Der Eine unter Tausenden: Hörspielmacher mit ganz persönlicher Handschrift!

      Der Eine unter Tausenden: Hörspielmacher mit ganz persönlicher Handschrift!

      Ich habe jetzt nichts zu diesem Themenbereich gefunden, also starte ich mal einen Thread dazu:
      Wir haben im Hörspielbereich ja viele Reihen und Serien, die teils ähnliche Motive verwenden. Für manche Reihe schreiben auch unterschiedlichen Autoren, bei einigen Hörspielen weiß man nicht so genau, wer eigentlich hinterm Regiepult sitzt. Aber es mag auch Hörspielmacher geben, die unverwechselbar sind - entweder weil wir bei ihnen wiederkehrende Motive finden oder sie eine ganz unverwechselbare Art haben, ihre Geschichten umzusetzen. Es reichen meist also nur wenige Szenen, um sofort zu wissen: Ha, das ist die Regie/das Skript von XY.

      Welche Hörspielmacher - also Regisseure oder Skriptautoren - haben in Euren Augen eine ganz eigene, eine persönliche Handschrift, die im Grunde alle ihre Produktionen ausmacht, ganz gleich welche Genres sie unter Umständen bedienen?

      Und ganz wichtig: Was macht diese Handschrift, diesen unverwechselbaren Stil aus?

      Und gibt es auch Macher, die das Gegenteil dessen sind? Die also ihre Herangehensweise stets dem jeweiligen Stoff, vielleicht auch den unterschiedlichen Auftraggebern/Partnern anpassen und so hinter dem jeweiligen Hörspiel verschwinden und regelrecht unkenntlich werden, was einen eigenen Stil, eine eigene Handschrift angeht?

      Und seht ihr eine solche persönliche Handschrift als Vorteil an? Oder drängt nach Eurem Empfinden damit ein Macher zu sehr in den Vordergrund?

      Mich würde Eure Meinung dazu interessieren. :)
      Ui, das ist eine richtig schwierige Frage - aber auch ein cooles Thema.

      Spontan würde mir bei den Regisseuren Walter Adler einfallen. Nicht nur, weil er in späteren Jahren diese monströsen Großproduktionen gestemmt hat, sondern in erster Linie, weil bei ihm Dinge gleichzeitig ablaufen können, die ein Hörspiel auch unhörbar machen könnten: Da laufen Dialoge, Geräusche und Musik oft parallel und erzählen unterschiedliche Aspekte einer Szene (mir fällt gerade keine besssere Beschreibung dafür ein). Als Beispiel nenne ich mal den 'Orientzyklus', da ist alles was man hört Teil der Geschichte und vieles passiert nebeneinander. Klar kann Adler auch kleinere, ruhigere Produktionen, aber zumindest in den Mammut-Projekten bilde ich mir ein, seine Handschrift heraushören zu können.

      Und bei den Autoren finde ich, dass Ivar Leon Menger ziemlich unverkennbar ist. Die Art, wie er Mystery schreibt, dabei ein Fass nach dem anderen aufmacht, den Hörer immer mehr zur Verzweiflung treibt und am Ende alles zusammenführt (oder auch nicht, wie manche meinen): Das kann m. E. in Deutschland keiner so gut wie er. Egal, ob z.B. Darkside Park, Monster 1983, Ghostbox, Die schwarze Stadt. Auch wenn andere Autoren beteiligt sind: ILM erkennt man trotzdem immer.

      Gurndsätzlich glaube ich, dass es keinen Autoren oder Regisseur gibt, der so einzigartig ist, dass man ihn nicht auch kopieren kann. Hört man also ein Hörspiel eines Autoren mit Pseudonym oder dessen Namen man einfach nicht kennt, kann man doch bestenfalls sagen 'Das klingt nach XYZ', aber niemals 'Das ist ganz sicher X.'
      Das lästige an der Realität ist ihre Alternativlosigkeit. (Sarah Bosetti)
      Sehr schönes Thema! Danke fürs Erstellen!

      Wenn es um die Handschrift eines Regisseurs und Hörspielmachers geht, fallen mir folgende sofort ein:

      Max Braun - Es gibt wohl wenig Hörspiele, die man nach wenigen Momenten des Hörens sofort als Hörspiel eines Labels verbindet. Jedes Hörspiel unter der Federführung eines Max Brauns wird sofort als Hörspiel von TSB erkannt. Er hatte seine ganz eigene Art Geschichten als Hörspiel zu erzählen. Wie und womit er dies machte, damit könnte man Seiten füllen, angefangen von der Geräuschkulisse, der Art seiner Dialogregie bis hin zur Orgelmusik.

      Oliver Döring - Sein Faible für bombastische Geräusche, Synchronstars und Kinoatmosphäre samt Schreckmomente haben das Hörspiel revolutioniert. Wo Döring drin steckt, hört man einfach.

      Volker Sassenberg - Seine Hörspiele weisen immer skurrile Figuren, Mut zur Stille, seine Pausen sind fast schon Markenzeichen in einer Hörspielwelt wo sonst von einer Szene zur nächsten gehetzt wird und ein unglaubliches Händchen auf gemeinsam mit der Musik für eine extrem dichte Atmosphäre zu sorgen.

      Diese Drei empfinde ich, haben eine sehr starke Handschrift. Beim Hören erkennt man ohne es zu wissen dass sie ihre Finger im Spiel haben.

      Ebenfalls starke Handschriften weisen TITANIA Medien im positiven oder ein Rudolf Leubner im negativen Sinne auf.

      Ohne Handschrift für mein Gehör kommen die Hörspiele von MARITIM/HighScoreMusic daher. Was per se nix Schlechtes sein muss. Für mich aber doch oftmals etwas farblos und austauschbar.

      Was Autoren angeht, würde ich sofort den großartigen @brudervomweber , seines Zeichens Autor von AMADEUS und AMELIE nennen, wo mir auf Grund seiner Liebe zu ausgefeilten Dialogen gepaart mit extrem viel Wortwitz, sofort der Name Sebastian Weber einfällt.

      Als begleitende „Forums-Literatur“ schlage ich die threads Alleinstellungsmerkmal in der Hörspielwelt? und Produktionsstile im Hörspielbereich vor, die in eine ähnliche Richtung gehen.
      Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

      Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#
      Für mich gibt es zwei Arten von Hörspielmacher, eigentlich sogar zwei Arten von Künstlern, die fiktionale Welten erschaffen: Es gibt diejenigen, die von einer inneren Motivation angetrieben werden und mit ihren Geschichten immer etwas auch von sich selbst erzählen müssen/wollen, und es gibt die Erzähler, die eher in den Hintergrund treten und denen es darum geht, gut funktionierende, unterhaltsame und/oder intelligente Geschichten zu erzählen. Im Grunde gibt es noch eine dritte Kategorie: die Dienstleister, die einfach bedienen, was nachgefragt wird.

      In Literatur und Film gibt es solche Menschen, in unterschiedlichen Kategorien, auf unterschiedlichem Niveau, in vielerlei Hinsicht. Man denke etwa an Kafka, in dessen Werken sich das Motiv des Klaustrophobischen, des Eingezwängt-, aber auch des Ausgeliefert-Seins deutlich finden lässt. Oder Dostojewski mit seinem Balanceakt zwischen Moral und Unmoral, zwischen Autonomie und Kontrollverlust. Oder wir können es gern auch ein paar Nummern kleiner machen: Hitchcock mit seinen oft netten, kleinen Geschichten, in denen sich oft das Motiv des Hereinbruchs des Bösen in die alltägliche Normalität finden lässt, religiöse Motive, Muster de Angst und der Besessenheit, die, wenn man sich mit dieser Künstlerpersönlichkeit intensiver beschäftigt, schon klar auf ihn und sein Leben verweisen. Oder ein Lars von Trier, dessen düsterer Blick auf die Welt, am Rande der Depression und des Nervenzusammenbruchs, Meisterwerke wie Dogville oder Dancer in the Dark hervorgebracht hat. Man merkt sehr schnell, dass es hier nicht nur darum ging, irgendeine gute Geschichte zu erzählen, sondern der Autor und Regisseur trachtete (auch) danach, sich von einem Albdruck zu befreien - oder ihn zumindest in künstlerische Form zu gießen.

      Gibt es nun Vergleichbares bei Hörspielen?
      Also ein inhaltliches Getrieben-Sein sehe ich so jetzt nicht, eher in verschleierterer Hinsicht. Die düsteren Welten, die etwa Volker Sassenberg erschafft, mögen eine Reflexion seiner tieferen Empfindungen sein. So intensiv, wie sie dargestellt sind, scheinen sie mir mehr zu sein als bloß Effekte. Aber das ist natürlich Spekulation.

      Eine inhaltliche "Mission", die einen Macher antreibt, sehe ich so nicht. Eher eine handwerkliche. Ich finde, ein Döring-Hörspiel ist durch seine filmische Art, zu erzählen (eine Szene am Flughafen wird etwas eingeläutet, indem zunächst ein Flugzeug am Ohre des Hörers vorbeifliegt, als wäre dies eine kurze Totale auf den Flughafen, ehe es mit der nächsten Szene losgeht), schon recht unverwechselbar. Und Interplanar hat für mein Empfinden einen sehr spröden, etwas verkopften Weg, Hörspielgeschichten zu erzählen, was eine immer etwas sterile oder kalte Atmosphäre entstehen lässt (die bei vielen Geschichten auch sehr gut passt). Bei beiden würde ich schon von einer gewissen Handschrift bei der Umsetzung sprechen.
      Bei genauerer Überlegung merke ich als Vielhörer schon dass einige Hörspielmacher wenn auch nicht eine eindeutige Handschrift so zumindest ein gewisses Faible für ganz bestimmte Themen, Sprecher oder Dramaturgie haben.

      So scheint es Dennis Erhardt zu lieben seinen Hörspielen eine zusätzliche epische Breite zu geben, eine übergeordnete Rahmenhandlung zu schenken, auch wenn man damit die entsprechenden Romane stark umschreiben muss.

      Der Hörplanet hat sich immer durch die speziellen Synthesizer-Klänge ausgezeichnet. Die Musik klang immer sehr „speziell“ und konnte man sofort heraus hören. Zusätzlich gab es immer eine Vielzahl an Eigens komponierte Musikstücke, die mit sehr viel Liebe und Hingabe von Dennis Rohling gebastelt wurden.

      Simeon Hrissomalis hat in all seinen Produktionen einen Hang zu starkem Pathos. Zusätzlich hatten zumindest seine früheren Werke öfters eine Ansammlung von etwas schlüpfrigen Bemerkungen, dazu gerne sehr leicht bekleidete Damen mit ausgeprägten weiblichen Merkmalen ;)

      Bei den Produktionen der OHRENKNEIFER ist es die Tatsache, dass sie sich stets auf Einzelhörspiele spezialisiert haben. Dafür haben sie sich immer komplett unterschiedliche Themen und Vorlagen rausgesucht. Sofort erkennen kann man ihre Hörspiele aber am Ensemble, das immer sehr ähnlich ist!

      Zu guter letzt picke ich mir auch noch die Hörspielperlen von Ralf Jordan aka @hystereo raus. Auch hier gibt es meistens (!) Einzelhörspiele mit ganz speziellen Vorlagen. Dazu ist ein wesentliches Merkmal stets das Zusammenspiel der Protagonisten, die deutlich hörbar zusammen aufgenommen worden sind. Man hört förmlich wie sie miteinander interagieren und sich gegenseitig die „Bälle“ zu spielen.
      Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

      Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#