, hätten da natürlich nur gestört. Diese hätten ihn ja vielleicht zur Vernunft gebracht oder vor der Zeit den toten Professor finden können – und mit ihm die Hinweise der Frau, die diese gestreut hat, um ihren Mann in die Situation zu bringen, in der sie sich nun befinden.

      Also schreitet die Handlung unaufhaltsam im Sinne des Autors voran. Die Frau erzählt von fremdländisch aussehenden Männern, die das Haus umschleichen. James ergreift sofort die Waffe und ballert los, aber es sind in Wahrheit Polizisten, die Anne gerufen hat, um zum letzten Teil ihres Plans zu schreiten. Natürlich ist die Konfrontation, die den Schüssen vorangeht, so konstruiert, dass sie im Halbdunkel stattfindet, sonst hätte James zwangsläufig an den Uniformen erkannt, dass die Männer, die ihm entgegentreten, Polizisten der Brighton Police sind. Und natürlich haben sich die Männer zuvor lautlos Zutritt zum Haus verschafft, damit James auch unter keinen Umständen zu früh erfährt, dass es sich bei ihnen um Gesetzeshüter handelt und eben nicht um Schurken.

      Wo wir bei dieser Geschichte also hinschauen: Das Plot-Konstrukt quietscht und knarrt an allen Ecken und Enden.

      Und es wird nicht besser. Wenn wir nämlich das Ganze mit dem Wissen vom Ende noch einmal betrachten, dann kommt die Geschichte noch immer ebenso schlecht weg. Der Autor will uns also mit seinem Plot erzählen, dass eine Frau, die ihres Mannes überdrüssig ist und gern im Besitz von viel Geld wäre (der Professor hat seinen Freund James nämlich zum Alleinerben gekürt) dieses ganze Brimborium auffährt, um ihn loszuwerden. Im Ernst? Okay, mit leichtem Sarkasmus könnte man konstatieren, dass die grundsätzliche Motivation, den Kerl an ihrer Seite loswerden zu wollen, angesichts der Naivität und Leichtgläubigkeit, die er während der ganzen Handlung aufweist und die im Grunde bereits die Grenze zur Unzurechnungsfähigkeit überschreitet, durchaus nachvollziehbar erscheint. Aber welcher Mörder würde einen so – sorry! – bekloppten Weg wählen, um an sein Ziel zu gelangen? Sie bringt ihren Mann dazu, eine schwachsinnige Geschichte zu glauben, damit dieser dies vor Gericht bekundet, der Richter das Erzählte für einen untauglichen Versuch hält, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, und sich bestärkt darin sieht, vor sich einen Mörder zu haben. Kommt denn niemandem seltsam vor, dass James eine so offensichtlich hanebüchene Geschichte erzählt? Fragt denn keiner nach, warum er sich so verständnislos zeigt, weil seine Frau Anna seine Geschichte nicht bezeugt? Bemerkt niemand, dass der Professor schon vor der Ankunft von James und seiner Frau getötet worden sein muss? Ich könnte wohl noch viele Fragen anfügen. Das passt einfach alles hinten und vorn nicht.

      Dieser minutiöse Mordplan hängt an so vielen Zufälligkeiten und Unwägbarkeiten, dass er von Anfang an nur gelingen kann, wenn man sich die Welt, in der er vollzogen wird, als ausschließlich von intellektuell Minderbemittelten bevölkert vorstellt.

      Mal abgesehen davon, dass mir auch Annas Motiv absurd erscheint: Sie inszeniert das alles, damit ihr Mann wegen Mordes gehenkt wird – um dann das Vermögen des Professors erben zu können, dessen Alleinerbe ihr Mann ist. Aber wie soll das überhaupt gehen? Wenn ihr Mann des Mordes für schuldig befunden wird, ist er erbunwürdig. Ich bin sicher, dass das im England der erzählten Zeit nicht anders ist als heute. Und wenn James erbunwürdig ist, kann er das fremde Vermögen logischerweise auch nicht weitervererben. Wenn der Haupterbe erbunwürdig ist, dann geht das Erbe auf den nächsten Verwandten des Verstorbenen über. Und wenn es den nicht gibt, erbt das Königreich. – Und wer den Erblasser ermordet, ist ganz sicher erbunwürdig.

      Dieses ganze Komplott macht also überhaupt keinen Sinn. Ebenso wie dieser Einfall, ein Loch mit einem Rohr und einer Regentonne voll Meerwasser zu verbinden. Ich finde ja die Grundidee ganz charmant, aber wer, in Gottes Namen!, würde sich ein solch absurdes Szenario ausdenken, um einen Mordplan darauf aufzubauen?
      Mal abgesehen davon, dass diese ganze Regentonnen-Konstruktion unter dem Boden überhaupt nicht hinterfragt wird. Alles, was die Mordtheorie in Zweifel zieht, wird einfach geflissentlich von den wesentlichen Akteuren im Hintergrund der Geschichte ignoriert, um James am Ende an den Galgen bringen zu können. Aber das wahre Opfer dieser Geschichte bleibt am Ende die Glaubwürdigkeit.

      Nee, das war nichts. Mit den ersten beiden Folgen zeigen die Midnight Tales bereits die Bandbreite, auf die wir uns bei dieser Reihe gefasst machen müssen: Es gibt immer wieder wirklich ausgezeichnete Episoden, originell und spritzig, dazwischen so manche Geschichte, die sich gut nebenbei hören lässt, aber immer mal wieder auch Folgen, die, in erster Linie was die Skripte angeht, deutliche Mängel aufweisen.

      Ich weiß, einige werden einwenden, die Midnight Tales wollten einzig unterhalten, sie haben nicht den Anspruch, tiefgründige Gedanken über die Welt zu formulieren, aber auch eine Geschichte, die „nur“ unterhalten will, muss einer handlungsinternen Logik folgen und, sofern sie vorgibt, in unserer Welt zu spielen, glaubhaft sein und glaubhaft bleiben. Diese Grundanforderung erfüllt Das Loch in den Dielen absolut nicht, jedenfalls aus meiner Sicht.
      Dabei sehe ich durchaus den guten Willen bei dieser Folge, was die Sprecherinnen und Sprecher, was die Regie von Christoph Piasecki und das Sounddesign von Erik Albrodt angeht, aber das alles verpufft leider, wenn am Ende die Geschichte nicht überzeugt. Und diese Geschichte hier hat mich nicht überzeugt. Nicht für eine Sekunde. Ich fand sie von Anfang bis Ende unglaubwürdig. Sogar ärgerlich unglaubwürdig. Und ein Hörspiel steht und fällt nun mal mit der Handlung.

      Handwerklich gut umgesetztes Hörspiel mit einer von Anfang bis Ende ärgerlich kruden Geschichte!

      #flocke# #flocke#


      > 1,5 von 5 Sternen <


      (Da halbe Sterne sich im Hörspieltalk leider nicht darstellen lassen, bin ich gezwungen, aufzurunden.)


      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von „Hardenberg“ ()

      So, heute passte es mal wieder, die Folgen sind ja nicht so lang, also geht es direkt weiter mit Folge 3.


      Midnight Tales (03) Futterneid



      (Bildquelle: amazon)


      Sprecher
      Max - Uve Teschner
      Eve - Katja Liebing
      Grant - Tobias Brecklinghaus
      Dylan - Michael Pan
      Mutter - Liane Rudolph
      Dean - Bastian Sierich
      Spade - Joachim Tennstedt

      Inhalt
      Die Welt im Jahre 2099. Ein Atomkrieg hat die Erdoberfläche verwüstet und den Menschen die Lebensgrundlage entzogen. Tiere und Pflanzen sind verseucht, die Menschen haben ihr Leben in unterirdische Schächte verlegt, durch die früher die U-Bahnen fuhren, und sie leben in Wohnblöcken, deren Außenmauern fest ummantelt sind, so dass weder Strahlung noch Sonnenlicht zu ihnen vordringen kann. Nahrung ist knapp. Nur wer schwer arbeitet, bekommt überhaupt karge Nahrungsrationen zugeteilt, die es braucht, um die Arbeiten verrichten zu können.

      Wir lernen Max kennen, der sich zusammen mit seiner Frau Eve um seine kranke Mutter kümmert. Ihre Nahrungsreserven sind stets knapp. Die Mutter kann nicht mehr arbeiten, die beiden anderen müssen sie mit ihren wenigen Mitteln unterstützen. Eve drängt ihren Mann, endlich die zustehenden Überstunden-Rationen von seinem Chef einzufordern, doch dieser stellt sich stur, hält Max wieder und wieder hin, um ihn dazu zu bringen, noch weitere notwendige Arbeiten zu erledigen.
      Bei einem dieser Arbeitseinsätze, an dem auch sein entkräfteter Kollege Grant teilnimmt, geschieht ein Unglück. Grant verletzt sich so schwer, dass er nicht mehr arbeiten kann. Auf der Krankenstation stellt sich heraus, dass er sterben wird. Nicht jedoch wegen des Unfalls, sondern weil er kein Essen mehr zu sich nehmen kann. Er gesteht Max, dass er wider besseren Wissens einen Diebstahl begangen hat und dabei erwischt wurde. Die Konsequenz ist drastisch: Ihm wurde eine Sonde in den Kopf implantiert, die dafür sorgt, dass feste Nahrung nicht mehr vom Körper gehalten werden kann, nur Wasser kann er noch aufnehmen – was zur Folge hat, dass Grant langsam, aber sicher verhungern wird. Grant überlässt Max seine letzten Nahrungsreserven, und dieser ist somit für einige Zeit abgesichert.

      Zu Hause stellt sich Euphorie ein über den überraschenden Wohlstand, von dem Eve nicht erfährt, wo er eigentlich herrührt. Doch die Tage gehen dahin und mit ihnen die Vorräte, und am Ende stehen sie wieder da, wo sie zu Beginn gestanden haben.
      Ein paar Monate später ist Eve trotz aller Vorsichtsmaßnahmen schwanger. Der Versuch, die Schwangerschaft abzubrechen, scheitert an den hohen Kosten. Die Schwangerschaft zehrt an Eves Körper, sie verlangt nach Fleisch. Auch Max verzweifelt zusehends. Schließlich bricht er in seiner Not auf und begeht einen Raubmord. Doch er wird erwischt. Es gelingt ihm zwar, die Beute zu verstecken, doch ihm blüht nun dasselbe Schicksal wie Grant.
      Eve will sich nicht damit abfinden. Sie will versuchen, einen der Ältesten milde zu stimmen, gerät dabei aber an einem Staatsbediensteten, der ihr seine Unterstützung in Aussicht stellt im Gegenzug zu körperlichen Gefälligkeiten. Notgedrungen lässt sie sich darauf ein.

      Wenig später trifft Eve ihren Mann zu Hause an. Er ist entlassen worden. Und er hat sich und seiner Frau ein Mahl zubereitet: Fleisch, wie sie es wollte. Sein Hunger ist unverändert groß. Alles scheint sich zu Besten gewendet zu haben. Doch wie sich zeigt, ist es nicht, wie es scheint…


      Meinung
      Wow! Was für eine Folge! Das habe ich schon beim ersten Hören gedacht, und ich habe es auch jetzt beim Wiederhören so empfunden. Wir haben es hier mit einer kleinen, unterhaltsamen Reihe mit außergewöhnlichen Geschichten zu tun, da erwartet man ein bisschen Spannung und ein bisschen Augenzwinkern und am Ende vielleicht einen kleinen Twist, bevor die wunderbare Musik wieder einsetzt, aber was Christoph Piasecki uns mit dieser dritten Folge anbietet, ist ganz großes Kino, komprimiert auf gerade mal 43 Minuten Laufzeit. Unfassbar!

      Und diese Episode fängt schon auf dem höchsten Level an, nämlich wenn die bekannte Titelmusik inklusive des Intros von Sprecher Peter Flechtner endet, und wir von einem Erzähler in die Welt eingeführt werden, in der die Geschichte spielt. Autor Erik Albrodt gelingt es, mit nur wenigen (erzählerischen) Pinselstrichen eine Endzeit-Welt vor unserem inneren Auge entstehen zu lassen, die wirkt, als wäre sie der Ausgangspunkt für eine ganze Serie von Geschichten mit weitem Handlungsbogen. Kaum sind wir eingeführt, werden wir auch schon in das Leben von Max und Eve geschleudert, dem unseligen Paar, das unter bedrückenden Bedingungen versucht, ihr beschwerliches Leben zu meistern.
      Protagonist Max wirkt dabei fast wie der Protagonist in einer griechischen Tragödie: von allen Seiten her scheint er das Unheil anzuziehen, und er versucht nach Kräften, sich dagegenzustemmen, doch wir spüren, wie das Unglück immer näherkommt. Es ist ein aussichtsloser Kampf, das ahnen wir schnell. Er wird ihn wohl kaum gewinnen können.

      Wie Albrodt hier die Charaktere sich entfalten lässt, wie er sie in dieser fremden Welt so selbstverständlich agieren lässt, dass sie auch mir als Hörer plastisch und glaubwürdig erscheint, das ist wirklich eine erstaunliche Leistung dieses Autors. Und er schafft es, seine Geschichte derart pointiert zu erzählen, dass sie im Nachhinein erscheint, als müsste sie eine viel längere Laufzeit haben, so viel, wie uns da gerade erzählt wurde – und doch klingt das Ganze nicht für eine Sekunde gehetzt. Für mich wirklich eine ganz tolle Skript-Arbeit!

      Und bei alldem schwankt das vermittelte Gefühl ständig zwischen Euphorie und Tragik. War gerade die Mutter noch zu Tode betrübt, weil sie der Familie zur Last fällt, überlagert im nächsten Moment der Schreck über das Schicksal von Max‘ Kollegen Grant jedes Gefühl, um sich dann wieder in Euphorie zu wenden, weil für eine kurze Zeit die Not aus der Welt ist – nur um dann wieder in alte Resignation zu fallen. Und bei alldem bleibt die Geschichte, bei allen Wechseln, jederzeit glaubhaft. Es ist nicht unsere Welt. Sie funktioniert zu ganz anderen Bedingungen. Freude und Leid liegen dort viel näher beieinander. Und man kann sich selbst in der größten Trübsal noch auf eine beinahe verrückte Weise über jedes noch so kleine Stückchen Essensration freuen, weil der Schmerz des Hungers so gewaltig ist und nichts mehr zählt im Vergleich zu dieser tiefgreifenden Not. Nicht mal der Tod eines Freundes. Womit auf hervorragend subtile Weise der weitere Verlauf der Handlung zumindest schon mal angedeutet wird.

      Grant hat die Not dazu getrieben, jede Vernunft fahren zu lassen – es hat ihn am Ende das Leben gekostet, und auch Max lässt sich dazu treiben, wenn auch auf andere Weise. In dieser Welt ist man nicht mehr dazu in der Lage, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Denn es gibt, das wird deutlich, keine echten Alternativen mehr. Die Rationen sind zu klein, um zu bestehen, in jedem Fall. Man muss erfinderisch werden. Oder leichtsinnig.

      Womit wir zum Ende kommen. Als wäre die Not nicht so schon groß genug, findet sich in dieser düsteren Welt immer noch jemand, der sie noch schlimmer zu machen weiß. In Eves Fall ist es der Regierungsbeamte, der ihre Not ausnutzt, um sie sexuell gefügig zu machen. Sie geben alles, beide, Max und Eve, und am Ende scheint es, als wäre beinahe so etwas wie ein Happy End möglich, doch ohne zu viel verraten zu wollen: am Ende kommt es anders, als man denkt.

      Eine tolle, kleine, düstere, grausame Geschichte, die uns Erik Albrodt und die Midnight Tales mit dieser dritten Folge servieren. Ein drittes Mal wagt die Reihe somit ein völlig neues Setting und beweist am Ende, dass sie damit alles richtig macht. Spätestens jetzt wird klar, dass die Midnight Tales eine wahre Wundertüte sind, bei der man vorher nie weiß, was man bekommt. In Fall von Futterneid ist es eine unglaublich intensive und unfassbar böse Geschichte von Verzweifelten in einer Endzeitwelt.

      Das Skript ist hervorragend. Das Sounddesign steht dem in nichts nach. Exemplarisch sei auf die Szene verwiesen, in der Max in seiner Not losrennt, um einen Raubmord zu begehen. Ich kann mir denken, wie die meisten anderen Hörspielmacher das umgesetzt hätten: mit einem Erzähler oder redundanten Dialogzeilen, also tendenziell öde – hier wird ein anderer Versuch unternommen: Piasecki und Albrodt versuchen, uns diese Szene mit rein akustischen Mitteln zu erzählen, es wird von Max kein Wort gesprochen, auch einen Erzähler gibt es hier nicht, wir müssen also ganz genau hinhören, was vor sich geht, und uns die Leerstellen eigenständig erschließen.
      Das finde ich großartig. Dass Hörspielmacher auch versuchen, es sich nicht zu leicht zu machen, Szenen anders anzulegen, Geschichten mehr durch rein akustische Ausdrucksmittel zu transportieren und nicht bloß über Dialoge – und dass sie vor allem die Hörerinnen und den Hörer nicht unterschätzen, sondern ihnen zutrauen, auch so zu verstehen, was im Hörspiel gerade vor sich geht. Dafür von mir ein fettes Extralob.

      Auch die Sprecherinnen und Sprecher sind toll, Uve Teschner als verzweifelter Max, Katja Liebing als seine drängende Ehefrau sowie Liane Rudolph als leidende Mutter. Dazu die Unsympathen dieser Episode: Joachim Tennstedt als gnadenloser Chef und vor allem Michael Pan in seiner Rolle als schmieriger Bediensteter, der die Not einer jungen Frau ausnutzt.

      Wirklich, mit dieser Folge hat man einfach alles richtig gemacht, was man richtig machen kann. Eine rundum gelungene Geschichte, pointiert erzählt, keine Sekunde langweilig, mit der ganzen Bandbreite an Gefühlen, die möglich sind – und mit einem fetten Twist am Ende, der es wirklich in sich hat!

      Kurz und gut: Besser geht’s nicht!

      #flocke# #flocke# #flocke# #flocke# #flocke#

      > 5 von 5 Sternen <




      Tolle Beschreibungen! Interessanter Weise kann ich mich an diese Folgen alle noch sehr gut erinnern. Die Dielen-Folge hatte was und hat mir trotz (oder wegen) der Kritikpunkte ziemlich gut gefallen. Auch Folge 3 war so richtig „böse“ und hat @AliBaba s Können wieder großartig aufgezeigt. Böse, böse, böse. Die bis dahin beste Folge, aber ich gebe zu in Anbetracht der Apokalypse eine Geschichte zu der ich aufgelegt sein muss. Aktuell möchte ich sie nicht hören.
      Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

      Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

      Markus G. schrieb:

      Tolle Beschreibungen! Interessanter Weise kann ich mich an diese Folgen alle noch sehr gut erinnern. Die Dielen-Folge hatte was und hat mir trotz (oder wegen) der Kritikpunkte ziemlich gut gefallen.


      Sorry, ich war die letzten Tage sehr eingespannt und konnte darum immer nur mal kurz ins Forum eilen.
      Danke für das freundliche Feedback. :)
      Aber was meinst Du mit dem "wegen"? Also dass Du eine Folge trotz Logikschwächen magst, könnte ich verstehen. Geht mir bei manchen Sachen auch so. Da ist dann zB die Atmosphäre so stark, dass mich das von den Ungereimtheiten ablenkt. Aber explizit wegen etwaiger Schwächen habe ich persönlich noch kein Hörspiel jemals gemocht.
      Ist das bei Dir anders?
      Jetzt hast Du mir was zum Grübeln mitgegeben... ;)
      Da hast Du schon recht - wegen einer Schwäche hat mir eigentlich auch noch nie ein Hörspiel gefallen. :D Aber auf jeden Fall „trotz“ - manchmal schaffe ich es mich so in ein Hörspiel fallen zu lassen, dass ich beim Hören gar nicht so ins Detail gehe und mich treiben lassen. Wenn ich dann bei manchen Hörspielen wirklich drüber nachdenke, nachbohre und tiefer gehe, dann fallen mir auch öfters solche Logiklöcher, Fehler auf. Bestes Beispiel sind sicherlich die Folgen der HG Francis Reihe. Da kann man ja in Fehler waten. Eventuell wäre vielleicht diese Serie zu nennen, dass ich sie gerade wegen der Fehler und Schwächen liebe. Aber grundsätzlich ist es natürlich ein Blödsinn. Also bitte streiche das „wegen“. Da hab ich zu wenig nachgedacht was ich geschrieben habe ;)
      Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

      Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#
      Okay. :)
      Aber ich verstehe das mit dem Sich-Treiben-Lassen schon auch. Aber in gewisser Weise hat das Erwachsen-Werden mich in dieser Hinsicht ein wenig "versaut". Mich springen Ungereimtheiten regelrecht an. Ich suche gar nicht danach. Sondern es ist wie eine schrille Disharmonie, die sich in mein Ohr bohrt. Bei meinen Besprechungen versuche ich dann, das argumentativ zu unterfüttern. Aber es ist nicht etwa umgekehrt: Dass ich etwa ein Hörspiel top fände, dann höre ich es mir nochmal genauer an und finde es plötzlich doof.
      Aber wie gesagt: Es gibt Hörspiele, die sich zB atmosphärisch so stark, dass das inhaltliche Schwächen ausgleicht. Das ist zB heute noch so bei einigen alten DDF-Folgen. Da ist einfach weit mehr als nur nostalgische Verklärung.
      Midnight Tales (04) Spurlos



      (Bildquelle: amazon)


      Es sprechen:

      Bradley Ellerbee - Matthias Keller
      Jennifer Elleree - Christina Puciata
      Bobby - Roman Wolko
      Daniel - Justus Jonas Ellerbrok
      sowie
      Dirk Hardegen
      Bert Stevens
      Anna Dramski


      Inhalt
      Auf der Farm der Familie Ellerbee verschwindet eines schönen Tages in den 50’er Jahren unversehens ihr kleiner Sohn Daniel. Eine fieberhafte Suche der Eltern beginnt. Doch Daniel ist nicht der einzige, der verschwindet. Etwas Seltsames geht vor in der kleinen Gemeinde in Utah.


      Meinung

      Die Reihe Midnight Tales und mit ihr Mastermind Christoph Piasecki präsentieren uns mit dieser vierten Folge das Debut des Autors Frank Hammerschmidt, und ein weiteres Mal wird mit dieser Episode ein völlig neues Setting präsentiert. Die weite Einöde Utahs ist sehr schön eingefangen, dazu die kleine Gemeinde mit Polizei und Diner – Hammerschmidt gelingt es, all dies mit nur wenigen erzählerischen Pinselstrichen darzustellen, und Piasecki und sein Sounddesigner Marek Schaedel vermögen es vortrefflich, das alles dann mit adäquat akustischer Umsetzung zu authentischen Leben zu erwecken.
      Die Episode wird in gerade einmal 35 Minuten erzählt, und sie ist dabei sehr straight ausgestaltet. Keine großen Abzweigungen nach rechts oder links: die Geschichte um den verschwundenen, kleinen Jungen und die Suche der Eltern nach ihm stehen im Mittelpunkt der Handlung, wobei immer wieder kleine Details eingestreut werden, die für den weiteren Fortlauf der Handlung noch wichtig sein werden. Dinge sind nicht mehr dort, wo sie eigentlich sein müssten, Menschen sind (vermeintlich gerade) nicht auffindbar, und die Einsicht, dass etwas nicht stimmt, steigert sich ganz allmählich – bis schließlich klar ist, dass doch etwas Größeres hinter Daniels Verschwinden stecken muss.

      Mir gefällt dieser Aufbau der Geschichte. Mir gefällt das Setting, mir gefällt der Ausgangspunkt des Plots, mir gefällt die Atmosphäre. Die langsam anschwellende Stimmung der Bedrohung, die einkehrende Einsicht, dass es nicht nur Daniel ist, der verschwunden ist, sondern noch mehr Menschen, sogar Dinge oder ganze Landstriche – das ist eine überaus originelle Idee, die hier zwar relativ unspektakulär, aber doch wirkungsvoll ausgearbeitet wurde.
      Die Sprecher sind sehr gut ausgewählt und transportieren die Handlung ausgesprochen gut.
      Alles in allem, könnte man meinen, eine weitere Top-Folge…

      …wenn da nicht das Ende wäre.
      Die Midnight Tales leben natürlich vom abschließenden Plot-Twist, von der hochdramatischen Wende am Schlusspunkt, bei dem alles, was zuvor erzählt wurde, noch einmal in einem neuen Licht erscheint – oder doch zumindest eine vage Andeutung diesen Verdacht zulässt. Das muss natürlich auch hier so sein. Aber was uns dann als Erklärung für dieses tolle Mystery-Western-Setting dargeboten wird, ist nicht bloß überraschend – es ist für mein Empfinden so völlig drüber, dass mich das aus meiner Begeisterung in wenigen Minuten viele Stockwerke hinabrauschen lässt und am Ende für ein doch eher ernüchtertes Fazit sorgt.
      War die Idee der Farm in der kargen Weite Utahs und der verschwindenden Menschen überaus originell, ist die Idee, dies dann auf einmal in den letzten Minuten des Hörspiels mit einer Endzeit-SciFi-Bombe platzen zu lassen, für mich mehr als unbefriedigend. Nicht nur erschöpft man sich in einer nur oberflächlichen Begründung für das ganze Szenario, man türmt auch noch eine Art Armageddon auf diese hübsche, kleine Geschichte, unter der diese zwangsläufig ersticken muss. Hier wäre deutlich weniger wirklich mehr gewesen.

      Ich hätte mich gefreut, wenn die Handlung innerhalb der erzählten Welt aufgelöst worden wäre – oder doch zumindest mit Bezug zur erzählten Welt. Wenn etwa Bradley sich als uralter Mann herausgestellt hätte, der sich in die Zeit seiner glücklichsten Lebensperiode hätte zurückversetzen lassen. Aber so, wie es umgesetzt ist, werden hier einfach zwei voneinander komplett unterschiedliche Welten präsentiert, die nichts miteinander zu tun haben. Wird uns die erste noch zurückgenommen und realistisch geschildert, fährt der Abschluss dann auf einmal einen Pomp auf, der, freundlich formuliert, so ungewöhnlich ist, dass mich das Ganze am Ende nicht zu überzeugen weiß.
      Um so ein Ende glaubwürdig zu begründen, hätte es sicherlich eine andere Konstruktion der Handlung bedurft – und mehr Spielzeit, um das alles nachvollziehbar aufzubauen.
      So wirkt es, als wären der Hauptteil und das Ende irgendwie zusammengestückelt worden. Sie bilden für meinen Geschmack kein harmonisches Ganzes, obwohl ich die Idee, den Jungen, der zu Beginn verschwindet, in seinem kurzen Gespräch mit dem Vater über eine ähnliche (fiktive) Welt plaudern zu lassen, in die sich hinterher alles auflöst, schon originell fand.

      Und noch etwas anderes muss ich bemängeln, dieses Mal trifft das die Umsetzung: Die Musik, die im Hörspiel gewählt wird, passt zwar zum Setting, aber nicht immer zur Stimmung. So wird uns der Ausritt des Ehepaars mit dem Freund der Familie als verzweifelte Suche nach dem Kind geschildert, doch die Musik ist eine beinahe optimistische Western-Melodie, die an dieser Stelle überhaupt nicht passt. Auch dass der Freund permanent im Plauderton spricht, stößt etwas auf. Wobei dem Sprecher kein Vorwurf zu machen ist, denn der Smalltalk steht als solcher im Skript. Da hat man für mein Empfinden einiges dramatisches Potential verschenkt, indem man den Freund so geschildert hat.

      Alles in allem also eine über die weitesten Strecken sehr atmosphärische und originelle, wenn auch straight erzählte Geschichte, die zu fesseln vermag, aber leider an einem in meinen Augen eklatant unpassenden Ende krankt, das einfach viel zu sehr drüber ist. So driftet ein Plot mit viel Potential zum Schluss unnötigerweise ins Absurde ab und verleiht dem wirklich spannenden Aufbau unnötigerweise eine etwas trashige Note. Schade. Denn bis zum Abschlusstwist war diese Episode so stark, dass sie sogar bereits am fünften Stern kratzte. So bleibt es am Ende allerdings leider nur eine leicht überdurchschnittliche, aber nicht wirklich durch und durch gute Folge. Für mein Empfinden. Ist der Beginn einer Geschichte misslungen, kann man dies mit dem weiteren Verlauf der Handlung noch wieder einfangen. Überzeugt dagegen das Ende nicht, wirft das seinen Schatten auch auf alles zuvor Gehörte. Und für mich steht und fällt eine Hörspielgeschichte nun mal mit der vollauf überzeugenden Handlung.
      So sehe ich im Fazit also durchaus das große Potential, das dieser Geschichte innewohnt, aber es wird eben auf den letzten Metern nicht nach Hause gebracht, um es im Fußball-Jargon auszudrücken.


      Starkes Setting mit spannend originellem Plot – aber leider auch unpassend überdrehtem Ende!

      #flocke# #flocke# #flocke# #flocke#

      3,5 von 5 Sternen

      (Da halbe Sterne sich im Hörspieltalk leider nicht darstellen lassen, bin ich gezwungen, aufzurunden.)


      Oh ja, eine meiner absoluten Lieblingsfolgen der Reihe! Mysteriös, kurzweilig und Ja das Ende hatte was. Ich fand es sehr originell und gerade für eine solche Serie im Stile der unglaublichen Geschichten des Roald Dahls sehr passend. Es mag bessere Folgen innerhalb der Reihe geben, aber diese Geschichte hat sich in meinen Kopf eingebrannt! Das Aufrunden der Sterne ist aus meiner Sicht durchaus gerechtfertigt ;)
      Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

      Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

      Midnight Tales (05) Die Box



      (Bildquelle: amazon)

      Es sprechen
      Constantin von Westphalen
      Rieke Werner
      Steffen Groth
      Tobias Brecklinghaus
      Gabrielle Pietermann
      Yvonne Greitzke
      Kirstin Hesse
      Sandra Schwittau
      Uve Teschner
      Konrad Bösherz
      Werner Wilkening
      Bruno Winzen
      Tatjana Auster
      u.a.

      Inhalt
      Eine neuartige Reality-Show begeistert das Publikum: DIE BOX. In ihr müssen vier Kandidatinnen und Kandidaten weit über ihre Grenzen gehen und entwürdigende, nicht selten sogar lebensbedrohliche Challenges durchstehen, sich dem Voting der Zuschauerinnen und Zuschauer stellen und regelmäßig die namensgebende Box aufsuchen, um dort mit Stromstößen traktiert zu werden. Am Ende erwartet den Sieger eine hohe Gewinnsumme.
      Die letzten beiden verbliebenen Kandidaten, der eine bereits voller Hass auf Format und Sender, der andere offenkundig nicht mehr ganz bei Verstand, sollen sich dem letzten Duell stellen – doch dann kommt alles ganz anders.

      Meinung
      Fangen wir mit dem formalen Aufbau dieser Folge an: Wir haben ein Reality-Format mit einem Moderator und den vier Kandidatinnen und Kandidaten: Alison, Debbie, Carl und Bart. Das Geschehen um sie ist Zentrum des Erzählten. Alles ist sehr schrill und rasant in Szene gesetzt, ständig durchbrochen von Werbung und der Erwähnung von Sponsoren. Flankiert wird diese Hauptachse des Plots von Einschüben verschiedener Zuschauerinnen und Zuschauer sowie des Produktionsteams im Hintergrund der Sendung. Alle verhalten sich unmittelbar zu dem, was vor der Kamera geschieht: Sie sind fasziniert, sie sind abgestoßen, sie leiden mit, sie machen sich lustig oder sie verhalten sich recht gleichgültig dem Geschehen gegenüber. Autorin Julie Hoverson bemüht sich dabei, verschiedene Charaktere darzustellen, die sich diesem fragwürdigen Format aussetzen. Da ist das Ehepaar mit Sohn, das sind die beiden Freundinnen in einer WG, da sind die Gäste in einer Bar. So entsteht in kürzester Zeit ein breites Tableau an Figuren, die von der Handlung miteingeschlossen werden. Das ist nicht schlecht gemacht. Auch die schnellen Wechsel zwischen den einzelnen Ebenen ist durchaus nicht ungeschickt gelöst. Nur leider ist das alles am Ende viel zu schrill und viel zu grell. Unerträglich grell, möchte ich fast sagen. Es nervt einfach, und man fragt sich als Hörer unweigerlich, was die Zuschauerinnen und Zuschauer an diesem Format finden sollen, das allein durch das ganze Drumherum so nervtötend gestaltet ist, dass man allein vom Zuhören fast den Verstand verliert. Damit wird das zugrundeliegende Thema so überzeichnet, dass der eigentliche Kern darunter kaum zur Geltung kommt. Die Menschen wirken allesamt wie Bekloppte. Und als solche nicht mal authentisch.
      Außerdem wurde die Handlung längst von der Realität eingeholt – und das viel besser. Seit es ein Sendeformat gab, in der kranke Kandidatinnen und Kandidaten vermeintlich um lebensrettende Organe spielen mussten, ist die Message dieses Hörspiels ausreichend transportiert – und zwar viel besser transportiert.

      Ja, Menschen gehen sehr weit für ihre paar Minuten Ruhm. Das wissen wir längst seit Formaten wie Big Brother oder Ich bin ein Star, holt mich hier raus! Und ja, auch die Zuschauerinnen und Zuschauer sind bereit, sehr vieles zu tolerieren, um ihre Sensationsgier und ihren Voyeurismus zu stillen. Das TV-Programm ist seit Jahren voll von verächtlichmachenden Sendungen, die nichts anderes zum Ziel haben, als aus der Bloßstellung von Menschen Kapital zu schlagen.
      Insofern wirkt die Geschichte von Die Box in ihrem Kern und in ihrer Aufbereitung bereits heute seltsam abgegriffen. Schon Dieter Hallervorden durfte sage und schreibe im Jahr 1970 als Kandidat einer vermeintlichen Spielshow um sein Leben bangen, um das große Geld zu gewinnen (Das Millionenspiel von Wolfgang Menge und Tom Toelle), und in den 2020’er Jahren präsentiert man uns nun eine fürchterlich schrille, weit überzeichnete Neuinterpretation des Kerns dieser und anderer Geschichten und glaubt, damit unterhalten zu können. Aber um dieser Art Geschichte etwas Neues hinzuzufügen, hätte es einfach mehr gebraucht.

      So ist die vorliegende Episode, wohlwollend formuliert, eher langweilig – und für mein Empfinden, ehrlich gesagt, auch nervtötend. Ich mag sie nicht.

      An den Sprecherinnen und Sprechern liegt es nicht. Die leisten überzeugende Arbeit. Mit von der Partie ist unter anderem Sandra Schwittau als treue Zuschauerin der Sendung.

      Und dann das Ende… Nun, ich will an dieser Stelle nicht zu viel verraten, denn das braucht es bei der Besprechung zu dieser Folge gar nicht, aber dass es so kommt, war nicht unwahrscheinlich. Die Figuren selbst thematisieren ja ständig, dass die Showrunner dies oder das ja nicht ernstlich tun dürften – und werden stets überrascht davon, dass es doch getan wird. Das lässt im Grunde nur einen logischen Schluss zu, will man das Ganze nicht vollends ins Absurde und Nichtssagende abdriften lassen.

      Vielleicht ist die Folge aber auch für das, was sie will, einfach zu kurz geraten: knappe vierzig Minuten sind nicht viel, um dieser Art Geschichte einen glaubwürdigen Unterbau zu setzen, wenn man gleichzeitig verschiedene Blickwinkel darstellen will. So wirkt eben alles ein wenig gehetzt und sehr oberflächlich. Mich haben jedenfalls weder die Handlung noch die handelnden Figuren auch nur für eine Sekunde berührt. Es rauschte an mir vorüber. Meine einzige Reaktion wohl: eine gehobene Augenbraue.

      Nee, das war nüscht. Für meinen Geschmack. Die Reihe Midnight Tales ist und bleibt eine Wundertüte, aber hin und wieder zieht man eben auch etwas Ungeliebtes heraus. Und das ist hier der Fall. Was verwundert, weil Autorin Julie Hoverson, von der die Vorlage stammt, eigentlich für zumindest unterhaltsame Geschichten steht. Die Box ist leider nicht sehr unterhaltsam.

      Für mich eine klar unterdurchschnittliche Folge ohne jeden Glanzpunkt.

      #flocke#

      1 von 5 Sternen


      Midnight Tales (06) Die endlose Nacht



      (Bildquelle: amazon.de)

      Inhalt
      Eine Familie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei Töchtern, ist auf dem Weg zur Großmutter, um ein wenig Zeit mit ihr zu verbringen, und durchquert zu diesem Zweck mit dem Auto den Mount Packard Nationalpark, als sich plötzlich der Himmel verdunkelt und Ascheflocken durch die Luft schwirren. Seltsame Geräusche dringen aus dem umgebenden Wald, ein Hirsch stürmt in Panik daraus hervor, von oben regnen tote Vögel auf das Auto hinab. Während der Vater versucht, einen kühlen Kopf zu bewahren, steigert sich die Mutter in den Glauben an ein Endzeit-Szenario. Schließlich stürmt sie aus dem Wagen und rennt in den Nebel hinein. Sie ruft Gott an, der sie statt ihrer Kinder nehmen soll, und verschwindet. Der Vater macht sich auf die Suche nach ihr. Die Kinder bleiben allein zurück. Was ist geschehen?

      Meinung
      Wieder einmal eine sehr geradlinig erzählte Geschichte, wenigstens auf den ersten Blick, bei der es nicht so sehr ankommt, wie sich das Ganze am Ende auflöst. Die Midnight Tales sind immer da am stärksten, wo sie nicht simplifizieren, was leider auch öfters mal vorkommt, sondern Spielraum lassen für unterschiedliche Deutungen der jeweiligen Handlung. So ist es auch hier. Auf den ersten Blick haben wir es hier mit einer Familie in einer Notsituation zu tun, die Anspannung der Protagonistinnen und des Protagonisten steigert sich allmählich, bis eine unter ihnen, die Mutter, durchdreht und verschwindet. Am Ende wird uns eine Erklärung geliefert, die ihre unbegründete Panik zu entlarven scheint: Das Unglück, das sich mutmaßlich zugetragen hat, wäre also gar nicht notwendig gewesen.
      Und schon mit dieser Lesart hätten wir ein ziemlich gutes und eindringliches Hörspiel, das höchstens daran kranken würde, dass das Abdriften der Mutter in einen religiösen Wahn recht schnell vonstattengeht.

      Aber man kann die Geschichte auch weniger unter dem Aspekt des reinen Realitätsbezuges betrachten, und dann gelangt man unter Umständen zu einem anderen Bild. Religiöse Motive werden nämlich über die gesamte Länge dieses gerade mal knapp 35 Minuten langen Hörspiels immer wieder mal eingestreut: aus dem rauschenden Radio dringt lediglich die Stimme eines religiösen Eiferers hervor, der das Ende der Welt verkündet und eindringlich mahnt: Bereut! – Der Mann wehrt dies sofort ab, sagt, die Mutter solle das ausschalten, auch die Kinder reagieren ablehnend, schelten den Prediger einen Idioten. Überhaupt liegt die ganze erste Hälfte Spannung in der Luft: die Kinder zanken fortwährend, versuchen, einander vorzuführen und abzuwerten, die Mutter versucht, mahnend einzugreifen, scheitert jedoch und gebietet ihnen schließlich Schweigen. Der Vater versucht, die Situation, in die sie geraten, nüchtern zu erklären, doch die Mutter ist schon von Beginn an empfänglich für existenziellere Deutungen des Geschehens, und in einer kurzen Szene, in der das Paar allein vor den Wagen tritt und einem mächtigen Hirsch begegnet, der zitternd vor Panik aus dem Wald hervorbricht, wird in kurzen Worten angedeutet, was hier die wahre Katastrophe ist, die alle zu spüren scheinen, von der aber nur die Erwachsenen wissen: die Mutter ist krank. Sie wartet auf die letzte Diagnose, aber die Aussicht scheint pessimistisch zu sein. Der Vater tröstet recht oberflächlich, scheint die Bedrohung jedoch auszublenden, konzentriert sich auf die Dinge, die er sehen und verstehen kann: Die Finsternis um ihn herum, die Ascheflocken, die durch die Luft schwirren, das alles wird ein Waldbrand sein, redet er sich ein, nichts weiter. Über die Not der Mutter angesichts ihrer Krankheit geht er ebenso hinweg: wird schon, noch ist nichts definitiv. Vielleicht also dürfen wir das Unglück, das über die Familie hereinbricht, als eine Art Materialisation des Unglücks der kranken Mutter deuten, die dem Ende ihres Lebens entgegenblickt, zumindest aber ihrer existenziellen Furcht vor dem Sterben, obwohl sie das Familienleben in einen banalen Alltag mit, wie sie es ja auch ausspricht, banalen Haushaltsdingen zwängt. Da ist kein Raum für Gedanken an die eigene Sterblichkeit, keine dafür, was mit den Kindern geschieht, wenn sie eines Tages nicht mehr ist. Die Kinder stehen nicht gut zueinander. Sie zanken unaufhörlich. Der Vater hat dem nichts entgegenzusetzen. Allein die Mutter kann für Ausgleich sorgen. Was wird geschehen, wenn sie einmal nicht mehr ist?

      Und dann stürmt sie aus dem Wagen und verschwindet im Wald. Sie ruft eine göttliche Macht an, bittet darum, die Kinder zu verschonen und stattdessen sie zu nehmen. Der Vater will sie zurückhalten. Doch als die Eltern fort sind, sind es die Mädchen, die allmählich zueinanderfinden. Sie bündeln ihre Kräfte, passen aufeinander auf und schaffen es, diesem apokalyptischen Szenario zu entfliehen. So etwas wird nachwirken. Sie werden daran gereift sein und durch das überstandene Unglück zu einem anderen Verhältnis zueinander finden.

      Und so können wir, trotz der finalen Radio-Durchsage, fragen, was denn gewesen wäre, wenn die Mutter sich nicht geopfert hätte. Klar, wenn wir dies als hyperrealistische Doku-Fiction betrachten, kann die Antwort nur lauten: Nichts, denn der Vulkanausbruch wäre so oder so Grund für die Ereignisse gewesen. Betrachtet man das Ganze dagegen eher allegorisch – und gerade der schrille Prediger lässt diese Lesart ausdrücklich zu –, dann hat das Opfer der Mutter die (persönliche) Apokalypse durchbrochen und zurück auf den Weg der Normalität geführt, in der eben alles sich in einem rein sachlich erklärbaren Naturphänomen auflöst. Die Ordnung der Dinge ist wiederhergestellt, wenn auch zum Preis des Verlusts der Eltern. Die Kinder haben gelernt, auf sich selbst aufzupassen. Das ist es, was Eltern zu gewährleisten haben. Das ist es, was die Mutter schließlich geschafft hat.

      Aber wie auch immer man diese Geschichte hören möchte, als reine, kurzweilige Mystery-Geschichte oder, wie von mir eben dargelegt, als kleine Allegorie auf die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und der Notwendigkeit, erwachsen zu werden, sie ist auf jeden Fall sehr intensiv und spannend umgesetzt. Musik und Sounddesign sind hervorragend: ständig rumst etwas gegen das Auto, aus dem dichten Wald dringen unheimliche Laute hervor, die Stille rundum, ist beinahe flirrend. Das alles verleiht den Spielszenen im Auto etwas ungemein Klaustrophobisches.

      Die Sprecherinnen und Sprecher sind ebenfalls hervorragend; das ist ja gerade bei Figuren, die Kinder sind, nicht immer selbstverständlich: entweder die Sprecherinnen und Sprecher sind ungefähr im selben Alter, klingen jedoch schrecklich hölzern oder sie spielen die Kinder nur, sind aber selbst bereits erwachsen, und verzerren so das Bild des Kindes, das sie spielen. Hier ist nichts davon anzutreffen. Die Sprecherinnen der beiden Mädchen überzeugen auf ganzer Linie, dazu gesellen sich Marc Schülert als Vater, der versucht, die Vernunft in den Vordergrund zu stellen, und Petra Konradi als angstgeplagte Mutter, deren Stimmfarbe für mein Empfinden große Ähnlichkeiten mit der der leider viel zu früh verstorbenen Franziska Pigulla aufweist.

      Insgesamt also eine wirklich sehr starke und intensive Episode nach Vorlage einer Geschichte von Julie Hoverson, die mit Die endlose Nacht ihr bisheriges Highlight vorlegt. Ließ schon Eiskalt dem Hörer Raum für eigene Deutungen, lässt sich dieses Hörspiel beinahe schon wie eine Allegorie hören. Sie schafft damit das Kunststück, bestens zu unterhalten und dabei auch noch den Geist anzuregen – und das auf gerade einmal knapp über 35 Minuten. Eine starke Leistung!

      Vieldeutig und geheimnisvoll – ein echtes Highlight dieser Reihe!

      #flocke# #flocke# #flocke# #flocke# #flocke#

      5 von 5 Sternen