Kommissar Magnus

      Kommissar Magnus

      Wer Krimis mag, die sich aktueller Themen annehmen, einen sozialkritischen Ansatz haben und sich dabei konsequent auf die Seite der schwächeren Mitglieder der Gesellschaft stellen, ohne zu sehr in stereotype Sichtweisen zu verfallen, der sollte 'Kommissar Magnus' von Autor Dirk Josczok eine Chance geben. In dieser Reihe abgeschlossener Kriminalfälle ermitteln vier Beamte, deren persönliche Hintergründe von Folge zu Folge deutlicher werden – ebenso wie ihre Beziehungen zueinander. Dieses Konzept ist nicht neu, ein Vorbild dürften ziemlich sicher die zehn 'Martin Beck – Romane' von Maj Sjöwall und Per Wahlöö gewesen sein. Es wird hier aber nichts kopiert, sondern die Reihe ist absolut eigenständig und auch recht originell. Spätestens ab Folge 3 fängt man dann auch an, sich für die menschlichen Probleme und Dilemmata der Ermittler zu interessieren.

      Die Umsetzung ist auf sehr hohem Niveau: Alle Sprecher agieren erstklassig. Wir bekommen lebensnahe bis geschliffene Dialoge und realistisch klingende Sounds zu hören. Musik wird eher spärlich eingesetzt und ist meist als realistisches Element zu hören, ertönt also aus dem Fernseher, Radio. Player, etc. Auf einen Erzähler wird durchgängig verzichtet, dennoch fallen die Dialoge nicht als unangenehm deskriptiv auf. Ich mag ja Hörspiele, in denen ein Erzähler durch die Handlung führt – hier jedoch habe ich ihn nicht ein einziges Mal vermisst. Handwerklich gibt es nicht das Geringste zu bemängeln – wie man es bei einer Produktion eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders aber auch erwarten darf.

      Im Rahmen des Krimi-Sommers wiederholt Deutschlandradio Kultur gerade alle 7 Folgen aus den Jahren 2011 bis 2018. Man kann sie aber auch auf der Website nachhören oder herunterladen. Selbst im Stream sind sie verfügbar, z. B. bei spotify. Auch hier also Lob für den Sender, der meines Erachtens dem Gebührenzahler gegenüber alles richtig macht.

      Folge 1: Heldentod

      Jana Bischoff wird in der U-Bahn Opfer eines Überfalls. Da eilt ihr ein Unbekannter zu Hilfe, der den Angreifer tötet und dann entkommt. Später nimmt er Kontakt zu Jana auf – doch er ist nicht der edle Ritter, für den sie ihn hält. Jana gerät in Lebensgefahr.

      Das erste Hörspiel der Reihe hält sich nicht lange damit auf, die ermittelnden Beamten vorzustellen oder deren Eigenheiten zu verdeutlichen. Statt dessen geht es unvermittelt in einen Fall, der dermaßen spannend ist, das man geradezu am Lautsprecher hängt. Und dazu braucht es keine übertriebenen Handlungstwists, Schießereien und Verfolgungsjagden, Mega-Soundeffekte oder filmreifen Soundtracks. Sondern einfach nur glaubwürdige Charaktere, nachvollziehbare Handlungsweisen, gute Dialoge und eine Bedrohung, die sehr realistisch erscheint, sich immer mehr zuspitzt und unausweichlich auf eine Tragödie hinausläuft. Tolles Skript und ein bärenstarker Einstand in die Reihe.

      Folge 2: Zahltag
      Filialleiter Günther stirbt beim Überfall auf einen Einkaufsmarkt. Doch der scheinbar klare Fall von Raubmord hat noch eine andere Seite – und die Grenzen zwischen Opfern und Tätern verschwimmen zusehends.

      Angeblich war 'Kommissar Magnus' nicht als Reihe geplant, sondern sollte nach der ersten Folge beendet sein. Erst der sehr positiven Resonanz sei es zu verdanken gewesen, dass weitere Hörspiele folgten. Mag sein, dass der Sender keine Reihe geplant hatte – aber schon die erste Folge war seitens des Autors doch recht eindeutig so angelegt, dass weitere Fälle folgen würden. Wie auch immer: 'Zahltag' erreicht zwar nicht die fiebrige Spannung der ersten Folge, glänzt aber erneut mit einer sehr überzeugenden Krimi-Handlung, interessanten Charakteren und tollen Dialogen. Der ungezügelte Kapitalismus und die Zustände im Einzelhandel werden kritisiert, ohne dass das aufgesetzt oder gewollt klingen würde. Das lässt sich gut hören und hat auf jeden Fall hohen Unterhaltungswert.

      Folge 3: Niemandskind
      Es scheint ein klarer Fall, als Annegret Krauser tot in ihrer verwahrlosten Wohnung gefunden wird, erschlagen mit einer Schnapsflasche. Ein Verdächtiger ist schnell ermittelt. Doch dann stellt sich heraus, dass die Ermordete vor einigen Wochen entbunden hat. Nur: Wo ist das Kind?

      Ein weiterer starker Krimi mit sozialkritischen Tönen. Die Produktion ist auf dem gewohnt hohen Niveau. Erstmalig erfahren wir hier mehr über die privaten Dramen des Kommissar Magnus. Für den Kriminalfall ist das nicht wichtig, aber es macht die Handlungsweisen der Titelfigur doch um einiges verständlicher. Mit diesem dritten Fall wurde die Rolle des Kommissar Faber umbesetzt, der Wechsel stört allerdings überhaupt nicht. Für mein Empfinden war die Auflösung des Falls allerdings ein Twist zu viel: Nicht schlecht und ohne Frage originell, aber das menschliche Drama hätte wahrscheinlich viel länger nachgewirkt,
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      wenn das Kind tatsächlich tot gewesen wäre.


      Folge 4: Menschlos
      In Kreuzberg brennt der BMW eines Immobilienspekulanten. In dessen Wohnung haben Unbekannte die Parole 'Currywurst statt Weißwurst' an die Wand gesprüht. Alles deutet auf Täter aus der autonomen Szene hin. Aber wer ist die weibliche Leiche, die im Kofferraum des BMW mit verbrannt ist?

      Autor Dirk Jossczok weicht nur unwesentlich vom Muster der bisherigen Folgen ab. Während bisher jeweils ein auf den ersten Blick klares Verbrechen ganz andere Hintergründe hatte, stellt sich diesmal von Anfang an die Frage nach der Identität der Toten und ihrem Mörder. Das nimmt ein wenig den Reiz aus der Folge. Und als wäre dies dem Autoren bewusst gewesen dreht er an zwei anderen Stellschrauben: Dies ist die Folge mit dem bisher simpelsten Gut-Böse-Schema (böse Spekulanten und Menschenhändler, arme Zwangsprostituierte und Zwangsarbeiter), Raum für Differenzierungen ist da im Gegensatz zu den ersten drei Folgen nicht. Und zum anderen lässt man es diesmal mächtig menscheln, indem Kurt Magnus eine Affäre mit seiner Kollegin Freddy beginnt. Das ist interessant und funktioniert auch für gut für diese Episode. 'Menschlos' ist alles in allem ein wirklich gutes Krimi-Hörspiel, aber dennoch die bisher schwächste Folge der Reihe.

      Folge 5: Verräter

      Beim Überfall auf einen Spätkauf in Neukölln wird der türkischstämmige Besitzer erschossen. Wurde er Opfer eines Überfalls oder steckt mehr dahinter?

      Die fünfte Folge nimmt sich die rechtsradikale Szene zum Thema und enthält viele Verweise auf die NSU-Morde. Die dubiose Rolle, die der Verfassungsschutz bei den tatsächlichen Ereignissen spielte, wird in 'Verräter' ebenfalls aufgegriffen. Das Skript finde ich dabei sehr gut gelungen, zumal neben den vielen aktuellen Bezügen auch mächtig an der Spannungsschraube gedreht wird. Diesmal gerät ein Mitglied von Kurt Magnus' Team in Lebensgefahr und als Hörer zittert man im letzten Drittel des Hörspiels regelrecht mit. Über die Krimi-Handlung hinaus wird auch die Beziehung zwischen Magnus und Freddy (Pardon: Antonia) weiterentwickelt. Die Folge hat also alles, was Fans der Reihe zu schätzen wissen. Und sie hat des Weiteren mit Friederike Kempter in der Rolle der Jenny eine Schauspielerin dabei, die eine regelrechte Galavorstellung abliefert. Allein ihr Auftritt ist es schon wert, sich dieses Hörspiel anzuhören.

      Folge 6: Mündig

      Kommissar Magnus wird Zeuge eines Autounfalls, bei dem eine Frau ums Leben kommt. Bei der Obduktion werden Verletzungen gefunden, die nicht vom Unfall herrühren können – und der Lebensgefährte der Toten ist vorbestraft, weil er einst Frau und Kind misshandelt hat.

      Auch die sechste Folge nimmt sich eines wichtigen Themas an, aber erstmals kann man mit dem Skript nicht zufrieden sein. Es fehlt der Folge an Spannung sowie an jeglichem Überraschungsmoment. Zwar sind die Charaktere gewohnt gut herausgearbeitet und ihre Handlungsweisen auch schlüssig, aber ein Krimi wird daraus nicht. Die Auflösung kann man meilenweit im Voraus erkennen, zumal der Titel ja bereits einen Hinweis gibt. Das Ganze ist eher ein nicht sonderlich originelles Drama mit psychologischer Tiefe. Und deses Drama steht noch nicht einmal im Vordergrund, denn diesmal nehmen die Krimi-Handlung und die Beziehung zwischen Magnus und Freddy gefühlt gleich viel Raum ein. Und da es auch da gehörig kriselt und eher schwermütig zugeht, benötigt man schon ein wenig Durchhaltevermögen, um dem Ganzen bis zum Schluss zu folgen. Das Vorhaben, aus den bisher klassischen Sozio-Krimis nun ein doppeltes Psycho-Drama zu machen, ist zwar nicht komplett misslungen, aber gemessen an den vorhergehenden Folgen fällt 'Mündig' doch deutlich ab.

      Folge 7: Schwarzblut
      Zwei Musikstudentinnen werden in ihrer gemeinsamen Wohnung überfallen. Eine bleibt tot zuruck, die andere ist spurlos verschwunden. Es beginnt eine fieberhafte Suche.

      Rassismus ist scheinbar das Thema der siebten Folge. Das beginnt etwas arg plakativ, entwickelt sich dann aber zu einem fesselnden Psychothriller um einen paranoid erkrankten Mann, der glaubt, seine Tochter vor der Welt schützen zu müssen. Die faszinierend gespielten Szenen zwischen Vater und Tochter sind dabei das eine Highlight dieser Episode, das andere ist die kriselnde Beziehung zwischen Kurt und Freddy, die nach einer Auszeit ins Team zurückkehrt. 'Schwarzblut' macht die Fehler der vorangegangenen Folge wieder gut, insbesondere ist diese Folge wieder sehr spannend geraten. Dabei ist Rassismus letztlich doch nicht das zentrale Thema, der Fall hätte auch ohne dessen Einbeziehung problemlos funktioniert. Es gibt aber ein paar gelungene Szenen zum Thema. So ist z. B. das Gespräch zwischen Magnus, Nogart und Musikstudent Kimo über Vorurteile ein echtes Kleinod.

      Fazit:
      'Kommissar Magnus' ist eine Krimiserie, die mit ihrer Anlehnung an Sozio-Krimis der 70er und 80er Jahre zwar altmodisch wirkt, aber mit ihren Themensetzungen auf der Höhe der Zeit ist. Nicht alle Folgen sind pures Gold, aber ein echter Ausfall ist nicht darunter. Zwar ist gleich die erste Folge 'Heldentod' auch die bisher beste der Reihe, aber abgenutzt ist das Konzept noch lange nicht. Die Beziehungen der Teammitglieder untereinander sind das zweite Pfund, mit dem die Serie zu punkten weiß. Dabei ist bei genauerer Betrachtung Antonia 'Freddy' Friedrich die zentrale Figur, alles dreht sich um sie: Kommissar Magnus ist ihr Liebhaber, Kommissar Nogart ihr väterlicher Freund und Kommissar Faber ist der Mann, der gerne mehr von ihr möchte aber wohl keine Chance bei ihr bekommen wird.

      Weitere Themen für spannende Kriminalgeschichten sollte es zur Genüge geben und die Entwicklungen im Team sind sicher auch noch nicht zu Ende erzählt. Das lässt auf viele weitere Folgen hoffen.

      Autor: Dirk Josczok

      Produktion: Deutschlandradio, seit 2011

      Regie: Beatrix Ackers

      Das 'Dezernat für Delikte am Menschen':
      Hauptkommissar Kurt Magnus: Guntbert Warns
      Hauptkommissar Wilhelm Nogart: Herbert Sand
      Oberkommissarin Antonia 'Freddy' Friedrich: Claudia Eisinger
      Kommissar Jan 'Janne' Faber: Marian Funk, ab Folge 3 Janusz Kocaj
      Das Leben ist eine wilde Reise! Gefährlich! Unvorhersehbar! Voller Überraschungen - selbst wenn du es damit verbringst, irgendwo auf einem Stuhl an ein und derselben Stelle sitzen zu bleiben. (Walter Moers)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „Stollentroll“ ()

      Stollentroll schrieb:

      Selbst im Stream sind sie verfügbar, z. B. bei spotify. Auch hier also Lob für den Sender, der meines Erachtens dem Gebührenzahler gegenüber alles richtig macht.


      Sehr vorbildlich. Zur Belohnung werde ich das auch anhören, zumindest Fall 1 erst einmal.
      "Ich habe mittlerweile ca. 30000 Hörspiele gehört, bitte, danke."

      Simmering gegen Kapfenberg Greenskull gegen Audionarchie Dreamland gegen Greenskull - das ist Brutalität

      Stollentroll schrieb:

      'Kommissar Magnus' ist eine Krimiserie, die mit ihrer Anlehnung an Sozio-Krimis der 70er und 80er Jahre zwar altmodisch wirkt, aber mit ihren Themensetzungen auf der Höhe der Zeit ist.


      Ja meine Seel, ich hab das nicht genau gelesen und nur 70er und 80er Jahre Charme erwartet. Folge 1 Heldentod ist allerdings härtester Thrillerstoff! Aber absolut empfehlenswert, hat sich gelohnt! Jetzt habe ich mir mal die anderen Inhaltsangaben durchgelesen, man muss ja direkt froh sein, dass Folge 2 mal etwas weniger nervenaufreibend ausfallen könnte. Ich werde zügig weiterhören.

      Auf Amazon Unlimited gibt es die Hörspiele übrigens nicht, das ging dem Sender dann wohl doch zu weit.
      "Ich habe mittlerweile ca. 30000 Hörspiele gehört, bitte, danke."

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