Werden Radiomehrteiler für kommerzielle Veröffentlichungen immernoch zusammengeschnitten?

      Werden Radiomehrteiler für kommerzielle Veröffentlichungen immernoch zusammengeschnitten?

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      Das ist etwas, das mich immer sehr geärgert hat, als ich noch mehr CDs gehört habe:

      bei Radiomehrteilern haben die einzelnen Teile ja häufig eine ganz eigene Dramaturgie, da die Macher ja eben gerade kein sehr langes Hörspiel konzipiert haben, sondern ausdrücklich einen Mehrteiler. Die einzelnen Teile haben dann ja auch oft nicht nur einen ganz eigenen Spannungsbogen gehabt, sondern auch eigene Titel.

      Aber selbst wo das nicht der Fall war, wie zum Beispiel bei Paul Temple, steuerten die Einzelteile immer klar auf einen besonderen Höhepunkt oder Cliffhanger oder anderweitigen Abschluss zu, den man beim CD-Temple trotz des Zusammenschnitts zwar immernoch leicht erraten bzw. nachempfinden kann, bei weniger einfach gestrickten Produktionen das aber sehr viel schwerer wird.

      Die Veröffentlichungspraxis der Verlage, die einzelnen Teile von Mehrteilern zu einem langen Hörspiel zusammenzuschneiden, kann ich mir nicht anders erklären, als nur aus dem Grund, bei der VÖ vielleicht eine CD sparen zu wollen. Oder wollte man damit doch bestimmten Hörgewohnheiten entgegenkommen?

      Mein Geschmack war das jedenfalls nicht. Ich empfand das Vorgehen immer als Verbrechen an dem Hörspiel, das dadurch seine eigentliche von den Machern beabsichtigte Gliederung verlor, und damit letztlich auch als Respektlosigkeit gegenüber mir als Konsumenten...

      Wie saht/seht Ihr das und wird das eigentlich heute, wo selbst eine CD als Rohmaterial kaum noch was kostet, immernoch so gemacht? Bin gespannt.

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      Rudolf Platte schrieb:

      Ich empfand das Vorgehen immer als Verbrechen an dem Hörspiel, das dadurch seine eigentliche von den Machern beabsichtigte Gliederung verlor, und damit letztlich auch als Respektlosigkeit gegenüber mir als Konsumenten...
      100% Zustimmung, das ist unnötig und zum Teil eine Zumutung. Umgekehrt ist es natürlich auch manchmal der Fall, dass die Folgen zu lang sind, um auf eine Standard-CD zu passen. War z. B. bei 'Der Name der Rose' oder (aktuelles Beispiel) bei 'Lebewohl, Berlin!' so. In solchen Fällen würde ich mir wünschen, dass dann auf eine mp3-CD gepresst wird. Auf jeden Fall sollte meines Erachtens die ursprüngliche Folgenaufteilung erhalten bleiben. Meines Erachtens gehören auch Titelansage und Abspann vor und nach jeder Folge dazu.

      Aber die Radiosender selbst schneiden und schnippeln ja auch, was das Zeug hält. Da wird das selbe Hörspiel mal in 4, 5 oder 8 Folgen gesendet - je nachdem, wie es gerade ins Sendeschema passt. Teilweise werden einfach Teile der vorherigen Folge 'wiederholt', damit man auf die notwendige Laufzeit kommt. Oder, noch schlimmer: Es werden Hörspiele passend gemacht, indem man sie kürzt. Das ist für mich dann das absolute 'No-Go'.
      Ohne Oberfläche gibt es keine Tiefe. (Walter Moers)

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      Auf jeden Fall sehr ärgerlich, weil die „Urfassung“ verändert wird. Aber Rohling und das Pressen wird teurer nicht billiger, weil die Nachfrage sinkt, weil immer mehr gestreamt und als Download gekauft und gehört wird. Von daher kann ich es schon nachvollziehen, aber nicht gut heißen. Das gab es aber schon immer. Überall wo noch mit Medien gearbeitet wird und wurde, kämpft man mit Platzproblemen. Das gab es schon zu LP- und MC-Zeiten. Umgekehrt führt es auch manchmal zu Unbill der Hörer wenn man wie bei Goldagengarden Radiofolgen mit knapp 40 Minuten Länge 1:1 auf CD presst. Der Hörer erwartet eine „volle“ CD. Diese Probleme sind Dank Stream und Download bald Geschichte. Dafür sehen wir neue Probleme am Horizont wie Langatmigkeit oder 100 Tracks. Perfekt ist wohl keine Zeit ;)
      Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

      Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

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      Stollentroll schrieb:

      Aber die Radiosender selbst schneiden und schnippeln ja auch, was das Zeug hält. Da wird das selbe Hörspiel mal in 4, 5 oder 8 Folgen gesendet - je nachdem, wie es gerade ins Sendeschema passt. Teilweise werden einfach Teile der vorherigen Folge 'wiederholt', damit man auf die notwendige Laufzeit


      Stimmt, da ist auch manchmal so schwer durchzublicken, dass man es kaum von den Veröffentlichenden erwarten kann, wenn denn keine Fans irgendwie an der VÖ beteiligt sind. Ähnliches gibts ja auch im TV, mit dem Ergebnis, dass zerstörte, verschnittene Fassungen mit genau solchen Problemen am Ende auch auf der DVD-Veröffentlichung landen, weil keiner das noch blickt (ganz schlimmes Beispiel: Der fliegende Ferdinand").


      Markus G. schrieb:

      Der Hörer erwartet eine „volle“ CD.


      Das ist ein Pro-Argument, dass mir selber nicht eingefallen wäre, aber wer sich bei zeitweise recht hohen Preisen zu einem Hörbuchkauf durchgerungen hat, weil er sich sagte, nagut, es sind ja auch soundsoviele CDs, der Preis geht schon ok, der hätte dann ja wirklich das Gefühl einer Mogelpackung aufgesessen zu sein, wenn die CDs nur halb oder dreiviertel bespielt sind. Das wäre dann seitens der Verlage ja sogar eher kundenorientiert gedacht. Und allen Kunden kann man es natürlich nicht rechtmachen...

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „Rudolf Platte“ ()

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      Markus G. schrieb:

      wenn man wie bei Goldagengarden Radiofolgen mit knapp 40 Minuten Länge 1:1 auf CD presst
      Wir haben es zwar an anderer Stelle schon ausführlich durchdiskutiert, aber dennoch: Das Beispiel Goldagengarden greift nicht. Es war keine Radioproduktion, sondern wurde direkt für das Medium CD erstellt. Es gab keinerlei dramaturgische Notwendigkeit für die Aufteilung auf 9 CDs. Die später veröffentlichte CD-Box mit nur 5 Tonträgern belegt dies ja auch. Das ist etwas anderes als ein Hörspiel, dessen Folgen auf einen jeweiligen Schlusspunkt zulaufen, zu einem großen Hörspiel zusammenzuschneiden. Du vergleichst da Äpfel mit Birnen.

      Mit der Erwartungshaltung einer 'vollen CD' aber hast du schon Recht, solche Käufer gibt es ohne Frage.

      Eigentlich müsten DL und Stream ja ein Segen sein, weil es da keine Beschränkungen durch das Medium gibt.
      Ohne Oberfläche gibt es keine Tiefe. (Walter Moers)

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      Könnte mal bitte jemand ein paar Beispiele aufzählen, wo unglücklich geschnitten wurde?

      Mir persönlich fallen dazu die Pidax-Mehrteiler von alten Radio-Hörspielen ein, wo es nur ganz am Ende einen Abspann gibt - und der listet dann natürlich unglücklicherweise nur die Sprecher der allerletzten Folge auf.

      Und ich meine, alle Paul Temples, die bei DAV erschienen sind, da war das auch so. Da war es dann ein langes Hörspiel. Während man das bei allen beim Hörverlag erschienenen Temple-Folgen sehr gut gelöst hat.
      Aber da müsste ich nochmal reinhören, ob ich mich richtig erinnere.

      Bei welchen Hörspielen gibt es denn noch eklatante Schnitte?
      ' EINS UND ZWEI IST DREI -- VON LONDON BIS SHANGHAI '
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      Hörspiel- und Hörbuch-Rezensionen

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „gruenspatz“ ()

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      @Stollentroll Marco hat einmal in einem Interview gesagt, dass er die Serie ursprünglich fürs Radio konzipiert hat und daher Vorgaben hatte wie lange eine Folge zu sein. Leider ist das Interview bei Litera nicht mehr online. Man kann dies aber noch in der Diskussion im CLH-Forum (ca. Mitte Seite 1) erahnen: clh-board.net/index.php?page=T…&highlight=Goldagengarden

      Spontan fallen mir leider auch keine konkreten Beispiele ein wo wegen Medien gekürzt werden musste, aber wir haben dieses hier im Talk das eine oder andere Mal schon bei Klassikern angesprochen, dass Hörspiele, die früher auf LP kürzer sein mussten, nun in der Originallänge auf Download und Stream vorliegen. Wenn ich in den Diskussionen drüber stolpere dann werde ich es posten.
      Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

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      gruenspatz schrieb:

      Könnte mal bitte jemand ein paar Beispiele aufzählen, wo unglücklich geschnitten wurde?

      Die schlimmsten Beispiele, die mir spontan einfallen, sind

      > "Der Name der Rose", bei denen die 4 Folgen auf 6 CDs verteilt wurden. (Das kann ich aber noch halbwegs nachvollziehen, weil zum VÖ-Zeitpunkt mp3-CDs keine Option waren. Es ist dennoch furchtbar.)
      > "Die Säulen der Erde", bei der die 9 Folgen auf 7 CDs verteilt wurden
      > "Die Tore der Welt", wo man 10 Folgen auf 8 CDs gepackt hat
      > "Der Herr der Ringe", wo die erste Veröffentlichung auf 10 CDs noch ganz in Ordnung war, da man 'nur' den Abspann nach jeder Folge wegließ und einen Schlussabsage draufpackte, die aber alle wichtigen Informationen enthielt. Die Musik und die Ansage der neuen Folgen blieben in dieser Auflage aber erhalten, auch war hier noch eine Folge = 1 Track. In der Neuauflage war das alles verschwunden und es war zu einem großen Hörspiel mutiert, das in ich weiß nicht wie viele Tracks unterteilt wurde.
      > "Otherland", wo zumindest in der mp3-Gesamtausgabe jeder Hinweis auf die ursprünglichen Folgen fehlt. Man merkt es nur noch an der Dramaturgie, wenn eine Folge vorbei ist.
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      Markus G. schrieb:

      Marco hat einmal in einem Interview gesagt, dass er die Serie ursprünglich fürs Radio konzipiert hat und daher Vorgaben hatte wie lange eine Folge zu sein.
      Du hast glaube ich nur teilweise recht. Ich kann mich erinnern, dass er gesagt hat, er habe das Hörspiel Radiosendern angeboten, die hätten kein Interesse gehabt und daher habe er sich entschlossen, es 'kommerziell' zu veröffentlichen. An Vorgaben bezüglich der Laufzeit kann ich mich nicht erinnern. Mag aber sein, dass Marco Göllner auch das gesagt hat.

      Aber wie auch immer: Es ist bei Goldagengarden völlig egal, ob man es in 9 oder 5 Folgen schneidet, da es keine Folgendramaturgie gibt.
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      Markus G. schrieb:

      @Stollentroll Marco hat einmal in einem Interview gesagt, dass er die Serie ursprünglich fürs Radio konzipiert hat und daher Vorgaben hatte wie lange eine Folge zu sein.

      Das ist aber wohl ein wenig eine Legende, die MG da gestrickt hat. Zum Zeitpunkt des Exposes, welches keinen Abnehmer fand, wurde sicherlich nicht über Lauflängen diskutiert. Zudem wäre eine Folgenlänge von " knapp 40 Minuten" maximal untauglich für das Radio, bei dem der Regelfall bei 47 bis 54 Minuten liegt.

      Stollentroll schrieb:

      > "Der Name der Rose", bei denen die 4 Folgen auf 6 CDs verteilt wurden. (Das kann ich aber noch halbwegs nachvollziehen, weil zum VÖ-Zeitpunkt mp3-CDs keine Option waren. Es ist dennoch furchtbar.)

      Sorry, aber dieses Hörspiel auf 6 Teile umzuschneiden, das ist absolut geisteskrank. Die Verantwortlichen hierfür gehören eingesperrt.
      "Ich habe mittlerweile ca. 30000 Hörspiele gehört, bitte, danke."

      Simmering gegen Kapfenberg Greenskull gegen Audionarchie Dreamland gegen Greenskull - das ist Brutalität

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      Das mag durchaus sein. Ist schon lange her und mein Gedächtnis ist auch nicht das Beste #asche# Schade, dass das Interview nicht mehr online ist...
      Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

      Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#