Der Thron der Nibelungen - Die Serienbesprechung (SPOILER!)

      Der Thron der Nibelungen - Die Serienbesprechung (SPOILER!)

      Ich habe mich spontan dazu entschlossen, mal wieder eine Serienbesprechung zu starten. Wie es die Umstände wollen, möchte ich dies dieses Mal hier im Hörspiel-Talk machen. Ich hoffe, es finden sich Menschen, die interessiert sind an ein paar Gedanken zur neusten Serie der Macher von Interplanar.

      Ich werde mich chronologisch vortasten, bei Folge 1 starten und dann meine Eindrücke nach und nach darstellen. Ich werde also bei meiner Besprechung zu Folge 1 nicht schon Folge 4 kennen. Meine Ausführungen spiegeln also immer den Wissenstand der jeweiligen Folge wider. Am Ende schreibe ich gern noch ein Gesamtfazit.

      Es sei darauf hingewiesen, dass es selbstverständlich zu SPOILERN kommen wird.

      Wer die Hörspiele also noch nicht kennt und sich den Spaß nicht verderben lassen will, sollte mit dem Lesen meiner Besprechungen warten, bis er/sie die Serie gehört hat.



      Der Thron der Nibelungen

      von
      Balthasar von Weymarn



      (Quelle: amazon)

      Inhalt laut Verlag
      Das Burgundenreich wird von den Römern und Hunnen bedroht. So wagt König Gibica in geheimer Mission, einen Goldtransporter der Römer auszurauben, verschwindet jedoch zusammen mit dem Gold. Sein treuer Vasall Hagen muss die Spuren des Überfalls verwischen, um die Großmacht Rom nicht zu erzürnen. Gibicas Sohn Gundahar, der Thronfolger, ist unsicher, wem er selbst am eigenen Hof trauen kann. Nur auf Hagen ist Verlass, der eine weitere Bedrohung loszuwerden versucht: Siegfried, den vermeintlichen Drachentöter. Aber auch die anderen Mitglieder der Königsfamilie schmieden Pläne, um ihre Schicksale in die eigenen Hände zu nehmen.

      Sprecher
      Hagen: Sascha Rotermund
      Gundahar: Konrad Bösherz
      Gisklahad: Uve Teschner
      Grimhild: Victoria Frenz
      Sigurd: Sebastian Kluckert
      Ute: Christin Marquitan
      Gibica: Patrick Winczewski
      Gernot: Sebastian Fitzner
      Thiudahad: Holger Umbreit
      Giselher: Inko Hartwiger
      Roland: Mario Klischies
      Chilperich: Florian Hoffmann
      Gudrun: Ulrike Kapfer
      Karl: Matthias Hoff
      Norre: Stefan Kaminsky
      Julianus: Björn Borresch
      Hjafir: Matti Klemm
      Nalika: Aliana Schmitz
      Wirt/Heiler: Johannes Quester
      Cuthlac: Bert Stevens
      Attilas Bote: Frederick Heymann
      Steuermann: Balthasar v. Weymarn
      sowie: Dion Jaramillo, Henning Schäfer, Tim Lauth, Anton Ohnesorge, Jochim Redeker




      Episode 01: Der Schatten

      Inhalt
      Ein Fremder namens Thiudahad, der sich als Chronist des Königs der Goten vorstellt, sucht in einem Wirtshaus das Gespräch mit Gisklahad, dem Schmied des Burgunderkönigs Gibicar, um an Informationen zu gelangen über die Hintergründe von Ereignissen rund um das Burgunderreich, die von ihm jedoch nur angedeutet werden. So beginnt der alte Mann seine Geschichte zu erzählen, von dem König und seinem Sohn Gundahar, von den Zwillingen Giselher und Gernot, die Zweitgeborenen, und von der schönen Grimhild, der Königstochter, die von der Mutter in die Geheimnisse der weiblichen Verführungskünste eingeführt wird, dies jedoch aus vollstem Herzen ablehnt.

      Der Rückblick setzt ein im Jahr 431, als aus unbekannten Gründen die Alemannen ins Reich der Burgunder eingefallen sind, jedoch zurückgeschlagen werden können und sich, wie es scheint, ohne Not von den Burgundern niedermetzeln lassen, statt die Flucht anzutreten.

      König Gibicar ist ratlos. Er versteht nicht, wieso die Alemannen so gehandelt haben. Um die Hintergründe zu erfahren, schickt er seinen besten Mann, den Schildmann Hagen, zusammen mit seiner Tochter Grimhild, getarnt als Schmied und seine Frau, auf eine Mission, um herauszufinden, was hinter dem beinahe selbstmörderischen Verhalten der alemannischen Truppen stecken mag. Tatsächlich schaffen sie es, den verschwundenen Boten König Gibicars wiederzufinden, der verletzt ist und verängstigt und kaum dazu in der Lage, ein Wort herauszubringen. Auf die Frage Hagens, warum die Alemannen es lieber in Kauf genommen haben, im Kampf mit den Burgundern zu sterben, statt den Rückzug anzutreten, stammelt der Bote nur einen Namen: Attila.


      Meinung
      Balthasar von Weymarn und Jochim-C. Redeker sind zurück: Dieses Mal mit einer Neuinterpretation der Nibelungensage, bei der wir angesichts des Titels davon ausgehen dürfen, dass man sich die weltweit erfolgreiche Fantasy-Saga Game of Thrones zum Vorbild nehmen will, um den Versuch zu unternehmen, ein großes Epos zu inszenieren.

      Es verwundert, dass die Hörspielwelt so spät erst versucht, das Interesse, das die Serie nach Motiven von George R. R. Martin beim breiten Publikum gefunden hat, zu nutzen, um eigene Geschichten in einer ähnlichen Serienwelt zu erzählen. Audible schickte vor einigen Jahren Macbeth ins Rennen, vor wenigen Monaten erst brachte der DAV seine Interpretation der Nibelungensage auf den Markt, beides fand sehr positive Beachtung – nun also folgt von Weymarn unter dem Label THE AOS mit einer Neuerzählung des alten Stoffes und versucht dabei, neue Akzente zu setzen.

      Das fängt schon damit an, dass von Anfang an die Königstochter, hier Grimhild genannt, ins Zentrum der Handlung gerückt wird, und sie wird direkt als durchaus selbstbewusst und für die Verhältnisse der Zeit, in der das Ganze spielt, unkonventionell dargestellt. Das findet zwar andeutungsweise seine Entsprechung bereits in den bekannten Bearbeitungen des Stoffes – hier jedoch erscheint die Figur trotz des Zeitkontextes durchaus modern, bietet sich zur Identifikation an, ohne dabei aber unglaubwürdig zu wirken oder aus dem Rahmen zu fallen.
      Sie wird nun im Verlauf dieser ersten Folge zusammengebracht mit der zweiten zentralen Figur dieser Auftaktepisode: Hagen, Vasall und Schildmann des Königs, sein treuester Kämpfer, kühn, intelligent und schlagkräftig, der, das wird direkt deutlich, eine wichtige Rolle innerhalb des inneren Zirkels um den König einnimmt.

      Darum verwundert es auch nicht, dass er dazu ausersehen ist, Licht in das Dunkel der Ereignisse rund um die eingefallenen und getöteten Alemannen zu bringen. Für diese Mission wird ihm nun ausgerechnet die Königstochter zugewiesen, die ihn begleiten soll. Diese Wendung überrascht, erscheint es doch wenig plausibel, auf eine nicht ungefährliche Geheimmission ausgerechnet die Königstochter zu schicken, aber es mag mehr dahinterstecken, zum jetzigen Zeitpunkt können wir das noch nicht wissen. Nachvollziehbar begründet wird diese Entscheidung nicht, und sie wird auch nicht von Grimhild oder Hagen selbst überhaupt in Frage gestellt. Was doch ein wenig überrascht.
      Sicherlich, es ist reizvoll, sich eine gemeinsame Reise dieser beiden charismatischen Figuren vorzustellen, allein die Herleitung vermag bisher noch nicht zu überzeugen. Diese Zusammenführung wirkt bislang ein wenig konstruiert, und wir ahnen: Sie wird für den weiteren Verlauf von Bedeutung sein.

      Zum Ende der Folge hin, wenn der verletzte Bote den Namen des Hunnenkönigs stammelt, als er gefragt wird, wovor die Alemannen so große Angst hatten, dass sie lieber im Kampf gegen die Burgunder gefallen sind, als den Rückzug anzutreten, knistert schließlich die Spannung und man bekommt als Hörer direkt Lust auf mehr.

      Sieht man sich diese erste Folge an, die Spannungskurve, die Art, wie die Figuren und das Setting eingeführt werden, erscheint sie beinahe typisch für die Arbeit von Interplanar. Wie so oft, ist auch diese erste Folge zunächst etwas schwergängig: Ein Mann kommt in ein Wirtshaus, dann gesellt sich ein zweiter zu ihm, und sie sprechen über Dinge, die sich dem Hörer zunächst nicht erschließen; ein Rückblick beginnt, aus dem der Hörer noch nicht recht schlau wird, allmählich erschließen sich einzelne Handlungselemente und das Bild beginnt, eine Form zu erhalten, mit der man als Hörer in seiner Vorstellung arbeiten kann. Das Skript spricht den Kopf an. Was zunächst ein wenig auf der Strecke bleibt, ist das Gefühl. Lange Zeit fühlen wir nicht wirklich mit den handelnden Personen. Wir müssen viel Aufmerksamkeit aufwenden, um die Handlung sich entfalten zu lassen und nicht die Konzentration zu verlieren – weil wir als Hörer noch lange nicht „drin“ sind.

      Viele komplexe Geschichten haben damit zu kämpfen, dass für ihr tieferes Verständnis zunächst einmal Informationen nötig sind, deren Aufbereitung für den Leser, Zuschauer, Hörer als anstrengend empfunden werden könnte, darum wenden viele Autoren gern einen kleinen Kniff an: Sie stellen der Handlung eine Szene voran, die Emotionen weckt. Bei Game of Thrones etwa sehen wir als erstes drei für den weiteren Verlauf der Handlung völlig unwichtige Charaktere, Mitglieder der Nachtwache, die sich aufmachen ins Land der Wildlinge, und dort auf das Grauen der Nachtwandler stoßen, dem die meisten von ihnen zum Opfer fallen. Der Zuschauer ist direkt gepackt, ehe es dann in den folgenden Szenen mit dem Aufbau des Settings und der Einführung der wichtigsten Figuren weitergeht (und auch hier wird dies stets begleitet von Momenten, die gezielt die Emotionen ansprechen).

      Eine solche Verfahrensweise hätte dem Thron der Nibelungen ebenfalls gutgetan. Durch eine emotionale Szene angefixt, lässt sich der Hörer ganz anders auf die Exposition ein, als wenn er dem Geschehen noch aus weiter Entfernung zuhören muss.
      So dauert es mindestens bis zum ersten Erscheinen Grimhilds, vielleicht sogar bis zum Ende des Hörspiels und dem verletzten Boten, bis die Aufmerksamkeit des Hörers voll angefixt ist. Ich selbst habe mehrere Anläufe gebraucht, diese erste Folge zu hören. Ich könnte mir denken, dass die Pilotfolge auf dem Weg zum Cliffhanger am Ende der Episode schon einige Hörerinnen und Hörer verloren haben könnte.

      Was die Inszenierung angeht, so kann man, wie eigentlich immer bei einer Interplanar-Produktion, nicht meckern. Die Effekte und Hintergrundgeräusche sind jederzeit auf dem Punkt, sie vermitteln ein authentisches Hörgefühl und fügen sich perfekt in die gesetzten Settings.

      Die Sprecherinnen und Sprecher der wichtigsten Haupt- und Nebenrollen sind gut ausgewählt und liefern eine mehr als befriedigende Leistung ab. Stellvertretend sei hier zunächst einmal Sascha Rotermund genannt, der auf den ersten Blick eine überraschende Besetzung für den als finster geltenden Hagen sein mag, sich aber als wahrer Glückgriff herausstellt, denn er präsentiert uns einen Hagen, der nicht sinister und schurkisch wirkt, sondern durchaus einnehmend und sympathisch. Der Thron der Nibelungen hat sich vorgenommen, die bekannte Sage neu zu erzählen. Und mit Sascha Rotermund in der Rolle des Hagen beweist man, dass man diesen Anspruch ernstnimmt.

      Patrick Winczewski leiht König Gibicar die Stimme. Und er macht es handwerklich ausgezeichnet. Allerdings wirkt seine Stimme im Vergleich zu den übrigen Sprecherinnen und Sprechern, allen voran denen seiner Kinder oder Hagens, nicht wirklich deutlich älter. Dass hier eine Generation dazwischen liegen soll, wird für mein Empfinden nicht deutlich genug, und es ist auch anfangs nicht immer ganz leicht, die einzelnen Sprecher in den Gesprächsflüssen auseinanderzuhalten, da sie stimmlich schon relativ nah beieinander liegen. Da hätte ich mir für den leichteren Einstieg eine stärkere Unterscheidbarkeit der wichtigsten Stimmen gewünscht, obwohl an dem Spiel der jeweiligen Schauspieler selbst natürlich nichts, aber auch gar nichts auszusetzen ist.

      Die Zwischenmusiken sind passend und vermitteln ein authentisches Gefühl für diese spätantike bis mittelalterliche Welt, die uns präsentiert wird. Nur die Titelmusik erscheint doch recht beliebig. Sie ist leider nicht sehr eingängig geraten, bietet keine Melodie, die sich festsetzt und die dazu einlädt, Nachhall zu finden. Das ist schade. Bei Heliosphere 2265 war es Jochim-C. Redeker noch gelungen, so etwas wie ein Markenzeichen zu erschaffen, das sich im Ohr festsetzte und sofort eine Tür öffnete zu der erzählten Welt. Diese Kraft scheint mir das Titelthema des Throns der Nibelungen nicht zu haben.

      Was bleibt, ist eine insgesamt hervorragend inszenierte Auftaktfolge zu einer originellen Neuinterpretation des alten Nibelungen-Stoffes, anfangs vielleicht ein bisschen zu schwergängig in der Exposition, was dem potentiellen Hörer erst einmal ein wenig Mühe abverlangt, aber zum Ende hin, gerade mit dem Cliffhanger, Lust auf mehr macht.

      Etwas hüftsteifer Auftakt, zum Ende hin aber immer besser: vielversprechend!

      vier von fünf Sternen

      (Gewöhnlich verteile ich zur Illustrierung meiners Fazits gern Sterne, aber hier kann ich unter den Emoticons leider keine finden...)


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      Episode 02: Die Wahl




      Inhalt
      Grimhild und Hagen befinden sich auf dem Rückweg von ihrer Mission. Im Verlauf ihrer Reise kommen sie sich näher, und es stellt sich heraus, dass sie schon seit ihrer Kindheit Gefühle füreinander hegen. Sie lassen sich aufeinander ein, beschließen jedoch bei ihrer Rückkehr, niemandem etwas von ihrer frischen Verbindung zu erzählen. Grimhild deutet jedoch an, sich eine Zukunft mit Hagen vorstellen zu können.

      Parallel dazu befindet sich Gundahar zusammen mit dem Schmied Gisklahad auf dem Weg zu einem Treffen mit einem Spion namens Karl, der ihm für Geld Neuigkeiten aus dem nahegelegenen Römerlager Noviomagus überbringen soll. Von ihm erfährt Gundahar, dass die Römer danach trachten, für viel Geld Söldnertruppen von den Gauten, einem Volk im hohen Norden Europas, anzuwerben. Es bleibt jedoch offen, gegen wen sie diese militärische Macht richten wollen: gegen die immer wieder einfallenden Hunnen – oder am Ende vielleicht doch gegen die Burgunder, die eigentlich Verbündete der Römer sind, wenn diese Verbindung auch eher einer reinen Vernunftehe zu gleichen scheint.

      Die Neuigkeiten setzen König Gibicar gehörig unter Zugzwang. Im Westen lauern die Franken, im Osten die Hunnen – und nun bleibt ungewiss, was Rom im Schilde führt. Noch dazu plagen den König Geldsorgen: ausbleibende Tribute gefährden die Bezahlung seiner Truppen. Es wird klar: Er ist der König eines Reiches, das vielfachen Gefährdungen ausgesetzt ist. Und er fragt sich, was am Ende von ihm bleiben wird.
      Er entschließt sich, den Geldtransport, mit dem die Römer die Söldner der Gauten zu bezahlen trachten, zu überfallen, um die Bedrohung zu neutralisieren und selbst ausreichend Geld für den Schutz seines Reichs zur Verfügung zu haben, auch wenn das bedeutet, einen Krieg zu riskieren, sollte Rom von diesem Plan erfahren.

      Am Ende folgt ein Tiefschlag für Hagen: König Gibicar verkündet, ihn entlassen zu wollen. Ein Nachfolger sei bereits auf dem Weg: der Sohn des Königs von Xanten, Hagen soll ihn einarbeiten, dann werden seine Dienste als Schildmann nicht länger gebraucht. Doch Hoffnung keimt auf: Gibicar deutet an, dass er andere Pläne mit Hagen hat, und er lässt durchblicken, dass sein Entschluss, Hagen Grimhild mit auf die Mission zu geben, einen tieferen Grund hat. Welcher das ist, bleibt jedoch einstweilen im Dunkeln.


      Meinung
      Unheil dräut. Das spürt man recht bald in dieser zweiten Episode von Der Thron der Nibelungen. Alle Zeichen stehen auf Sturm: der König versucht, sein Lebenswerk zu erhalten, sieht sich dabei aber unzähligen Bedrohungen und finanziellen Schwierigkeiten ausgesetzt – noch dazu ergeht sich seine Nachkommenschaft in Rivalitäten und Eigensinnigkeiten. Es steht also einiges auf dem Spiel.

      Das bringt in diese zweite Folge eine wunderbar unheilschwangere Atmosphäre, die sich durch alle Spielszenen zieht. Wie in einem antiken Drama können wir das nahende Unglück beinahe mit den Händen greifen – und doch wissen wir, die handelnden Figuren werden ihrem Schicksal nicht entrinnen können. Das trifft auch auf die Protagonistinnen und Protagonisten der Auftaktepisode zu, Grimhild und Hagen, die ein paar sehr schöne Charaktermomente bekommen. Wir erfahren, dass Hagen vor vielen Jahren als sogenannter Mündelvasall an den Hof Gibicars gekommen ist. Der Stamm seiner Vorfahren wurde unterworfen und Hagen als Geisel an den Sieger übergeben. Die Verbindung zu seinem Vater, so sagt er, sei gerissen, und wie es scheint, hat sich eine große Nähe und Ergebenheit gegenüber Gibicar entwickelt, so dass Hagen geblieben ist, obwohl er nach zehn Jahren den Königshof Gibicars hätte verlassen dürfen.Und noch etwas wird deutlich: Hagen hat sich immer schon Grimhild verbunden gefühlt, doch es wurde ihm durch die Königsfamilie signalisiert, dass die Verbindung eines Mündelvasalls zu der Tochter Gibicars nicht angemessen ist.

      Auch hier wird also der Grundstein gelegt für weitere Verwicklungen. Hagen und Grimhild gestehen einander ihre Liebe und beginnen ein Verhältnis, gleichzeitig ist eine eheliche Verbindung der beiden politisch wenig zweckdienlich. Künftige Konflikte scheinen also unvermeidlich zu sein, die Anzeichen dafür sind überdeutlich, selbst wenn man keine Kenntnis der bekannten Nibelungensage hat.

      Auch Gundahar hat einen selbstdecouvrierenden Moment: Bei seinem Treffen mit Karl erschießt der Schmied Gisklahad einen Schweinehirten, den er fälschlich für einen Attentäter hält. Der Königssohn hält sich nicht lange mit Gram auf angesichts des Irrtums. Der Tote ist nicht eines Gedankens würdig, und wir bekommen schon hier einen kleinen Ausblick darauf, wie der künftige König tickt.

      In einem kurzen Einschub wird übrigens noch ein weiterer Charakter eingeführt, der für die spätere Handlung wohl relevant werden dürfte: Gudrun, die Tochter des Herzogs Cuthlac, eines der nordischen Gauten, von denen die Römer sich Söldnertruppen versprechen. Sie soll verheiratet werden, lehnt dies jedoch ab, sieht sich auch nicht als angemessene Braut für einen Gemahl, ist sie doch wenig weiblich, noch dazu groß und kräftig gebaut, eine Kämpferin, die noch dazu mit einer seherischen Gabe beschenkt ist. Sie würde gern eine militärische Laufbahn starten, doch natürlich ist ihr dieser Weg in der geschilderten Welt verstellt. Dank ihrer Gabe weiß sie, welcher Weg ihr vorherbestimmt ist, und sie ist bereit, sich dem nicht zu verwehren, um die Götter nicht zu erzürnen.

      Es macht Freude, den weiteren Entwicklungen zu lauschen. Nach dem etwas schwergängigen Einstieg in diese Serienwelt mit Episode 1 schafft es Der Thron der Nibelungen nun, die Spannungskurve hochzuhalten und den Figuren mehr Raum und mehr Tiefe zu geben. Die Serie folgt dabei glücklicherweise nicht den gängigen Schwarzweiß-Mustern. Hagen wird als eine durchaus vielschichtige Figur präsentiert, die Großes zu leisten, aber auch Tiefes zu empfinden vermag; Gundahar dagegen wird als kalt und berechnend dargestellt; Gibicar wiederum als zunehmend verzweifelter Herrscher über ein von allen Seiten bedrohtes Königreich – und Grimhild als selbstbewusster Freigeist, der sich mit Leidenschaft jeder Konvention widersetzt. Bei alledem gewinnen die Figuren klare Konturen, sie wirken nahbar und verständlich, und es bringt Spaß, ihnen auf ihrem Weg zu folgen. Nur die übrigen Königssöhne, Giselher und Gernot, bleiben bislang doch recht eindimensional und farblos in der Darstellung, vielleicht aber treten auch sie später noch aus dem Halbdunkel und gewinnen Format.

      Inhaltlich ist diese Episode sehr intensiv und stringent ausgearbeitet. Auch weiterhin wird dem Hörer volle Konzentration abverlangt, um die vielen Details und Andeutungen zu bemerken, die für dass tiefere Verständnis des Stoffes nötig sind, doch geschieht dies in dieser Folge im Verlauf vieler einnehmender Spielszenen, die Interesse wecken, so dass es nicht schwerfällt, dem Hörspiel ein gutes Maß an Aufmerksamkeit zuzuwenden.
      Es gab nur einen Punkt, der mich hat stutzen lassen: Als der König Gundahar zu einem Treffen mit Karl, dem Spion aus dem Römerlager, fortschickt, gibt er ihm den Schmied mit auf den Weg. Das erscheint jedoch wenig nachvollziehbar, ist dieser doch wohl kaum in der Lage, die Funktion eines Leibwächters für den Thronerben einzunehmen. Leider wird dieser Entschluss nur lapidar damit erklärt, dass der Schmied eh gerade zu Pferde sei, aber das erscheint als Grund wenig plausibel angesichts der bedrohlichen Situation, in der sich das Königreich doch zu befinden scheint. Dieses Detail mag nun nicht sonderlich bedeutsam sein, doch ich als Hörer schätze es, wenn das Erzählte bis ins Kleinste stimmig erscheint. Bei Grimhild als Begleiterin Hagens auf ihrer Mission habe ich mich noch mit dem Gedanken zufriedengegeben, dass der Grund für diese Wahl im weiteren Verlauf wohl noch offenbart werden dürfte (was in dieser Folge ja auch zumindest angedeutet wird). Im Fall des Schmiedes gehe ich jedoch davon aus, dass die Paarung einfach eine Konstruktion des Autors ist, die nicht weiter begründet wird. Mir erscheint sie jedoch wenig logisch.

      Was bei dieser Folge mehr als bei der Auftaktepisode auffällt, ist die uneindeutige Stellung des Erzählers innerhalb der Handlung. Wir erinnern uns: Der Chronist im Dienste der Goten, Thiudahad, versucht in einem Wirtshaus, dem Schmied Gisklahad Wissen über das Schicksal des Burgunderreichs zu entlocken, und Gisklahad gerät ins Erzählen. Allerdings sind seine Rückblicke immer auch durchsetzt mit Szenen, an denen er gar nicht beteiligt war, die Reise von Grimhild und Hagen etwa oder Gudruns Gespräch mit dem Heeresmeister der Gauten. Es wird auch kein Hehl daraus gemacht, dass er nicht dabei war, er betont es sogar selbst. Aber dieser Kniff macht die Erzählperspektive natürlich interessant für eine nähere Betrachtung: Warum hat sich Balthasar von Weymarn überhaupt dazu entschieden, die Handlung über den Umweg über das Gespräch Thiudahads mit Gisklahad zu beginnen, wenn recht bald seine Perspektive für das Erzählte im Grunde gar keine Rolle mehr spielt?Dieser Wechsel, diese rätselhafte Perspektive stört nicht den Verlauf der Handlung, sie trübt auch in keiner Weise den Hörgenuss – aber als aufmerksamer Hörer frage ich mich doch, was es damit auf sich hat und welchem tieferen Zweck diese Herangehensweise dient.

      Was die Sprecherauswahl anbelangt, so möchte ich dieses Mal stellvertretend für einen insgesamt wirklich hervorragenden Cast Victoria Frenz als Grimhild nennen, die es wirklich wunderbar schafft, die ebenso renitente wie feinfühlige Königstochter zum Leben zu erwecken. Sie erschafft eine von diesen heute sehr in Mode gekommenen starken Frauenfiguren, die weit mehr sein dürfen als bloß Anhängsel eines Mannes oder dessen Motivation, und es macht Spaß, ihrer großen Präsenz innerhalb der Handlung zu lauschen.

      Sehr gut ist auch Konrad Bösherz als Gundahar, dem ambitionierten und seinem Vater ergebenen Thronfolger, der angesichts des Todes des Schweinehirten so unfassbar kalt, ja grausam erscheint. Wir ahnen, dass seine Stellung innerhalb der Handlung im Laufe der Geschichten noch wachsen wird. Und wir müssen uns wohl darauf gefasst machen, noch in so manchen Abgrund dieses Charakters blicken zu dürfen.

      Sascha Rotermund als Hagen schafft es, unser Bild von der altbekannten Sagengestalt über den Haufen zu werfen. Der Hagen, wie er hier geschildert ist, ist mehr als nur ein gewiefter Taktiker und ein erfolgreicher Krieger. Er ist ein Mensch, der das, was er ist, auch aufgrund seiner Geschichte ist. Das bereichert den Plot immens. Und man darf gespannt sein, welchen Weg er im weiteren Verlauf dieser Neuinterpretation der Nibelungensage nehmen wird.

      Das Sounddesign und die Musik sind nach wie vor souverän. Allerdings muss ich hier ein wenig Essig in den Wein schütten. Was mir beim Ausritt Grimhilds mit Hagen deutliches Unbehagen bereitet hat, war die Soundkulisse: das Pferdegetrappel klang sehr monoton, wenig natürlich, und die Zikaden im Hintergrund kamen einem elektrischen Flirren gleich. Das war mir, entgegen der üblichen Praxis bei Interplanar-Hörspielen, doch zu wenig authentisch und hat mich für Momente aus der Handlung gerissen. Im Gesamtkontext bleibt dieser Eindruck allerdings die Ausnahme, die übrigen Szenen waren für mich überzeugend mit Geräuschen unterlegt, und die Musik tat ihr Übriges, eine dichte Atmosphäre zu erschaffen und zu halten.

      Alles in allem also eine überaus starke zweite Folge nach einer doch eher etwas schwergängigeren Auftaktepisode. Die Handlung schreitet schnell voran, mehrfaches Unheil zeichnet sich bereits ab, die Charaktere gewinnen an Kontur, und als Hörer kann man es nicht erwarten, dem weiteren Verlauf der Handlung zu folgen.

      Trotz kleinster Kritikpunkte sehr starker zweiter Teil mit tollen Charaktermomenten!

      Fünf von fünf Sternen

      (Gewöhnlich verteile ich zur Illustrierung meiners Fazits gern Sterne, aber hier kann ich unter den Emoticons leider keine finden...)

      Sehr schöne und ausführliche Besprechung der ersten beiden Teile. Da bleibt natürlich nicht mehr viel was man hinzufügen kann. Ich kann mich zu Folge 1 nur diesbezüglich äußern, dass es für mich aus zweierlei Hinsicht schwierig war in die Geschichte hinein zu finden. Zunächst waren es die Szenen zu Beginn, wo ich Schwierigkeiten hatte alles zu verknüpfen und den Bezug zur Nibelungensage zu finden. Und zweitens sind es natürlich die teilweise anderen, mir unbekannten Namen im Vergleich zur Sage. Zudem sind nicht nur die Namen teilweise anders, sie liefern auch ein anderes „Bild“ ab, wie ich es gewohnt war. Mag Hagen nicht in allen bisherigen Erzählungen ausschließlich böse gewesen sein, sondern immer nur der „Sache“ und seinem König dienlich, so ist er hier regelrecht ein Sympathieträger innerhalb der Geschichte. Dieses Bild des Guten kämpft automatisch mit dem Bild des bisher immer in meinem Kopf befindlichen Bösewichts des Hagen von Tronje. So sehr ich dies reizvoll und auch auch sehr motivierend zum Hören finde, so sehr brauchte es auch seine Zeit mich damit abzufinden. Zur Folge 2 kann ich nur schreiben dass auch mir die Funktion des Schmieds als Nacherzähler sehr viel Freude bereitet, es ist quasi eine zusätzliche Rahmenhandlung, aber bei längerem Nachdenken kommt man doch zu logischen Schluss, dass er ja gar nicht alles wissen kann und die Zusammenhänge nur schwer verstehen konnte. Das wirkt auf mich doch unglaubwürdig, selbst wenn man bedenkt, dass ihm als gutem Zuhörer Vieles erzählt worden ist. Aber so viel? Sei es drum, stört mich nicht, wirkt nur bei näherer Betrachtung sehr unglaubwürdig.
      Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

      Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#
      Vielen Dank @Hardenberg für die sehr interessant zu lesende Rezension. Interplanars Version der Nibelungensaga klingt gut, aber wird mich thematisch wohl doch nicht so reizen. Hier bin ich ein bekennender Fan der 60er Jahre Verfilmung, und das neue „Setting“ ist für meinen persönlichen Geschmack zu abweichend.

      So wird diese Serie für mich wohl nicht in Frage kommen, aber das ist ja nicht schlimm, so wichtig bin ich auch nicht. :)
      Danke für die warmen Worte. :)

      @Markus G.

      Ich empfinde den Kniff mit dem Erzähler auch nicht als störend, überhaupt nicht. Der Wechsel lockert das Ganze sogar hin und wieder ein wenig auf. Nur allein inhaltlich macht das eben eigentlich, jedenfalls nach jetzigem Kenntnisstand, wenig Sinn. Selbst wenn man es einfach so versteht, dass der Schmied nur einen Teil der Geschichte nacherzählt bzw. manches sich zusammensetzt aus Selbst-Erlebtem, Gehörtem und Spekuliertem, wie @Martin Seebeck es andeutet, und anderes völlig losgelöst vom Schmied dargestellt wird, ist eben die Frage, warum man überhaupt diesen Umweg über den Schmied gewählt hat. Ich sehe da keine handlungsinterne und auch keine formale Notwendigkeit. Aber da es gut gemacht ist und, wie gesagt, die Handlung nicht stört, ist das für mich keine Frage nach Gut oder Schlecht, sondern eher nach dem Warum. ;)


      @Butor

      Ich kann Dir nur empfehlen, der Geschichte eine Chance zu geben. Die ersten Folgen werden kaum mit Deinen Erinnerungen kollidieren, denn so groß sind die Abweichungen gar nicht, sondern es geht hauptsächlich um Nuancen, außerdem schildert die Handlung zunächst die Vorgeschichte zu den bekannten Ereignissen. Die Geschichte fängt ja mit König Gibicar an, Gundahars/Gunters Vater (ich habe mittlerweile entdeckt, dass Gibicar ohne abschließendes "r" geschrieben wird, bleibe aber jetzt einfach bei meiner Schreibweise). Außerdem sorgen die abweichenden Namen, wie ich finde, für eine ausreichende Distanz, um sich hier einfach auf eine neue Geschichte einlassen zu können, finde ich. Und die einzelnen Episoden, bis auf die erste, die ein wenig schwergängiger ist, sind alles in allem sehr flott und pointiert erzählt, manche Folgen dauern nicht mal vierzig Minuten. Das lässt sich gut hören.

      Für mich der größte Unterschied ist übrigens, dass man die Handlung nicht einfach als gegeben schildert, sondern sie motiviert darstellt. Bei der Sage und ihren Bearbeitungen kann man sich ja durchaus das eine oder andere Mal fragen, warum die Charaktere so handeln, wie sie es tun, und man bleibt dem Leser/Zuschauer gewöhnlich eine Antwort schuldig. Hier wird ein wenig näher an die Figuren herangerückt, sie werden beleuchtet und hinterfragt, aber ohne sie küchenpsychologisch zu banalisieren. Außerdem wagt man, das Schwarzweiß-Schema zu durchbrechen. Insofern sind vor allem die Darstellungen von Hagen und Siegfried deutlich komplexer und vielleicht auch in einigem abweichend vom bisher Bekannten. Die Schilderungen stehen für mein Empfinden aber nicht unbedingt im Widerspruch dazu, denn wenn man genau hinschaut, waren Ansätze für solche Lesarten bis zu einem gewissen Punkt immer schon da, sie wurden wohl nur in Kinofassungen zugunsten der gängigen Konventionen bewusst abgeschliffen.
      Und auch wenn ich jetzt quasi mit dem Mikroskop auf das Hörspiel blicke und vielleicht kleinste Unstimmigkeiten entdecke, so kann ich bislang wirklich sagen, dass es Der Thron der Nibelungen wirklich wert ist, gehört zu werden. Und wenn man dies zudem noch ohne Mikroskop macht, wird man sicherlich einen nahezu ungetrübten Hör-Spaß damit erzielen.

      Es ist auf jeden Fall mal wieder ein richtiges Erwachsenen-Hörspiel, das dazu einlädt, sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Und eben kein Hörspiel-Fast Food.

      Episode 03: Das Verschwinden


      (Quelle: amazon)

      Inhalt
      Hagen nimmt sich notgedrungen seines Nachfolgers an: Sigurd, der neue Mündelvasall des Königs ist am Hof eingetroffen und tritt von Anfang an selbstherrlich und auftrumpfend auf. Hochtrabend verkündet er seine hochherrlichen Ambitionen, er möchte sich künftig Siegfried nennen, weil dies besser klinge, dabei ist er in Wahrheit nur der drittgeborene Sohn des Königs von Xanten und als solcher nicht unbedingt prädestiniert für eine glorreiche Zukunft in der ersten Reihe seines Geschlechts.

      Als König Gibicar von seiner letzten Reise, auf die er mit sechzig Mann aufgebrochen ist, nicht zurückkehrt, macht sich Hagen mit Sigurd auf die Suche nach ihm. Tatsächlich stoßen sie recht bald auf eine Reihe von Toten – Burgundern und Römern, und wenig später zeichnet sich ab: Auch König Gibicar ist tot, getötet bei dem Versuch, den römischen Geldtransport aufzubringen und die Reichtümer an sich zu reißen. Nur findet sich keine Spur des Schatzes. Er ist verschwunden, und es stellt sich schnell die Frage, wer die Fracht an sich genommen und Gibicar getötet haben könnte. Waren es die Römer, die nun die Kunde von gescheiterten Überfall durch die Burgunder weitertragen werden, was unweigerlich einen Waffengang der Römer nach sich zöge, oder gibt es noch eine dritte Partei, die hinter dem blutigen Ausgang des Überfalls stecken könnte?

      Die Familie des Königs ist tief getroffen durch den Verlust. Damit steht fest: Gundahar wird der neue König im Burgunderreich. Doch es gibt einen, der ihm seinen Anspruch streitig macht: Hjafir, ein alter Wegbegleiter seines Vaters, der in einem direkten Kräftemessen mit Gibicar seinerzeit unterlegen war und diesem darum lebenslange Treue schwor – ein Schwur, den er nun mit dem Tod des Königs als abgegolten betrachtet. Hjafir fordert Gundahar zum Kampf heraus, und dieser ist auch bereit, darauf einzugehen, als plötzlich Grimhild und Ute, die Königswitwe, auf der Bildfläche erscheinen und vielsagende Andeutungen zu geheimem Wissen machen, das Hjafir wohl desavouieren würde. Dieser Schachzug verfehlt seine Wirkung nicht: Hjafir verzichtet schließlich auf einen Kampf und erneuert seinen Schwur um zumindest fünf Jahre.

      Für Hagen ändern die neuen Gegebenheiten allerdings nichts: Hatte er dem König zu Lebzeiten noch gelobt, seinem Sohn in seinem hitzigen Temperament beistehen und ihn zügeln zu wollen, bekräftigt nun die Königswitwe, die um seine Verbindung mit Grimhild weiß und diese nicht billigt, den Entschluss, Hagen vom Königshof fortzuschicken. Seine Tage im Schoß der Burgunder scheinen also tatsächlich gezählt zu sein.

      Gleichzeitig forschen römische Abgesandte nach dem Verbleib des Geldtransports und kommen zu diesem Zweck auch auf die Burgunder zu, immerhin ist der Zug in unmittelbarer Nähe des Burgunderreichs verschwunden. Allerdings haben Hagen und seine Männer unterdessen die Leichen beiseitegeschafft, die Römer tappen also im Dunkeln über die Geschehnisse, die sich zugetragen haben. Der Ort, an dem der Konvoi verschwand, liegt in einem Gebiet, in dem es zur einen Seite zu Waldbränden, zur anderen zu Überschwemmungen kam. Den Burgundern gelingt es, dies für sich zu nutzen, indem sie die Schuld für den Verlust des Geldtransports weit von sich abzulenken versuchen. Sie verweisen auf eine Gefahr, die sich der Legende nach in den Wäldern verbirgt, und die nun zu neuem Leben erwacht sein könnte: Fafnir, der große Drache.


      Meinung
      Eine erneut sehr intensive und starke Folge, die uns Balthasar von Weymarn hier bietet. Die Handlung wird konsequent und ohne Längen weiterentwickelt, mit dem schnöselhaften Sigurd taucht eine weitere Figur auf, die für den Verlauf der Geschichte bedeutsam sein wird. Und es ist wunderbar, wie von Weymarn mit der Erwartung des Hörers spielt, wenn er den als finster geltenden Hagen menschlich, den Strahlemann Siegfried dagegen wie einen auftrumpfenden Gernegroß anlegt, der in der Begegnung mit Grimhild sogar eher ein wenig tumb erscheint, wenn er mit Bärenkräften eine Stele zum Andenken an den verstorbenen König relativ sinnlos von einem Ort zum anderen schleppt.
      Man erkennt gleich: dieser Sigurd wird noch einiges dafür tun müssen, um uns von seinen Heldenqualitäten zu überzeugen. Einstweilen wirkt er kaum wie ein adäquater Ersatz für den dienstbeflissenen und loyalen Hagen, und dem Hörer dürfte sich gut erschließen, warum einiges dafür spricht, dass diese beiden Männer im Leben wohl keine Freunde mehr werden.

      Der König stirbt also in dieser Folge. Mit ihm verlässt ein starker Charakter die Geschichte. Wie wir bereits wissen, hinterlässt Gibicar ein Burgunderreich, mit dem es nicht zum Besten steht: Bedrohungen durch die Franken, die Hunnen, womöglich auch durch die Römer, ein Verbrechen, das vertuscht werden muss, ein Staatssäckel, der, wie es scheint, ziemlich klamm ist – und einen Thronfolger, der sich gern von seinem Temperament übermannen lässt und zu einer gewissen Kälte und Rücksichtslosigkeit neigt.
      Mit dieser Folge tritt die Geschichte in eine neue Phase ein. Das Feld ist bestellt, nun können wir dabei zusehen, wie die ausgebrachten Handlungselemente gedeihen. Der Konflikt zwischen den Geschwistern ist noch lange nicht befriedet, auch wenn Gundahar offiziell der König ist. Zumindest Gernot hat auch eigene Ambitionen. Grimhild, so viel ahnen wir schon, wird keine glückliche Zukunft mit Hagen beschieden sein. Dieser wiederum soll ganz offensichtlich geschasst werden. Und dann dräut am Horizont auch noch die Untersuchung rund um den verschwundenen Geldtransport, von deren Ausgang viel für die Burgunder abhängt.

      Ich fühlte mich wunderbar unterhalten.
      Es gab eigentlich nur einen Moment, den ich nicht ganz optimal fand: das war die Szene, in der Grimhild in einem langen Selbstgespräch ihres Vaters gedenkt. Das wirkte in meinen Ohren unpassend in diesem ansonsten sehr modern und flott erzählten Hörspiel, ein Rückgriff auf ein angestaubtes Stilmittel, das zwar im Kontext zur erzählten Zeit nicht wie ein Fremdkörper wirkt, mich aber dennoch für Momente aus der Handlung gerissen hat, wie ich zugeben muss. Dessen hätte es, wie ich finde, nicht bedurft.

      Sebastian Kluckert feiert mit dieser Folge seinen Einstand bei Der Thron der Nibelungen. Sein Sigurd ist alles andere als ein strahlender Held. Er ist ein auftrumpfender und manchmal etwas schlicht wirkender Muskelprotz, dritter Sohn eines Königs und als solcher nicht unbedingt der aussichtsreichste Kandidat für eine ruhmreiche Zukunft. Wir dürfen gespannt sein, wie sich sein Spiel im Lauf der nächsten Folgen noch verändern wird. Und dass es das wird, davon ist wohl auszugehen. Kluckert schafft es wunderbar, einen Kontrapunkt zum besonnenen und eher zurückgenommenen Hagen zu schaffen, und so entsteht im Zusammenspiel mit Sascha Rotermund ein vortreffliches Gegensatzpaar, das einen gespannt auf das schauen lässt, was in den nächsten Episoden noch folgen wird.

      Matti Klemm darf in dieser Folge den Herausforderer des neuen Königs geben, und auch wenn ihm das Skript nur wenig Zeit dafür gibt, schafft er es doch, einen erinnerungswürdigen Auftritt hinzulegen. Er ist die Bedrohung, die im letzten Augenblick von den Frauen abgewendet wird. Der König ist gerettet, aber auch ein wenig diskreditiert.

      Das Sounddesign ist auch in dieser Folge wieder sehr stimmig. Gleiches gilt für die Musik. Hin und wieder kommen Einschübe, Klänge und, wie es den Eindruck hat, leise Chöre, die Assoziationen zum Hauptthema des Audible-Hörspiels Macbeth wachrufen, was gewiss nur ein Zufall ist, aber doch dazu führt, mich die Atmosphäre dieses Hörspiels noch intensiver spüren zu lassen.

      Alles in allem bleibt das Hörspiel also mit diesem dritten Teil auf dem sehr hohen Niveau von Folge 2. Keine Längen, keine Schwergängigkeit, dafür ein pointiertes und durchaus anspruchsvolles Hörspiel-Drama, bei dem die Intensität mit jeder Folge anwächst. Alles Klagen bei dieser Folge ist Jammern auf höchstem Niveau, so macht Hörspiel Spaß!

      Spannend von der ersten bis zur letzten Minute!

      Fünf von fünf Sternen


      (Gewöhnlich verteile ich zur Illustrierung meines Fazits gern Sterne, aber hier kann ich unter den Emoticons leider keine finden...)
      Einmal mehr eine sehr schöne und auf Grund des Detailreichtums eine sehr imposante Besprechung! Als Hörer hat man sofort wieder die Folge vor den Augen. Für mich war das Auftreten des Siegfrieds schon ein Highlight auf das ich lange gewartet habe. Natürlich habe ich hier immer noch den strahlenden Helden im Kopf. Und so beeinflusst, fand ich Sigurds Auftritt gar nicht so „negativ“ behaftet. Vielmehr war er ein Protagonist mit Ecken und Kanten, der sich scheinbar als Charakter noch entwickelt. Zum damaligen Zeitpunkt war er für mich durchaus noch als Sympathieträger geeignet.
      Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

      Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#
      Danke. @Markus G. :)

      Ja, ich habe mich angesichts der doch hin und wieder nicht ganz leicht zu durchschauenden Handlung dafür entschieden, den Inhalt, so wie ich ihn erfasst und verstanden habe, ausführlich aufzubereiten, damit man auch, wenn man die Besprechung erst viel später liest, noch Zugang zu den einzelnen Erörterungen findet. Das ist ja nicht ganz leicht, wenn man sich nicht mehr so richtig daran erinnert, was in den einzelnen Folgen geschehen ist. Außerdem mag das dem einen oder anderen, der bisher vielleicht nur flüchtig hat hören können, ein wenig Hilfestellung bieten, die Zusammenhänge nachzuvollziehen, die sich innerhalb der Hörspielhandlung ergeben. So etwas war mir selbst schon bei anderen Hörspielen dienlich. Und bei Gabriel Burns habe ich meine Besprechungen ähnlich angelegt. Ein bewährtes Verfahren, könnte man also sagen. ;)
      Und es bringt mir auch Spaß, hier mal wieder ein wenig intensiver in ein Hörspiel einzusteigen. Das ist sehr aufwendig und zeitintensiv, aber auch ein besonderes Erlebnis - sofern ein Hörspiel zündet. Und da ich gerade ein bisschen Zeit für so etwas habe, mache ich es gern. Zumal ich denke, dass das Hörspiel ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Und ich verlange ja immer lautstark nach originelleren Hörspiel-Umsetzungen. Da sollte ich mich jetzt auch mal ein bisschen lauter einbringen, finde ich. ;)
      Ich habe nämlich den Eindruck, dass das Hörspiel bisher noch nicht in der Breite wahrgenommen wurde. Und ich denke, das könnte zunächst einmal damit zusammenhängen, dass viele den Stoff noch aus dem Schulunterricht kennen und hier etwas Staubtrockenes und, was den Anspruch angeht, vielleicht künstlerisch Überambitioniertes erwarten - sie können ja nicht wissen, dass das Ganze sehr eingängig und unterhaltsam und neuzeitlich umgesetzt ist -, und außerdem ist, wie ich denke, das Cover nicht unbedingt eine Einladung an die breite Hörerschaft, hier einfach mal reinzuhören, weil auch das eher Kost fürs saturierte Bildungsbürgertum in Aussicht stellt und nicht Entertainment für den gemeinen Hörspielhörer. Und wen all das nicht schreckt, der ist vielleicht dann gleich beim etwas schwergängigen Einstieg in die Handlung raus, wie ich bei meinen ersten beiden Versuchen, was schade wäre, aber nicht ganz unverständlich. Aber ein Dranbleiben lohnt auf jeden Fall! Denn die Geschichte entwickelt sich ja.

      Was Sigurd/Siegfried angeht, so gebe ich Dir recht. Ich habe ihn zwar wie beschrieben wahrgenommen bei seinem Einstieg, aber es gibt natürlich eine Entwicklung. Ich habe beim ersten Hören gedacht: Okay, er ist am Anfang noch der auftrumpfende Schnösel, aber er wird wohl im Verlauf der Handlung Demut lernen und sich anders verhalten. Es kommt aber dann ja, wie ich mittlerweile weiß, ganz anders, um nicht zu sagen: erschreckend anders, und ich bin wirklich gespannt, wie die Handlung in Staffel 2 fortgesetzt wird.

      Allerdings habe ich aktuell kein so gutes Gefühl, was die Hörerzahlen angeht, vielleicht zu Unrecht.

      Wer hier im Hörspieltalk hat es denn, außer Markus G. und mir, bisher gehört? Und wie fandet Ihr es?
      Es dürfen sich natürlich an der Besprechung in diesem Thread alle beteiligen. :)
      Ich könnte mir auch vorstellen, dass dieses Hörspiel etwas für @Chris oder @BjoernErik sein könnte. @pops wird doch wahrscheinlich auch schon reingehört haben, oder? Und auch, falls ich ihn nicht verwechsele, der von mir besonders geschätzte @DiStefano müsste doch eigentlich ein Kandidat für diese Ouvertüre sein. Und schade, dass der gute @Cherusker nicht mehr aktiv ist. Seine Besprechungen, die den meinen, was den Umfang angeht, in nichts nachstanden, waren auch immer sehr lesenswert, und ich würde gern wissen, wie er dieses Hörspiel findet. Ich denke, es könnte seinen Geschmack treffen. Ich hoffe, er ist dem Hörspiel treu geblieben und hört hier mal rein. :)
      Gestern habe ich die erste Folge gehört, war aber nicht richtig konzentriert und muss vielleicht nochmal anfangen.
      Viel passiert ist aber auch nicht in Folge 1. @Hardenberg hat in seiner tollen Besprechung alles abgedeckt - ergänzen könnte man noch, dass des Königs Kinder etwas "unzufrieden" sind und das Verhältnis zum Vater nicht das Beste ist. Grinhild sieht es eher als Strafe an mit Hagen loszuziehen, ihr jüngster Bruder fühlt sich ignoriert, fürchtet gar um sein Leben, wenn die Zeit seines älteren Bruders als König anbricht - dieser wiederum gibt nichts auf Rat anderer und beruft sich nur auf seinen Titel und seinen Stand...

      Positiv aufgefallen sind mir die vielen guten (und bekannten) Sprecher.
      Tatsächlich wird auch mir der Generationenunterschied nicht deutlich genug, da man keinen wirklichen Altersunterschied hört (Ausnahme hier, die Königin und Grimhild).

      Ansonsten bin ich gespannt, wie es weitergeht - der Stoff um Hagen und die Nibelungen ist mir nicht (mehr) geläufig, bzw. hat mich auch nie interessiert, sodass ich ziemlich neutral und ohne grosses Vergleichen in die Sage einsteige.
      Mein Name ist Dorian Hunter, und ich bin der Sohn des Teufels. Ich war der Sohn des Teufels, denn ich habe ihn getötet! :evil:
      @Orko aus dem Zauberland

      Danke für das Feedback und die Ergänzung, die ich sehr wertvoll finde. Irgendwo muss ich bei der Darstellung des Inhalts einen Cut machen, sonst ufert das Ganze noch mehr aus. Um so mehr freue ich mich über Deine Ergänzung. :)
      Ich kann Dir nur empfehlen, dranzubleiben. Die erste Folge ist halt wirklich ein bisschen schwergängig. Für mein Empfinden ändert sich das bereits mit Folge 2 deutlich.

      Ich bin gespannt auf Deine weiteren Eindrücke.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Hardenberg“ ()


      Episode 04: Der dritte Sohn



      (Bildquelle: amazon)

      Inhalt
      Gundahar kommt vor dem römischen Statthalter in Erklärungsnot und bringt ihn dazu, die Geschichte um den legendären Drachen als Urheber des Verschwindens des römischen Geldtransports zu glauben. Der neue König und sein wichtigster Berater Hagen können ihr Glück kaum fassen und tun nun alles, die Legende vom feuerspeienden Drachen zu nähren, indem sie demjenigen, der den Drachen findet, eine hohe Belohnung versprechen.

      Unterdessen beginnt die Stiefmutter des Königs, Ränke zu schmieden. Sie versucht, ihren Sohn Gernot davon zu überzeugen, sich in Position zu bringen, um vielleicht doch noch König des Burgunder werden zu können. Zu diesem Zweck redet sie ihm zu, das Amt des Heeresmeisters zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass Gundahar sich isoliert.

      Grimhild und Hagen setzen ihr Verhältnis fort. Der Schildmann des Königs sagt dabei, angesprochen auf die Ausweglosigkeit ihrer gemeinsamen Liebe, ein paar Worte, die wohl als Motto seines zukünftigen Handelns gelten dürfen: Zukunft sei kein Zustand, der einfach bloß sei, sondern die Menschen selbst erschafften sie sich. Sehr bald schon wird er die Notwendigkeit dieses Sinnspruchs wohl am eigenen Leib erfahren.

      Der Druck auf Gundahar lässt auch weiterhin nicht nach. Ein Abgesandter Attilas trifft ein und fordert hohes Schutzgeld von den Burgundern. Der König sieht sich gezwungen, auf die Forderung einzugehen. Da die Staatskasse chronisch leer und der Raubzug seines Vaters missglückt ist, ergeben sich damit neue Bedrohungen für den jungen König. Noch dazu kehrt der zwischenzeitlich verschwundene Sigurd an den Königshof zurück und präsentiert einen beeindruckenden Goldschatz, von dem er sagt, er stamme aus dem Hort des Drachen Fafnir, den er besiegt habe. Wie angekündigt, legt er nun den Namen Sigurd ab und will künftig Siegfried genannt werden. Doch einen Beweis für seine Taten bleibt der junge Xantener schuldig: Erst wenn alle Reichtümer in Sicherheit gebracht sind, ist er bereit, anderen Zutritt zum Ort des Geschehens zu gewähren. Und er eröffnet Hagen, dass sein jüngst erlangter Ruhm seinen Ehrgeiz geweckt hat: Nun möchte er die Schwester des Königs, Grimhild, zur Frau.


      Meinung
      Mit großem Tempo schreitet die Handlung voran, dennoch bleibt genügend Raum, das große Ränkespiel, das sich jetzt bereits anzudeuten beginnt, herzuleiten.Leider fordert jedoch das hohe Tempo, das dafür sorgt, dass es keinerlei Längen oder Redundanzen gibt, in dieser Folge den Preis eines Teils der Glaubwürdigkeit: Gleich zu Beginn der Folge hat sich Gundahar den Nachforschungen des römischen Statthalters zu stellen, der natürlich besorgt über den Verlust des Geldtransports jenes Königreich aufsucht, in dessen unmittelbarer Nähe er verschwunden ist, und er macht keinen Hehl daraus, dass für ihn längst nicht feststeht, dass die Burgunder bei diesem Coup nicht ihre Finger im Spiel haben.Und dennoch ist er bereits nach einem kurzen Wortwechsel plötzlich überzeugt davon, dass für die Tat ein Drache verantwortlich sein muss – ein Drache wohlgemerkt, dessen Existenz nicht bestätigt ist und an den zu glauben bislang kein Römer bereit war. Es wird sogar erwähnt, dass Menschen hingerichtet wurden, die behauptet hatten, ihm begegnet zu sein, weil man ihre Reden für bösartige Ausflüchte hielt. – Ich muss gestehen, das hat mich nicht überzeugt. Hier wäre es für mein Empfinden besser gewesen, diesen Meinungswandel nachvollziehbarer darzustellen. Das ist nicht gut gelungen. Das Verhalten des Römers erscheint wenig glaubwürdig, so wie es geschildert ist.

      Dabei ist die Szene aus einem anderen Grund sehr interessant für die Geschichte: Der römische Statthalter weiß nichts über den Verbleib des Geldtransports. Also hat ihn keiner der römischen Begleiter überlebt. Das ist nicht unwesentlich, stand ja bisher noch im Raum, die Römer könnten Kunde von Gibicars Überfall erhalten. Offensichtlich ist dies nicht geschehen. Das gibt nun jedoch der Frage den Raum, was mit dem Geld geschehen ist. Es waren also wohl nicht überlebende Römer, die das Geld zusammengerafft und zurück ins Lager geschafft oder sonst irgendwo versteckt haben. Gibt es da im Hintergrund also doch noch einen unbekannten Spieler, der sich die Situation zunutze gemacht hat?

      Sehr schön fand ich im weiteren Verlauf der Handlung, wie von Weymarn Hagen sein eigenes Schicksal orakeln lässt, wenn er angesichts der Schwierigkeiten einer gemeinsamen Zukunft gegenüber Grimhild darauf hinweist, dass die Zukunft kein Zustand ist, der einfach vorhanden sei, sondern es die Menschen selbst seien, die sie sich erschafften. Im Kontext dieser Unterhaltung mag ihm selbst die Tragweite seiner Worte nicht bewusst sein, denn noch hat er ja berechtigte Hoffnungen, am Ende seinen Wunsch nach einem gemeinsamen Leben mit Grimhild erfüllt zu sehen, aber wir ahnen bereits: Es dürfte der Tag kommen, an dem die zitierte Einsicht zu seiner vornehmsten Lebensmaxime werden wird.

      Auch in dieser Folge ist es gut gelungen, das Leben am Königshof mit all seinen Bedrückungen und Bedrohungen darzustellen und gleichzeitig weitere tektonische Verschiebungen spürbar zu machen, die den Druck noch erhöhen. Gundahar ist kein Regent, der zu beneiden ist. Von Anfang an hat er sich verschiedensten Herausforderungen zu stellen, und sie alle sind dazu angetan, wenn es schlecht läuft, sein Reich hinwegzufegen. Er ist kein machtvoller König, der in die Lage versetzt ist, die Welt in seinem Sinne zu gestalten, sondern er ist und bleibt ein Getriebener der Umstände – und ist immer wieder dazu gezwungen, Entscheidungen gegen seine Überzeugungen zu treffen, weil ihm seine Lage vermeintlich keine andere Wahl lässt.

      Und als wäre das noch nicht genug, muss er mit der Schmach leben, dass der eitle Sigurd sich als Drachentöter inszeniert und mit einem Goldschatz auf den Königshof zurückkehrt, der, davon sind Gundahar und Hagen sofort überzeugt, die Beute des Geldtransports ist, die Gundahars Vater Gibicar eigentlich für die Rettung Burgunds vorgesehen hatte. Gundahar hatte dem römischen Statthalter gegenüber nämlich bloß aus purer Verzweiflung auf die Legende des Drachen Fafnir zurückgegriffen, um von sich und den Burgundern als möglichen Verursachern des Verschwindens des Geldtransports abzulenken. Wirklich geglaubt hat er nie daran, dass der legendäre Drache Fafnir etwas mit dem Verschwinden des Konvois zu tun haben könnte. Und nun beruft sich plötzlich der junge Xantener ausgerechnet auf die Notlüge des Königs, um einen Schatz zu beanspruchen, für den Gundahars Vater, der König, sein Leben gelassen hat.

      Die Geister, die ich rief, fällt einem da sofort ein, und der Kniff, den Balthasar von Weymarn hier anwendet, nämlich die Konfrontation Sigurds mit dem Drachen auszuklammern und somit im Ungefähren zu belassen, ob der junge Xantener sich diese Kampf nur ausgedacht hat oder ob er Fafnir tatsächlich besiegt hat, schafft eine Spannung und eine dramatische Wucht, die mich als Hörer völlig packt und in die Handlung einsaugt – wenn dies auch zum Preis des Fehlens einer szenischen Ausgestaltung des Kampfs mit dem Drachen geschieht. Andere ambitionierte Hörspielmacher hätten sich die Gelegenheit, einen Drachen zentral in einer Szene auftauchen zu lassen und den Kampf zu schildern, sicherlich nicht entgehen lassen. Von Weymarn überlässt es Sigurd, seine Begegnung zu schildern, und seinen Worten sind entsprechende Geräusche unterlegt, aber die Intensität einer echten Spielszene erlangt das nicht. Offensichtlich war es von Weymarn wichtiger, den Fokus auf die Fragwürdigkeit von Sigurds Erzählung zu legen, und es gelingt ihm dadurch eine neue Akzentuierung: Wir alle glauben die zugrundeliegende Sage zu kennen. Aber was ist, wenn sich alles in Wahrheit ganz anders zugetragen hat? Was, wenn es in Wahrheit gar keinen Drachen gegeben hat und alles nur die Selbstinszenierung eines überambitionierten und wenig skrupulösen Königssprosses ist? – Wir bekommen in dieser Episode keine absoluten Wahrheiten geboten. Aber dass von Weymarn es allein wagt, auf diese Weise mit der Erwartungshaltung des Hörers zu spielen, finde ich originell und wirklich spannend. Darum fehlt mir die explizite Schilderung des Kampfes mit dem Drachen auch nicht. Der gewählte Weg bietet einen deutlich größeren Mehrwert für die Geschichte, denke ich. Insofern: alles richtig gemacht.

      Das Sounddesign und die Musik haben mich auch in dieser Folge wieder voll und ganz überzeugt. Ich gehe bei meinen Besprechungen, die den Fokus bewusst auf die inhaltliche Erörterung legen, häufig ein wenig lapidar über die Feinheiten des Sounddesigns hinweg. Das ist sicherlich zu einem gewissen Teil begründet, denn in der Liga, in der wir bei einem Hörspiel wie Der Thron der Nibelungen spielen, braucht es nicht die Erwähnung, dass die Schritte des Königs im Schloss authentisch klingen oder die Bewegungen mit überzeugendem Stoff-Rascheln flankiert werden. So etwas darf und muss bei professionellen Hörspiel-Produktionen von diesem Format einfach vorausgesetzt werden. Und doch möchte ich an dieser Stelle einmal bewusst darauf verweisen, wie präzise hier die Geräusche und die Zwischenmusiken gesetzt sind. Sehr schön ist das etwa bei der Schilderung des Eindringens Sigurds in die Drachenhöhle gelungen. Es wird eine flirrende Spannung erzeugt, der Drache klingt grollend und bedrohlich – und doch bleibt am Ende unbestätigt, ob uns Sigurd eine faustdicke Lüge auftischt oder die Wahrheit spricht. Nun, wir werden es sicherlich noch erfahren.

      Was die Sprecherinnen und Sprecher angeht, kann ich meinen Worten aus den Besprechungen zu den ersten Folgen wenig hinzufügen. Die Haupt- und die wichtigsten Nebenrollen werden wirklich durchweg erstklassig gesprochen. Ein Problem habe ich jedoch hin und wieder mit der für mich mangelnden Unterscheidbarkeit der jungen Männer vom Königshof, die allesamt recht ähnliche Stimmfärbungen haben – Gundahar, Giserher, Gernot, Roland, Sigurd… da muss man in manchen Szenen schon genau hinhören, wer da gerade mit wem spricht. Qualitativ kann man gegen keinen der Sprecher etwas sagen, aber zugunsten der besseren Unterscheidbarkeit hätte ich mir für die genannten Figuren Sprecher gewünscht, die klarer voneinander zu differenzieren sind.

      Durch den Wegfall der Rolle des Gibicars rückt nun der Sohn, Gundahar, und mit ihm Konrad Bösherz in den Fokus der Handlung. Und er macht das wirklich gut. Sein Gundahar ist ein König in Not, das drückt er sehr schön aus – stolz und gleichzeitig seltsam unsicher. Und man versteht, warum er nicht für sich allein stehen kann, sondern darauf angewiesen ist, starke Männer wie Hagen an sich zu binden. Ohne sie wäre er einfach nackt.

      Im Fazit haben wir es also bei dieser vierten Folge mit einer erneut überaus wendungsreichen und spannenden Epsiode zu tun, die wieder einmal sehr gut unterhält und sofort Lust macht, in die nächste, leider bereits vorletzte Folge dieser Staffel hineinzuhören. So kann es gern weitergehen!

      Alles in allem mitreißend und berührend, trotz einer minimalen Leerstelle im Skript!

      Viereinhalb von fünf Sternen

      (Gewöhnlich verteile ich zur Illustrierung meines Fazits gern Sterne, aber hier kann ich unter den Emoticons leider keine finden...)

      Hardenberg schrieb:

      Ich kann Dir nur empfehlen, dranzubleiben. Die erste Folge ist halt wirklich ein bisschen schwergängig. Für mein Empfinden ändert sich das bereits mit Folge 2 deutlich.



      Klar bleib ich dran.
      Ist für mich eine typische erste Folge, ich finde das nicht all zu schlimm und sicher nicht abschreckend. Die Geschichte bereitet sich ihren Weg, die Charaktere werden vorgestellt (daher habe ich des Königskinder erwähnt, diese treten alle nur am Rande in verschiedenen, eher willkürlichen Szenen auf, die mit der Haupthandlung nichts zu tun haben, stellen aber die Figuren und hier wohl wichtiger, deren Charakterzüge, vor.

      Ich mag mittlerweile solch längere (Staffel) Hörspiele mit einer langen Gesamtgeschichte mehr, als diese weekly Cosy Crime 1h Hörspiele. Erst wenn es auch nach 2-3 Stunden nicht besser wird, breche ich evtl. ab - aber das ist bisher noch nicht passiert :P
      Mein Name ist Dorian Hunter, und ich bin der Sohn des Teufels. Ich war der Sohn des Teufels, denn ich habe ihn getötet! :evil:

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Orko aus dem Zauberland“ ()

      Markus G. schrieb:

      Wäre schön wenn sie sich auch beteiligen
      Ja, nur was soll ich noch sagen? Ich habe die erste Folge gehört und im anderen Thread bereits geschrieben, dass ich sie zäh und langweilig fand. Die sehr kompetente Rezension von @Hardenberg zu Episode 1 listet meine Probleme mit der Folge ziemlich genau auf. Für mich wiegen diese Mängel allerdings schwerer als für ihn, so dass ich kein Interesse hatte, weiterzuhören.

      Die Begeisterung, die hier allerorten ausbricht und insbesondere auch @Hardenbergs Einschätzung, dass es sich lohnt, dranzubleiben, lassen mich jedoch gerade grübeln, ob ich dem Ganzen noch einmal eine Chance geben sollte. Vielleicht wage ich mich am Wochenende ein zweites Mal dran?
      Ein Unkraut ist einfach eine Pflanze, die dort wächst, wo man sie nicht haben möchte. [Miss Marple]