Wie man ein verdammt gutes Hörspiel schreibt - Teil 2

      Wie man ein verdammt gutes Hörspiel schreibt - Teil 2

      Die "Ethik" des Schreibens
      oder: Schreib besser nur, wenn du dich auch danach fühlst

      Nun, nachdem wir einen Mega-Hyper-Super-Titel gefunden haben, spüren wir vielleicht Lust dazu, uns endlich ans Schreiben selbst zu begeben. Aber, aus Gründen, die manchmal im Verborgenen liegen, ist uns dies nicht immer möglich. Dennoch ist das innere "Schriftsteller-Feeling" ein recht hilfreicher Indikator dafür, ob wir heute etwas Vernünftiges zu Papier bringen können, oder - bei Abwesenheit des Gefühls - eben auch nicht. Man kann dieses Gefühl außerdem befeuern, indem man sich tolle Spielfilme über berühmte Schriftsteller ansieht und sich davon inspirieren lässt, wie z.B. "Das Liebesdrama von Venedig" über George Sand und Alfred de Musset; "Wilde" über Oscar Wilde; oder "Balzac - Ein Leben voller Leidenschaft" über Honoré de Balzac. (Vor lauter Filme gucken, Espresso und Absinth trinken, in Spielcasinos joggen, Geld für schöne Frauen und anderen Luxus ausgeben, etc., sollte man dabei aber das Schreiben nicht völlig aus dem Blick verlieren.)

      Dass wir uns da nicht irren: Ein Autor, der noch nie etwas veröffentlicht hat, rangiert in der öffentlichen Wahrnehmung oder vom "gesellschaftlichen Ansehen" her zwar knapp unter "Nichtsnutz" und "Heckenpenner". Aber das ist kein Grund und keine Rechtfertigung dafür, das Wagnis nicht einzugehen. Schließlich: Jeder veröffentlichte Autor war zu irgendeinem Zeitpunkt erst einmal ein unveröffentlichter Autor. Und er ist nur geworden, was er geworden ist, weil er es so wollte und glaubte, es bereits zu sein.

      Wie William Shakespeare es uns schon anvertraute:
      "It hath been taught us from the primal state,
      He which is was wished until he were"


      Die Gefühle, denen wir Zugang in unser Inneres erlauben, ebenso wie die Gedanken und gedanklichen Vorstellungsbilder, die wir entwerfen, haben machtvolle Auswirkungen. Man sollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen.

      Dasselbe gilt gleichermaßen für die Gefühle und inneren Bilder, die wir beim Schreiben selbst entwickeln. Denn ab einem gewissen Punkt wird das Schreiben an sich - die rein motorische Tätigkeit - zu einer sonderbar "mechanischen" Sache, wie bei einem Tagtraum bei einer Tätigkeit, die nicht unsere volle gedankliche Konzentration benötigt, während man fast vollständig in der Imagination versinkt. Man gerät in diesen passiven, fast tranceartigen Zustand, den manche "flow" nennen. Man sieht das Geschehen wie auf einer Filmleinwand vor seinem geistigen Auge, ist mitten drin, live in 3D, während die Finger weiter über die Tastatur fegen, oder die diamantenbesetzte Goldfeder unseres Lieblings-Montblanc-Füllers über das edle Briefpapier rauscht, auf dem das Familienwappen prangt.

      Ein tolles, hypnotisches Gefühl, sicher. Aber mit Umsicht zu genießen. Am 2. November 2007 gab die berühmte Schriftstellerin Cornelia Funke der F.A.Z. ein Interview, in dem sie in einem bemerkenswerten Nebensatz erwähnte: "...zumal es schon unheimlich ist, dass ich bisweilen beim Schreiben den Eindruck habe, dass ich buchstäblich etwas herbeischreibe - Dinge, die dann plötzlich in meinem Leben stattfinden..." - Dwell upon that.

      Dies bringt uns also zum eigentlichen Punkt dieses kleinen Artikels: Die "Ethik" des Schreibens. Es bedeutet nicht, dass wir fortan nur noch "Heile-Gänschen"-Geschichten schreiben sollten oder dürften. Aber, bevor man sich zum Schreiben hinsetzt, bzw. sobald man sich zum Schreiben hinsetzt, sollte man sicherstellen, dass man mit sich und der Welt im Reinen ist. Das klingt vielleicht "banal", hat aber durchaus seine Bewandtnis. Abgesehen davon, dass man nicht "unkontrolliert" irgendwelche Dinge kreiert, mit (womöglich starken, negativen oder ängstlichen) Emotionen auflädt und sie dann auf sein eigenes Leben loslässt, dient es auch ganz simpel der Qualität der eigenen Arbeit. Der Geist darf nicht abgelenkt werden und muss sich konzentrieren.

      Es gibt zwar Autoren, wie z.B. Wolfgang Hohlbein oder Andrea Camilleri, die sagen, dass sie am besten arbeiten können, wenn um sie herum Leben und Trubel herrscht. Ein Dan Brown hingegen verschanzt sich für zwei, drei Monate in einer verschneiten Blockhütte im Wald, um ungestört arbeiten zu können. Ken Follett praktiziert eine sture Beamten-Mentalität, geht morgens ins Büro, tippt, dann Mittagessen, dann noch einmal weiter tippen bis 17.00 Uhr (tea-time), und fährt dann nach Hause, (manchmal vielleicht schreibt er länger, bis abends um sieben oder acht, je nachdem.) Ian Fleming wiederum brauchte die sonnenscheinverwöhnte Veranda seiner Villa "Goldeneye" auf Jamaika, ein paar gute Cocktails, Whisky, Zigaretten zum Kettenrauchen und zwischendurch Ann Charteris, um sie in saftigen S/M-Spielen zu vermöbeln, (wenn er nicht gerade mit einer anderen zugange war. Er war mehr James Bond als Bond es jemals sein wird. Eine seiner Geliebten, Lady Mary Pakenham, sagte einmal: "No one I have ever known had sex so much on the brain as Ian...")

      However, ich persönlich bevorzugte es immer, in Ruhe und Konzentration, ungestört, arbeiten zu können. Aber da hat jeder so seine Präferenzen.

      Wichtig ist, dass vor allem innerlich Ruhe herrscht. Das also, was man gemeinhin "Muße" nennt. -- Wenn man sich aber gerade über ein ungelöstes Problem, eine Streitigkeit oder sonst was ärgert, ist es keine besonders kluge Idee, sich hinzusetzen und zu schreiben. Das "geistige Radio", das ich in Teil 1 erwähnte, ist dann falsch eingestellt und produziert nur noch weißes Rauschen. Manchmal auch tiefrotes. - Hängen einem Zeitdruck, Rechnungen, unerledigte Dinge oder andere Unannehmlichkeiten im Nacken, muss man sich vor allem zu innerer Ruhe und tiefem Durchatmen disziplinieren. Wenn man einmal "drin ist", dann kann da draußen ruhig die Welt untergehen. Egal. Aber "hineinzukommen", das wird einem unter apokalyptischen Umständen etwas erschwert. Aber auch das kann man lernen. Ich kenn' mich da aus...

      Wenig bekannt, eventuell, ist folgende Besonderheit: Schreiben ist nicht gleich schreiben. Das bedeutet: Einen Brief, Rechnungen, E-Mails oder einen solchen Text hier zu verfassen, beansprucht ein völlig anderes Areal im Gehirn als jenes, das beim Schreiben von Geschichten aktiviert wird. Warum das so ist, fragt die Spezialisten. Man kann es aber spüren, dass manchmal "der Zugang" in jenen Bereich frei ist, und man kann dann in kurzer Zeit sehr viel Gutes produzieren. An anderen Tagen, unter anderen Umständen, ist da ein Vorhängeschloss vor und die Besitzerin des Schlüssels, (genannt: Muse), auf unbestimmte Zeit verreist. Ein launisches Weib ist das. - (Hey, wer hat da jetzt "Tautologie!" gerufen?)
      ^^

      Um nun also endlich mit dem eigentlichen Schreiben loslegen zu können, benötigen wir Entspannung bis Tiefen-Entspannung, innere Ruhe, Gelassenheit, Zuversicht und inneren Schwung. Um diesen inneren Schwung aufrecht zu halten, hat es sich bei mir immer als vorteilhaft erwiesen, nicht mit anderen über ein Projekt zu sprechen, an dem ich sitze. Es soll ja Leute geben, die jede Seite, die sie fertig gestellt haben, gleich einem ersten Leser, häufig die Ehefrau oder so, in die Hand drücken. Katastrophe. Nicht nur, dass man sich damit selbst den Wind aus den Segeln nimmt, womöglich muss man sich plötzlich auch noch mit der Meinung oder Ansicht anderer Leute befassen, wo man doch eigentlich schreiben sollte, was das Zeug hält!

      Wenn's fertig ist, ist es fertig. Anschließend ja, da kann man es meinetwegen anderen zeigen. (Mache ich trotzdem nicht. Abgesehen von den Leuten, die das dann z.B. für die Aufnahmen im Studio brauchen, ist klar.) Dann kann man auch noch mal nachträglich etwas abändern. (Wenn's denn unbedingt sein muss.) Aber vorher... exakt EIN Mal habe ich so etwas gemacht, vorher anderen was zu zeigen, was ich gerade erst angefangen hatte zu schreiben... Bevor man das erste Kapitel auf diese Weise fertig hat, da hatte ein H. G. Konsalik aber schon seinen zweiten Roman fertig geschrieben, und den dritten bis zur Hälfte...

      Wenn mich jemand fragt: "Und? Schreibst du wieder ... eine Geschichte?" -- (Am Besten mit dieser hochnäsigen, leicht angewidert klingenden Betonung von "Igitt, wie kann man nur?!") -- dann gebe ich bloß zurück: "Ja, nooomaaal."
      "Und? Worum geht's in der Story?"
      "Um was Geiles."
      "Wie jetzt?"
      "Ja, wird geil, das Dingen. Wenn's fertig ist, kannst du's dir ja anhören bzw. durchlesen."

      Das aber nicht aus Arroganz oder in einer abweisenden Haltung, sondern einfach nur, damit ich den inneren "drive" nicht verliere. Denn die Erfahrung hat mir gezeigt, was passiert, wenn ich vorher munter drauflos schwadroniere: "...und dann entdeckt der Held, dass... und daraufhin passiert dann... weil damit nun wirklich niemand gerechnet hätte, kommt dann am Ende der Clou, nämlich..." -- Wenn ich mich dann später zum Schreiben hinsetze, sagt meine Muse dazu nur: "Gäääähn... ach DIE Geschichte schon wieder... hattest du die nicht letztens schon erzählt?" - "Ja, aber doch noch nicht aufgeschrieben!" - "Mir doch egal... ständig dasselbe... voll langweilig... ohne mich... Komm wieder, wenn du 'ne neue Story für mich hast." - "Äh... ich dachte, das wäre dein Job, MIR neue Stories...?!" - "Laber nicht und gib mal den Schlüssel her. Ich verreise auf unbestimmte Zeit. Monaco. Monte Carlo. St.-Tropez. Irgendwohin, wo's was Neues, Aufregendes für mich gibt."

      To be continued...

      Bisher erschienen:

      Wie man ein verdammt gutes Hörspiel schreibt - Teil 1
      »Wir sollten unserem Leben jeden Tag etwas mehr Eleganz verleihen.«

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „Ascan von Bargen“ ()

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