Wie man ein verdammt gutes Hörspiel schreibt - Teil 1

      Wie man ein verdammt gutes Hörspiel schreibt - Teil 1


      PROLOG

      Warum "funktioniert" ein Hörspiel besonders gut, ein anderes aber "zieht" sich und weist "Längen" auf? Wie kommt es, dass manche Charaktere auf Anhieb einen bleibenden Eindruck hinterlassen - andere Charaktere aber bleiben fad, blass und sind schnell wieder vergessen? Wie findet man einen passenden Titel? Wie schreibt man gute und treffsichere Dialoge? Wie vermeidet man, trotz Genre-Vorgaben, Stereotypen und Klischees? Wie erzählt man eine spannende Geschichte - und bringt sie (nach Möglichkeit) auf eine Laufzeit von rund 45 - 60 Minuten? Was sind die "streng gehüteten Geheimnisse" erfolgreicher Autoren?

      Da ich mir vorgenommen habe, hier in erster Linie etwas zum Thema "Hörspiele" beizutragen, will ich mich gerne nach und nach diesen (und ähnlichen) Fragestellungen widmen. Einerseits mag es das Forum hier bereichern, andererseits sogar (und buchstäblich) auch einzelne Leser, die mitunter davon profitieren mögen.

      So oder so - ich wünsche allen Lesern dieser Zeilen kurzweilige und informative Unterhaltung!
      Ascan von Bargen, 11. März 2018


      Am Anfang war ein weißes Blatt
      oder: Wie man einen verdammt guten Titel findet

      Die erste Hürde, die der angehende (Hörspiel-)Autor zu nehmen hat, sieht meist recht w e i ß aus. Es ist ein Blatt Papier oder ein geöffnetes Dokument des bevorzugten Textverarbeitungsprogramms.
      So ein weißes Blatt Papier kann beängstigend wirken, in seiner stoischen Ruhe und Gelassenheit, die sich vor dem starren Blick zu einer endlosen, fahlen Schneelandschaft auswachsen kann. Das Schreibdokument am Rechner entwickelt zudem nach kurzer Zeit eine nervenaufreibende, fast schon provozierende Unruhe ... mit seinem nonstop blinkenden Cursor, der so lautlos wie unmissverständlich sein "Na...?! Na...?! Komm schon! Mach doch! Trau dich! Feigling! Feigling!" auf die Retina zu morsen scheint.

      Während die innere Unruhe samt zugehörigem Adrenalinspiegel im Inneren des Schreibanwärters sekündlich weiter ansteigt, naht Rettung oftmals in Form eines klingelnden Telefons:
      "Hey! Was machst du gerade?"
      Ein Blick auf den hämisch blinkenden Cursor. - "Ähem... och... eigentlich nichts besonderes..."
      "Dann hast du also grad Zeit? Lust, irgendwo spazieren und ein Eis essen zu gehen?"
      Ist der Papst katholisch?
      "Ja, natürlich! - Bin sofort da!"

      Und schon hat man den Kampf gegen die jungfräuliche Arbeitsfläche erneut verloren. Wenn auch nur vorerst. Denn im Hinterkopf rattert es permanent weiter. Sonnenschein und leckeres Eis hin oder her. Du wirst zurückkehren. Und du wirst das weiße Blatt mit schwarzen Punkten, Strichen, Kurven und Kringeln bezwingen. Du wirst ihm deinen Stempel aufdrücken, du wirst diesen elenden Cursor erbarmungslos vor dir hertreiben, dass er so schnell über den Monitor tanzt, bis er endlich klein beigibt und einsieht, wer hier der Herr im Haus ist. So viel ist sicher.

      Nun, du kehrst zurück -- und ein guter, griffiger und einprägsamer Titel muss her. -- Aber woher nehmen und nicht stehlen?
      Eine altmodische Methode besteht darin, sich eine Mindmap anzulegen, mit vielen lustigen Kringeln und Schlagwörtern und Stichpunkten und Unterpunkten, die einem zum jeweiligen Genre einfallen. Daraus kann man dann chice (und ebenso hölzerne wie nichtssagende) Titel zusammenschustern, wie "Mord im Herrenhaus", "Es geschah um Mitternacht" oder "Der huschende Schatten", oder ähnliches. -- Meine eigene Methode funktioniert jedoch völlig anders.

      Bevor ich auch nur ein Wort niederschreibe, entspanne ich mich und erinnere mich daran, dass die Schöpfung vollkommen abgeschlossen ist. Dass im Geist bereits alles in Vollkommenheit existiert. Wir brauchen nichts Neues zu "erfinden". Es ist ja bereits da. Es will und soll sich aber durch uns in der materiellen Welt Ausdruck verschaffen. Es ist also lediglich notwendig, die "geistigen Rohrleitungen" zu reinigen, sich mit dem Geist in uns in Verbindung zu setzen und ihm die "passende Schablone" vorzulegen.

      Was wollen wir denn? Einen guten Titel. Wie soll er denn klingen? Wonach soll er klingen? Welche Erwartungen, welche Atmosphäre, welche Bilder soll er hervorrufen? Diese Fragen müssen wir uns selbst beantworten, um "die passende Schablone" zu finden. -- Da im Geist bereits alles vorhanden ist, müssen wir außerdem wissen, dass wir schnell und unverzüglich handeln müssen, sobald wir etwas vom "geistigen Radio" empfangen haben. Denn, wenn wir diesen tollen Titel im Kopf haben, dann bedeutet das: Es kann mühelos auch ein anderer denselben Titel, dieselbe grandiose Story-Idee, etc. empfangen. Ab hier beginnt das Wettrennen. -- Ich habe vor vielen Jahren ein Fantasy-Abenteuer mit dem prächtigen Titel "OBLIVION" geschrieben. Aber in Hollywood arbeitete zur selben Zeit Tom Cruise am gleichnamigen Film. (Die Leuten hätten also gesagt: "Ha, abgekupfert!" -- Ich war einfach nicht schnell genug.) -- Dann begann ich einen Roman mit dem wohlklingenden Titel "OBSIDIAN", wurde jedoch durch verschiedene Umstände vom Schreiben abgehalten. Macht aber nichts. Der Roman steht heute trotzdem überall in den Buchhandlungen. Nur hat ihn jemand anderes geschrieben, in der Zwischenzeit, der nicht vom Schreiben abgehalten wurde.

      Der gute, der passende Titel soll natürlich "griffig" klingen. Je nach Art der Geschichte soll er episch klingen ("Palast der Winde"; "Die Säulen der Erde"), nach Thriller-Spannung, ("Leben und sterben lassen"; "Lizenz zum Töten", "The DaVinci-Code"), oder nach irgendwas anderem, ("Das Mädchen mit der Violine", "Der Name der Rose", "Das Omen", "Der Pate"), etc. Oder er sollte in sich paradox, widersprüchlich und absurd klingen, damit die Leute förmlich darüber "stolpern" und aufmerksam werden, ("Die Päpstin"; "Die Form des Wassers"). In jedem Fall, da können wir ganz beruhigt sein, wird der Titel auch immer ein wenig unserer eigenen Persönlichkeit reflektieren.


      Ich persönlich mag es kunstvoll, elegant und manchmal auch etwas modisch-verschnörkelt. Das gebiert Titel wie "Das sanfte Lächeln der Medusa", "Das Wispern der Libelle" oder "Die gläsernen Flügel der Sphinx". - Aber das variiert, je nach Story. Geht es um "straighte", kompromisslose Thriller, kommt dabei auch schon mal ein "straighter" Titel heraus, wie "MORVAN'S DALE", "X-TENSION", "NEMESIS" oder "STRASSEN DES FEUERS". Für humorvollere, "gemütliche" Krimis findet sich dann so ein augenzwinkernder Titel à la "Wie der Lord, so der Mord"; aber auch vor den paradoxen, in sich widersprüchlichen "Stolper"-Titeln wie "Lilienblut", "Die Silhouette des Windes", "Unlicht" oder "Keusche Hure" schrecke ich nicht zurück. Es kommt eben ganz darauf an, welche Assoziationen so ein Titel in mir (und anderen Menschen) auslöst. Wer liest: "ANNWYN - Die Tore der Anderwelt" oder "Herrscher des Morgenfeuers", der wird unwillkürlich und unbewusst schon einmal darauf vorbereitet, dass hier eine große Story mit phantastischen Elementen auf ihn zukommt.

      Es gibt Leute, die erst eine Geschichte schreiben - und dann als Allerletztes sich für irgendeinen Titel entscheiden. (Oftmals sind das dann solche Titel, die irgendwie keinerlei Bezug zu der jeweiligen Geschichte zulassen.) -- Ich schreibe daher immer als erstes den Titel auf. Denn, wenn der Titel Scheiße ist, habe ich schon gar keine Lust, die dazugehörige Story zu schreiben. Der Titel muss in mir aufleuchten und brennen, mich mit Energie, Begeisterung und Elan aufladen, wie ein grandioses Musikstück oder wie eine verführerische "Lady of the Evening", die das gewisse Etwas besitzt, und es versteht, das Blut gehörig in Wallung zu bringen. In jedem Fall müssen Eroberungswille, Schaffens- und Zeugungskraft stimuliert werden. Der Wille, sich von der allerbesten Seite zu zeigen, die Herausforderung anzunehmen und mit Stärke und Entschlossenheit zur Tat zu schreiten.

      Manchmal greife ich auf Titel zurück, die ich vor langer Zeit schon notiert habe, (falls Tom Cruise mir nicht zuvorkommt, wohlgemerkt). Das sind dann Titel, die mich direkt anspringen und deren Zeit endlich gekommen ist, nachdem sie wie ein guter Champagner heranreiften.

      Jeder Autor muss seine ureigenste, ganz persönliche Methodik und Vorgehensweise kultivieren. Und manchmal, da entdecken Leute einen erfolgreichen Dreh oder Clou für sich und ihre Titel, den sie dann nur noch variieren und so fortführen müssen. Nachdem Donna W. Cross den Roman "Die Päpstin" auf den Markt brachte, erschien kurz darauf ein historischer Roman, entitled: "Die Kastratin". Dies zog weitere Titel wie "Die Henkerin" usw. nach sich. Auch eine Methode, männliche Begriffe einfach zu verweiblichen: "Die Mondin", "Die Gladiatorin", "Die Caesarin", "Die Vaterin" oder "Die Sternin" oder so... Andere bauen lieber ihre Pflänzchen an, im "Orchideenhaus", im "Lavendelgarten", züchten "Mitternachtsrosen" oder pflanzen einen "Engelsbaum" , usw.

      Und auch du wirst deinen "Style" finden, um großartige Titel zu kreieren!

      Nur: Wenn du Wert darauf legst, dass sich jemand an deinen Titel erinnert, verzichte lieber auf allzu lange und sperrige Konstruktionen, wie "Die Bonboniere, die nach der Hochzeit spurlos verschwand und erst später durch Zufall von einem Archäologen versehentlich wieder ausgegraben wurde", oder ähnliches... (Kann auch ein Bestseller werden, muss aber nicht.)

      Hier geht's weiter:

      Wie man ein verdammt gutes Hörspiel schreibt - Teil 2
      »Stil ist die Geliebte der Kunst. - Coco Chanel«

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      Sehr interesssnt. Danke dafür. Ich selbst bin, abgesehen von meinen Rezensionen, überhaupt kein Schreiberling. Ich glaube perdönlich, dass mir das nötige Talent aber vor allem die Muße dafür fehlen würde. Das man erdtes den Titel entwickelt hätte ich nicht gedacht. Denkecsuch, dass ich mir eher erst einen grauen Faden zurechtlegen würde und dann schreiben würde. Wahrscheinlich würde ich dann aber immer wieder die Geschichte korrigieren müssen.
      Danke für eure Rückmeldungen! Freut mich sehr, wenn da schon mal das eine oder andere Brauchbare und Informative für euch dabei war! Ich hätte da sicher noch etwas mehr drüber schreiben können, aber ich muss achtgeben, dass es nicht arg zu lang wird. (Keine "Romane" hier tippen, und so...) Bald geht es munter weiter. Dann, so habe ich mir vorgenommen, will ich mich mit einem Thema beschäftigen, das meistens, gut und gerne nicht beachtet wird. Nämlich, gewissermaßen, die "Schreibvorbereitungen". :)

      Und ich muss zustimmen: Bevor bei mir nur eine Zeile getippt wird, steht der Titel als gedanklicher Leitfaden für die ganze Geschichte. Ohne einen Titel zu schreiben demotiviert mich enorm.
      Ist bei mir ganz ähnlich. Gib mir ein inspirierendes Bild und ich kann die Geschichte dazu erzählen, (bzw.) mir eine mehr oder weniger passende dazu ausdenken. Oder eben - gib mir einen guten Titel, das ist schon die halbe Miete.

      Denke, dass ich mir eher erst einen grauen Faden zurechtlegen und dann schreiben würde. Wahrscheinlich würde ich dann aber immer wieder die Geschichte korrigieren müssen.
      Das ist noch einmal ein gesondertes Thema für sich, da will ich jetzt noch nicht vorgreifen. Es wird da aber sicherlich auch noch ein paar interessante Aspekte geben, diesbezüglich. Denn es hat alles seine Vor- und Nachteile. - In jedem Fall wird es einige erwähnenswerte Dinge geben, die nicht nur das Schreiben von Hörspielen betreffen, sondern durchaus auch auf andere Bereiche des kreativen Schreibens angewandt werden können.
      »Stil ist die Geliebte der Kunst. - Coco Chanel«

      T-Rex schrieb:

      Das man erdtes den Titel entwickelt hätte ich nicht gedacht. Denkecsuch, dass ich mir eher erst einen grauen Faden zurechtlegen würde und dann schreiben würde.


      Na ja, was heißt "als Erstes"? Das Erste ist - zumindest bei mir - immer die Grundidee, die ich dann gedanklich weiter entwickle. Aber ohne Titel (oder zumindest einem ersten Arbeitstitel) fange ich auch nie an zu schreiben.
      "Was sagt man darüber, wie man Bücher schreibt? Man denkt sich etwas aus und zwingt sich, es aufzuschreiben."

      Ariadne Oliver, Poirot: Wiedersehen mit Mrs. Oliver
      Danke für die Rückmeldung, Thorsten B! - Wie schon gesagt: Ich bin der festen Überzeugung, dass es nicht DIE in Stein gemeißelten oder sonst wie absoluten Regeln gibt. Jeder Mensch ist einzigartig - ein Individuum. (Von lat.: "individuus" / "indivisibilis" = "unteilbar", "nicht trennbar"). Insofern muss, logischerweise, jeder seine eigene Methodik, seinen eigenen Zugang zum Thema finden, entwickeln und kultivieren.

      In meinem Fall ist es in der Regel so, dass ich "die Geschichten kommen lasse", (nachdem ich einen Titel habe). Zwar gab es das auch schon, früher, dass ich im Voraus eine Story im Hinterkopf hatte, die ich dann umgesetzt habe. Meistens aber ist es (bei mir) andersherum. Sobald ich anfange zu schreiben, kommt die Geschichte. Aber dazu später mehr, im entsprechenden Beitrag.
      »Stil ist die Geliebte der Kunst. - Coco Chanel«

      Nichts zu danken. Wobei manchmal auch Grundidee und Titel mehr oder weniger eines sind. Kommt auch schon mal vor. Ich bin da ohnehin eher profaner als lyrischer unterwegs.
      "Was sagt man darüber, wie man Bücher schreibt? Man denkt sich etwas aus und zwingt sich, es aufzuschreiben."

      Ariadne Oliver, Poirot: Wiedersehen mit Mrs. Oliver
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