Jason Dark's JOHN SINCLAIR

      Jason Dark's JOHN SINCLAIR

      "Ein nächtliches Grillenzirpen.
      Wind rauscht durch Baumwipfel. Ein Käuzchen ruft durch den Wald… Da hebt ein mysteriös klingender Basslauf an, als die Titelmusik beginnt ... und schwere Schritte über die Treppenstufen eines unterirdischen Gewölbes schlurfen...
      Eine Glocke schlägt.
      Akkorde mit übermäßigen und verminderten Intervallen drängen nun in den Vordergrund, was Spannung und eine unheimliche Atmosphäre erzeugt. Dazu gesellt sich das dumpf klingende, angestrengt keuchende Atmen der Gestalt auf der Treppe, während die "Waldszene" im Hintergrund ausgeblendet wird.
      Als der Unheimliche den Treppenabsatz erreicht, verwandelt sich sein Atmen in ein röchelndes, kehliges Grollen, das etwas Raubtierhaftes an sich hat.
      Die rätselhafte Gestalt öffnet eine Holztür, die schaurig knirscht, und stößt dabei ein dämonisches oder animalisches Brüllen aus.
      Die Stimme einer Frau in panisch wachsendem Entsetzen schwingt sich zu einem markerschütternden Schrei empor! -- Die Musik endet, und der Unheimliche besiegelt seinen blutigen Triumph mit einem schmutzigen und äußerst unangenehmen Gelächter..."


      Mit diesem Intro, gleichsam einem eingefleischten "Ritual" folgend, das von vornherein klarstellt, dass es hier gleich Unheimliches, Gruseliges, Übernatürliches und ziemlich, ziemlich Spannendes auf die Öhrchen geben wird, beginnt jedes Hörspiel der Horror-Serie "JOHN SINCLAIR" aus dem Tonstudio Braun. Eingeleitet von Sprecherin Marianne Mosa, die als erstes den Titel der aktuellen Folge ankündigt.

      Eine Weile geliebt, dann - im Zuge der modernen Neuvertonungen mit Bombast-FX und -Musiken etwas belächelt - nun erstmals als CD aufgelegt, haben sich die TSB-John Sinclair-Hörspiele einen festen Platz im Herzen der "Geisterjäger"-Fans erobert. Ja, gemessen an den Neuvertonungen, kommen sie fast schon etwas "Spartanisch" daher. Aber ich habe mir die Freude gegönnt, noch einmal in ein paar der alten Schätzchen reinzuhören. Und stelle fest: Sie müssen sich nicht verstecken, aber überhaupt nicht. Denn die Geschichten sind gut, vor allem aber die unheimliche Atmosphäre und die überzeugenden Sprecher.

      Ars Goetia
      Einige der "modernen" Hörspiele funktionieren auch recht gut, wie z.B. "Zombies auf dem Roten Platz". Obwohl die Geschichte im Original noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs spielt, ist es gut gelungen, sie in die Gegenwart zu transponieren. Das mag der Einzelne für sich entscheiden, ob er den Originalcharme der alten Story bevorzugt, oder die "Hashtag-Twitter"-Version.

      Andere der neueren Produktionen funktionieren nicht besonders gut, wie z.B. "Die Rache der Horror-Reiter". Autor Jason Dark ließ sich für die "Horror-Reiter"-Geschichten vom alten spanischen Horror-Klassiker "Die Nacht der reitenden Leichen" inspirieren. Heraus kam dabei das Akronym "AEBA", gebildet aus den Initialen der vier "Apokalyptischen Reiter" aus der visionären Johannes-Offenbarung, (deren Namen in der Bibel übrigens gar nicht erwähnt werden.) Für die vier Namen
      ASTAROTH, EURYNOMÉ, BAEL und AMDUCIAS bediente sich Jason Dark daher im Grimoire "Ars Goetia" aus dem 17. Jahrhundert.

      In der Neuvertonung wird aus "AEBA" ein lapidares "Äh-Bah!" -- Der Name Eurynomé, (sprich: Oi-Rü-No-Meeh), wird hier zu einem vernuschelten "Eure Noh mö", und selbst geläufige spanische Namen wie "Martinez", (sprich: Marti-NÄSS, mit Betonung auf der Schlußsilbe), werden zu irgendwas, das einen eher an einen "Martini" denken lässt. -- Packte einen in der TSB-Version noch das kalte Grausen, sobald die Horror-Reiter in Erscheinung traten, liegt das diesmal, (in der Neuvertonung), leider an anderen Dingen. Die fürchterliche Aussprache der Namen ist da nur ein Punkt von vielen, die sich jetzt aufzählen ließen. (Von der unnötig in die Länge gezogenen Jurassic-Park-Gedenkszene, mit dem abrutschenden Wagen überm Abgrund, nur von langsam aber sicher nachgebenden Ästen gehalten, und anderen Szenen, wo Musik, Effekte, Szenendialog und Erzählertext teilweise so chaotisch abgemischt sind, dass man kaum noch durchblickt ... davon will ich erst gar nicht anfangen.)

      Jason Dark - Hinter den Kulissen
      Ich will hier lieber einen Blick auf das gigantische Werk werfen, das Jason Dark in vielen Jahrzehnten kreiert hat, indem er mo-nat-lich rund 500 DIN A4-Seiten mit neuen, spannenden Abenteuern des berühmten Geisterjägers füllte. (Und ganz nebenbei noch die Abenteuer des "Psycho-Cop Don Harris" und "Die Hexerin" schrieb; "Ghostbusters - Der Roman zum Film" und die Jugendserie "Das Schloß-Trio" verfasste. Als 'Nebenprodukt' seines kreativen Schaffens, erblickten auch "Professor Zamorra" und "Damona King" das Licht der Welt.)

      Zwischen Wattenscheid und Altena - die deutschen Wurzeln zweier britischer Helden
      Das Vorbild für "John Sinclair" ist ganz klar Ian Flemings "007 - James Bond", gebürtig aus Bochum-Wattenscheid stammend. Und zwar in der Inkarnation durch Roger Moore. Dessen TV-Serie "Die Zwei", wo Moore den britischen Lord "Brett Sinclair" gab, wurde zur Initialzündung für den schottisch-englischen Geisterjäger; nicht nur, was die äußere Beschreibung des Helden angeht; offensichtlich (und bekannterweise) auch, was die Herkunft des Nachnamens angeht. - John Sinclairs Wurzeln wiederum liegen im märkischen Altena, (Sauerland), denn dort wurde Autor Jason Dark im Schatten der gleichnamigen Burg geboren.

      Wo Ian Fleming seinem Commander (Oberstleutnant / Fregattenkapitän) Bond den geheimnisvollen "M", (Vizeadmiral Sir Miles Messervy), als Vorgesetzten präsentierte, setzte Jason Dark Superintendent Sir James Powell auf den Chefsessel. Und aus der attraktiven Sekretärin Miss Eve Moneypenny wurde die nicht minder attraktive Sekretärin Glenda Perkins.

      In den Bond-Romanen wird beschrieben, dass 007 eine senkrechte Narbe im Gesicht trägt. Dieselbe wird auch John Sinclair verpasst, der eben mehr ist als nur ein Bruder im Geiste. (Eine Narbe, die sich mit schmerzhaftem Ziehen in Erinnerung brachte, sobald Sinclair Gefahr drohte.) Wo Bond noch mit "Dr. No" zu kämpfen hatte, tritt Sinclair "Dr. Tod" gegenüber. Auch andere Mega-Schurken und -Bösewichte haben ihren Auftritt bei Sinclair, wie z.B. die unvergessene Pamela Scott, genannt Lady X, Vampiro del Mar/Solo Morasso, der Spuk (Spectre), Asmodina, usw.usf. Und wer dachte bei "Voodoo-Land" nicht sofort an "007 - Leben und sterben lassen", in dem Jane Seymour ihren ersten legendären Filmauftritt als "Solitaire" hatte? (Bei Jason Dark hatte Jane Seymour ihren ersten legendären Auftritt übrigens im Abenteuer "Das Leichenhaus der Lady L", und zwar als junge Insassin eines Mädchenpensionats.)

      Inspirationsquellen
      Es ist aber nicht etwa nur ein einfallsloses "Zusammenklauen von altbekannten Versatzstücken", was Jason Dark praktiziert(e). Wenn auch das Genre naturgemäß seine Konzessionen fordert. Aber Jason Darks damaliger Lieblingsregisseur John Carpenter allein versorgte ihn da schon mit allerhand brauchbaren Bildern. Lucio Fulcis Horrorklassiker "The Beyond" stand Pate für "Das Buch der grausamen Träume" und "Die Augen des Grauens". Natürlich finden sich auch andere Horror-Standards in der Serie, sei es dank George A. Romero, Dario Argento oder klassischen Vampir-, Werwolf- und Zombiestoffen. Und natürlich finden sich auch Anleihen von Edgar Wallace; wo bei jenem "Der schwarze Abt" sein Unwesen treibt, da wird bei Sinclair einfach "Der unheimliche Mönch" ins Feld geschickt.

      "Zur Spannung noch die Gänsehaut"
      Auf unnachahmliche Weise hat Jason Dark all diese Einflüsse aber zu etwas eigenem werden lassen, sie sozusagen "verinnerlicht", und zwar so lange und konsequent, bis John Sinclair ein Eigenleben entwickelte. Der große - man will sagen: unvergleichliche - Erfolg seiner Serie liegt zum einen darin, dass wenig auf Brutalität eingegangen wird; der reale Horror weicht eher dem sanften und wohligen Grusel; ansonsten wird in der Handlung der Serie jede Menge Kaffee getrunken, auch mal ein Bierchen zum Feierabend, oder man vergnügt sich beim Grillen von Würstchen, oder bei einem harmlosen Flirt mit Glenda Perkins. - "No sex, please. We're British." - Etwas, womit sich die in erster Linie weibliche Leserschaft sehr gut identifizieren kann. Sinclair, der ewige Junggeselle, ist ein humorvoller, sympathischer Typ mit dem Herz am rechten Fleck. Und, trotz seiner außergewöhnlichen Fälle, ist er kein Superman und immer angenehm normal geblieben. (Und immer irgendwie der junge Roger Moore in den 1970er-Jahren.)

      In jener Zeit, auf dem Höhepunkt der Eastern-Kung-Fu-Welle, mit Bruce Lee und Jackie Chan als Galeonsfiguren, stellt Dark dann seinem Helden auch den chinesischen Kampfsport-Spezialisten Suko an die Seite, der in "Die Nacht des schwarzen Drachen" noch ein Randfigurendasein als Leibwächter eines reichen Chinesen fristet.

      Die theurgische Magie der Alten
      Geschickt werden auch mythologische und historische Themen, alte Legenden und Überlieferungen oder eben magische Details in den Verlauf der Abenteuer eingeflochten. So z.B. die berühmte Formel, die das geweihte Silberkreuz Sinclairs aktiviert: "Terra pestem teneto, salus hic maneto." ("Die Erde nehme diesen Schmerz/diese Krankheit auf -- nur die Gesundheit verbleibe hier.")

      Diese Formel ist beispielsweise keine Erfindung von Jason Dark, sondern eine uralte, magische bzw. theurgische Formel der Etrusker, die in einem bestimmten Ritual zu Heilungszwecken rezitiert wurde. (Insbesondere in Bezug auf die Heilung der Füße; bei Verletzungen oder anderen Fußleiden.) Überliefert vom römischen Geschichtsschreiber Marcus Terentius Varro (116 - 27 v. Chr.) in seiner Übersetzung "De Agricoltura" des etruskischen Gelehrten Saserna. -- Der heilende, helfende, positive Aspekt der Formel wurde im Rahmen der Sinclair-Abenteuer beibehalten, was eine schöne Nebenerscheinung ist. Und viele Sinclair-Fans von damals greifen auch heute noch zu einem Heft, Taschenbuch oder Sinclair-Hörspiel, wenn es ihnen mal nicht gut geht; wenn sie im Krankenhaus herumzuliegen haben oder sonst eine belastende Phase durchleben. Der hebräische Vorname "John" (hebr.: Jochanaan, abgeleitet von "J [eh] O [vah]" und "chanan" = "begünstigen, gütig sein") und der normannische Name "Saint Claire" ("Heilige Helligkeit / Strahlung / Klarheit") -- Sinclair eben -- bedeutet immer auch ein Stückchen Heilung. Zumindest Erholung, Entspannung und etwas sehr Angenehmes, Wohltuendes.

      Es ist in jedem Fall absolut faszinierend, wie Jason Dark im Laufe der Jahrzehnte ein ums andere Mal Altbekanntes in neue Gewänder kleidete, dabei eine Menge an Hintergrundfakten spielerisch einfließen ließ und sich trotzdem selbst immer nur als "schreibender Beamter" bezeichnete. Noch mehr an "understatement" geht nun wirklich nicht...

      Dieser Beitrag wurde bereits 12 mal editiert, zuletzt von „Ascan von Bargen“ ()

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