Hörspielrezension: «Ein Job wie jeder andere» (RRR Audiovisuelle Medien)

      Hörspielrezension: «Ein Job wie jeder andere» (RRR Audiovisuelle Medien)

      Vorab: Ich kam nicht umhin, einige Punkte der Handlung unverblümt anzusprechen. Da das Hörspiel nun schon geraume Zeit auf dem Markt ist, erschien mir dies als legitim. Wer das Hörspiel noch nicht kennt und nicht gespoilert werden möchte, sollte die Rezension besser nicht lesen!



      Nachdem ich unlängst RRRs aktuelles Hörspiel „Vergessene Märchen 1“ rezensiert hatte, entschied ich mich dafür, mich auch um „Ein Job wie jeder andere“ aus dem letzten Jahr zu kümmern (Besser spät als nie! ;) ). Rückblickend hadere ich nicht mit dieser Entscheidung, da es erneut eine spannende Sache war, die Comfort Zone des Gewohnten einmal zu verlassen, um sich einer Produktion zu stellen, die ganz bewusst den nur allzu bekannten Pfaden des Mainstream-Hörspiels eine Absage erteilt. Doch ein zweites Mal werde ich mir „Ein Job wie jeder andere“ nicht anhören.

      Dass sich „Ein Job wie jeder andere“ an die Rape-and-Revenge-Filme des Exploitation-Kinos anlehnt, offenbart bereits das Cover: Von Angst entstellte Gesichter, gefesselte Menschen, ein von Wunden übersäter männlicher Körper und ohnehin jede Menge nackte Haut – wer das Cover gesehen hat, kann hinterher kaum behaupten, zufällig in eines der brutalsten Hörspiele der letzten Zeit (vielleicht sogar aller Zeiten) hineingestolpert zu sein.

      Bestand in RaR-Klassikern wie I Spit on Your Grave oder The Last House on the Left zu keiner Zeit ein Zweifel daran, dass jene, an denen Rache geübt wurde, dies auch verdient hatten, so ist das in „Ein Job wie jeder andere“ anders: Für Katjas Auftraggeber (Bert Stevens) steht zwar definitiv fest, dass seine Tochter Erika (Dagmar Bittner) von Thomas Bergmann (David Wehle) vergewaltigt und anschließend ermordet wurde, und es sprechen einige Dinge durchaus dafür. Allerdings kann auch Bergmanns Version der Ereignisse stimmen. Und wenn er schließlich die Tat zugibt, dann ist dieses Geständnis absolut wertlos, denn es lässt sich problemlos argumentieren, Bergmann bekenne sich lediglich schuldig, um seine Geliebte Monika (Anette Gunkel) zu retten. Die Wahrheit bleibt bis zum Schluss im Dunkeln, weshalb es an dem Hörer ist, sich seine eigene Meinung bilden und zu entscheiden, welcher Seite er schlussendlich Glauben schenken möchte. Eine durchaus interessante Konstellation, die sich Autor Udo Seelhofer da ausgedacht hat. Allerdings besitzt sie eine deutliche Kehrseite: Eine Identifikation ist mit keiner der zentralen Figuren möglich. Erikas Vater hat ein Recht auf seine Trauer und auch auf seine Wut, dass der Täter nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Allerdings lässt sich nicht ausschließen, dass der die Ermordung eines Unschuldigen in Auftrag gibt. Bergmann kann das Verbrechen begangen haben oder eben auch nicht. Katja (Katrin Daliot) mordet des Geldes wegen, ist dadurch ohnehin schon moralisch diskreditiert. Mit Bergmann quält und killt sie möglicherweise den Falschen. Und selbst dann, wenn man als Hörer von Bergmanns Schuld durch dessen Geständnis überzeugt ist, erlischt Katjas Status als (bezahlter) Arm der Gerechtigkeit sogleich wieder, als sie Monika auslöscht, die mit der ganzen Sache absolut nichts zu tun hatte. Udo Seelhofer und Regisseur/Ko-Autor Lars Dreyer-Winkelmann wollen dem Publikum Katja als eine Protagonistin mit ambivalenter Persönlichkeit präsentieren, die im Verlauf der Geschichte ein Wandlung durchmacht. Ein löbliches Unterfangen, das jedoch nur teilweise von Erfolg gekrönt ist. Wenn die abgebrühte Profikillerin zu einem Racheengel mutiert, der eine geradezu sadistische Freude am Quälen eines Mannes empfindet, den er für einen Vergewaltiger und Mörder hält, ist das durchaus noch nachvollziehbar. Katjas Zurückschwenken in die Verhaltensmuster einer gedungenen Mörderin (akribische Säuberung des Tatorts, Abkassieren beim Auftraggeber) ist es schon weniger. Und wenn sie in der letzten Szene von Zweifeln über ihre Tätigkeit von Gefühlen überwältigt in Tränen ausbricht, dann ist das endgültig keine schlüssige Entwicklung dieser Figur mehr. Ohnehin fällt es sehr schwer, einem Hörspiel, das über weite Strecken das Zufügen extremer körperlicher Schmerzen zelebriert, ein aufrichtiges Interesse an moralischen oder ethischen Themen abzunehmen. Wenn sie in den letzten Minuten doch noch aufgeworfen werden, dann hat das nicht mehr als Feigenblatt-Charakter. Zu sehr hat sich das Hörspiel zuvor an der expliziten Darstellung von Katjas Foltertechniken geweidet, zu sehr wurde die Bereitschaft des Publikums geprüft, dieser sich immer weiter steigernden Gewaltorgie bis zum Ende zu lauschen, als dass „Ein Job wie jeder andere“ für sich in Anspruch nehmen dürfte, eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit einer ethisch-moralischen Fragestellung zu sein.

      Bei der Besetzung der Hauptrollen hatte RRR sicherlich eine glückliche Hand, denn Katrin Daliot und David Wehle überzeugen durch ihr intensives Spiel, während Bert Stevens eine wirklich eindrucksvolle Verkörperung des seelisch gebrochenen Vaters gelingt, von dem Katja ihren Auftrag erhält. Annette Gunkel, Dagmar Bittner, Timo Wussow, Jan Koppens komplettieren den Cast, der einen durchweg positiven Eindruck hinterlässt. Das dezente aber effektvolle Sounddesign sowie die Musik sorgen für die nötige Atmosphäre, der Schnitt und die Abmischung geben keinen Grund zur Beanstandung.

      Wenn ein junges Label wie RRR ein absolutes Off-Mainstream-Hörspiel wie „Ein Job wie jeder andere“ realisiert, dann gebührt ihm dafür größtmöglicher Respekt. Denn an einen solchen Plot würden sich die etablierten Platzhirsche in 100 Jahren noch nicht herantrauen. Dieses Hörspiel hat mich herausgefordert wie schon lange kein anderes mehr. Es hat mich dreist angegrinst und gefragt: Kannst du noch oder steigst Du aus? Wohl wissend, dass ich ihm den Triumph nicht gönnen und bis zum Ende durchhalten würde. Was in der Geschichte passiert, ist widerlich, ekelhaft und teilweise regelrecht pervers. Es enttarnt den Voyeur im Hörer, setzt ihn einer gnadenlosen akustischen Tour de Force aus und schert sich dabei einen Dreck um Tabus. Wo die Masse auf Sicht fährt, lotet dieses Hörspiel rigoros Grenzen aus. Auf seine ganz eigene, rücksichtslose Art ist diese Produktion grandios; sie gehört zu haben, war eine interessante Erfahrung. „Ein Job wie jeder andere“ hat mir wieder einmal vor Augen geführt, dass es für mich in Sachen Gewaltdarstellung eine Grenze gibt, jenseits derer ich nicht mehr sagen kann, ich hätte eine Geschichte gerne gesehen, gelesen oder gehört. Diese Grenze wurde hier weit überschritten. Rezensionen enden in der Regel mit einer Empfehlung oder Warnung. Weder das eine noch das andere wird es dieses Mal von mir geben, denn dieses Hörspiel und ich passen einfach nicht zusammen. Bin ich zu weich? Möglich. Ist es zu hart? Vielleicht. Dieses Hörspiel hat zweifellos seine Existenzberechtigung - doch in jene Bereiche, in die es mutig vorstößt, möchte ich ihm kein zweites Mal folgen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „SciFi Watchman“ ()

      SciFi Watchman schrieb:

      „Ein Job wie jeder andere“ hat mir wieder einmal vor Augen geführt, dass es für mich in Sachen Gewaltdarstellung eine Grenze gibt, jenseits derer ich nicht mehr sagen kann, ich hätte eine Geschichte gerne gesehen, gelesen oder gehört. Diese Grenze wurde hier weit überschritten.


      Da ich sadistische Gewaltdarstellungen ebenfalls nicht ausstehen kann (egal in welchem Medium), werde ich dieses Machwerk in weitem Bogen ignorieren. Allerdings wundert es mich, dass es nicht schon längst viel mehr solcher akustischen Gewaltexzesse gibt. Das Publikum dafür ist ja offenbar vorhanden (siehe den Erfolg gewisser Filmreihen).

      H. Hatch schrieb:

      Allerdings wundert es mich, dass es nicht schon längst viel mehr solcher akustischen Gewaltexzesse gibt

      Mich auch - aber hier scheinen sich, wieder einmal, die Optiker von den Akustikern zu trennen.
      Was im bewegten Bild und als Text geht, scheint in HSP nicht unbedingt auch zu funktionieren
      - also was die Akzeptanz angeht ....
      man nehme bspw. Sex, Humor, Vergewaltigung, etc. ......
      Da wird von Hörern schnell geschrieben, dass man das nicht will
      - abgesehen von konstruktiver Kritik über schlechte Umsetzungen.


      Ich hätte gerne mehr davon - also von so Psycho-Rache-Gewalt-Ekstasen
      - aber auch nur mit Rache, ohne sagt es mir nicht zu ...
      #
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      H. Hatch schrieb:

      Allerdings wundert es mich, dass es nicht schon längst viel mehr solcher akustischen Gewaltexzesse gibt.

      LskH schrieb:

      Mich auch - aber hier scheinen sich, wieder einmal, die Optiker von den Akustikern zu trennen.


      Mich wundert das offengestanden gar nicht. Das erwachsene Hörspielpublikum ist überaus konservativ, in Teilen sogar regelrecht reaktionär. Auch dürfte sein Durchschnittsalter über dem der erwachsenen Fans von TV-/Net-Serien oder Kinofilmen liegen. Beides schlägt sich folgerichtig auch in den Hörspielen wieder: Der Rückgriff auf althergebrachte Stoffe sowie Produktionen, die es dem Konsumenten ermöglichen, sich mental in die Zeit unbeschwerter Kindheit zurückzuversetzen, sind weit verbreitet und beinahe schon die Regel; Experimentierfreude und das Ausloten neuer erzählerischer Möglichkeiten bilden dagegen die Ausnahme.

      Als Folge daraus ist die Hörspiellandschaft hinsichtlich der Gewichtung einzelner Genres bzw. der Themenschwerpunkte, die durch die Macher gesetzt werden, von dem, was in anderen Medien passiert, weitgehend entkoppelt. Das ist einer der Gründe, warum es so schwer fällt, Leute für das Hörspiel zu begeistern: Was den den meidienübergreifenden Mainstream interessiert, ist im Hörspiel oftmals unterrepräsentiert oder gar nicht vorhanden; und worauf die Hörspielfans total abfahren, lockt außerhalb des Hörspielmarktes kaum jemanden hinterm Ofen hervor. Die ökonomische Nische, in der das Hörspiel sitzt, ist nicht zuletzt eine Konsequenz der inhaltlichen Nischenbildung.

      LskH schrieb:

      Mich auch - aber hier scheinen sich, wieder einmal, die Optiker von den Akustikern zu trennen.
      Was im bewegten Bild und als Text geht, scheint in HSP nicht unbedingt auch zu funktionieren

      Oder es funktioniert da zu gut. Bei mir ist es z.B. so, dass ich manche für mich "schwierigen" Filmszenen ohne den Ton noch ganz gut durchhalte, während der Ton allein, also mit Weggucken, mir schon mehr Probleme machen kann.

      Das Hörspiel besitze ich übrigens inzwischen doch. Ob ich es tatsächlich irgendwann anhöre - und wie lange ich dann durchhalte - kann ich nicht sagen. Ich will mir aber die Möglichkeit offenhalten, es doch vielleicht mal wenigstens zu versuchen...
      @SciFi Watchman: Ich fand deine Ausführung sehr interessant. Aber, ist es wirklich SO dramatisch? Gibt es mittlerweile nicht auch zahlreiche Hörspielproduktionen, die nicht nur in Richting "Kindheitserinnerungen" gehen. Was ist z.B. mit den Hörspielen von Audible? Kommen die nicht auch außerhalb der Hörspielgemeinschaft gut an? Gibt es nicht mittlerweile auch viele Hörspiel Serien, die gut mit aktuellen TV Serien mithalten können und auch durchaus das dortige Punlikum ansprechen könnten? Ich sehe es nicht ganz so dramatisch um den aktuellen Hörspiel bestellt, wie du. ;)

      beli schrieb:

      Oder es funktioniert da zu gut.

      Hier hatte ich eine unbewußte 'Doppeldeutigkeit' eingebaut ... :D
      Eigentlich meinte ich mit 'funktionieren' = bei der Masse ankommen / angenommen werden.
      Aber auch deine Aussage stimmt natürlich.
      Im Gegensatz zu Sexszenen, Vergewaltigungen, Humor, etc. , gelingt/funktioniert Gewalt im HSP
      tatsächlich hervorragend und ist meist plausibel - es sei denn, es wird überspitzt o/u ins Lächerliche gezogen.

      Ebenso das von SciFi angesprochene sich nicht wundern ....
      war von mir auch eher anders gemeint
      - ich wundere mich nicht wirklich, da ich es so sehe wie er,
      ich finde es eher schade, dass dem offensichtlich so ist.


      PS : beli
      wenn du schon das HSP hast, dann solltest du es auch hören,
      sonst hättest du es dir ja gar nicht erst anschaffen brauchen ... ;)
      Hör einfach über die Gewalt hinweg und nehm nur das Thema als solches ... ^^ :)
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      hoerspielkassette schrieb:

      ist es wirklich SO dramatisch?

      Naja, drastisch in der Hinsicht, dass HSP - egal wie populär sie nun sein mögen -
      immer noch nicht die Massen anziehen, wie beim Film - und vermutlich wird das auch nie erreicht ...
      Und die Masse der HSP-Hörer ist wohl eher sehr konservativ und begnügt sich mit Krimis, DDF und 'Grusel'.
      Denn bleiben wir nur mal unter uns HSP-Nerds ^^
      Da sind die evtl. Film-Freaks ja noch gar nicht angesprochen.
      Was wird in Masse konsumiert ? Die 3 Genre, die ich genannt habe.
      'Experimente' bleiben selbst bei Hörspielern eine Nische.
      FREUD war bspw. kein Erfolg , und und und ....
      Und warum ?! Eben weil ! :(
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      LskH schrieb:

      beli schrieb:

      Oder es funktioniert da zu gut.

      Hier hatte ich eine unbewußte 'Doppeldeutigkeit' eingebaut ...
      Eigentlich meinte ich mit 'funktionieren' = bei der Masse ankommen / angenommen werden.

      Das war mir durchaus klar - aber es passte einfach zu gut. ^^

      Aber auch deine Aussage stimmt natürlich. Im Gegensatz zu Sexszenen, Vergewaltigungen, Humor, etc. , gelingt/funktioniert Gewalt im HSP tatsächlich hervorragend

      Die anderen Sachen sollten auch funktionieren. Eine gute sprachliche Umsetzung dürfte aber schwieriger sein, und Humor erfordert da eben viel mehr Sprachwitz (vom Autor, und auch im wörtlichen Sinne) als im Film...

      LskH schrieb:

      wenn du schon das HSP hast, dann solltest du es auch hören, sonst hättest du es dir ja gar nicht erst anschaffen brauchen ...
      Hör einfach über die Gewalt hinweg und nehm nur das Thema als solches ...

      Nach allem, was ich bisher so über das Hörspiel zu wissen glaube, bleibt nicht viel davon übrig, wenn ich über die Gewalt hinweghöre...

      beli schrieb:

      Die anderen Sachen sollten auch funktionieren

      Zwischen 'sollte(n)' und auch tun gibt es aber oft große Unterschiede ;)
      Das es klappt / klappen kann, ist keine Frage, aber man muss es auch können ....

      beli schrieb:

      bleibt nicht viel davon übrig, wenn ich über die Gewalt hinweghöre...

      Nimm sie einfach sachlich-faktisch auf, anstatt emotional - das meine ich ;)
      Außerdem kann ich dir einen Film, ein Buch, .. eine Story erzählen
      - das ist aber dann nicht das gleiche als wie selber sehen, lesen, hören ... :)
      #
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      hoerspielkassette schrieb:

      Ich fand deine Ausführung sehr interessant.


      Danke schön. :)


      hoerspielkassette schrieb:

      Gibt es mittlerweile nicht auch zahlreiche Hörspielproduktionen, die nicht nur in Richting "Kindheitserinnerungen" gehen?


      Ja, die gibt es. Und was gemacht wird, sind in der Hauptsache Krimis und Grusel. Daneben gibt es noch etwas Mystery und SF.

      Krimi definiert sich im Hörspielbereich primär und schon aufgrund des enormen Outputs über Sherlock Holmes. So wie man mit Holmes-Serie4n bombardiert wird, könnte man glauben, es handle sich bei dem Thema um einen allgemeinen Megatrend. Dem ist aber nicht so. Hollywood hat zwei Holmes-Filme mit Robert Downey Jr. gemacht, BBC „Sherlock“ und CBS „Elementary“. Das war es. Die TV-Serien laufen zwar noch, doch Bestrebungen anderer Sender, ebenfalls Holmes zu machen, gibt es nicht. Das Feld ist bestellt und das Thema aus Sicht der visuellen Medien und damit des Mainstreams eigentlich durch. Lediglich die deutschen Hörspielproduzenten glauben, dass es allgemein ein Bedürfnis nach immer und mehr Holmes gibt. Ansonsten gibt es noch van Dusen (unter Rückgriff auf die alte Radioserie), Miss-Marple-Derivate wie Lady Bedford, Pater Brown (die erste PB-Geschichte erschien 1910) oder Edgar Wallace (dessen Kriminalromane erschienen zwischen 1905 und 1936). Alles brandheißes Material frisch aus dem Ofen also. Absolut unerklärlich, warum sich Hörspiele, die auf diesen Geschichten basieren oder deren Figuren nutzen, nicht hunderttausendfach verkaufen.

      Die andere große Säule des Hörspielmarktes ist Grusel. Welcher Gruselfilm war in den letzten drei bis fünf Jahren ein Hollywood-Blockbuster? Keiner. Welche Grusel-Fernsehserie hat im gleichen Zeitraum ein Millionenpublikum vor dem Fernseher gefesselt? Keine. Wohlgemerkt: Ich spreche über Grusel und nicht über Zombie-Horror à la TWD. Grusel ist kein Trendthema außerhalb des Hörspiels, und die Adaption von jahrzehntealten Groschenheften oder von Schauerromatik aus dem Jahre Siebzehnhundertsowieso oder Achtzehnhunderthastdunichtgesehen schon gar nicht. Das ist die Nische in der Nische, was bezogen auf das Hörspielpublikum noch einigermaßen funktioniert, aber sonst keine nennenswerten Kreise anspricht.

      Mystery hatte ihre Hochzeit in den 1990ern mit „Akte X“ und konnte sich seitdem einigermaßen halten. Die neuen X-Files-Folgen haben keinen neuen Boom ausgelöst. Was im Hörspielbereich gemacht wird, entspricht ungefähr dem Stellenwert des Themas in anderen Medien.

      Voll im Trend liegt derzeit die Science-Fiction. „Star Wars“ ist zurück und wird uns jetzt jedes Jahr mit einem neuen Film beehren. Ein neuer „Star Trek“- Film konnt in ein paar Wochen, eine neue Serie Anfang 2017. Die Panem-Filme waren sehr erfolgreich und die Superhelden sind es sowieso. Im Kino und im Fernsehen sind sie präsent, lassen die Kassen klingeln und sorgen für gute Quoten. Im Hörspielsektor gibt es dank Maritim zumindest Batman und die JLA. Ansonsten: Fehlanzeige. Und eine neue Space Opera hat dieses Jahr auch noch kein Label angekündigt. Dafür stürzen sich dann 2017 alle auf Wells, weil es dann nichts mehr kostet. Würden die Label wirklich für seine Romane brennen, hätten sie in den letzten Jahren zumindest einzelne davon schon mal lizensiert. Aber so groß war die Liebe dann doch nicht. Warum soll man auch für die Genialität eines Mannes bezahlen, wenn man in absehbarer Zeit sein Werk legal kostenfrei plündern darf?


      hoerspielkassette schrieb:

      Was ist z.B. mit den Hörspielen von Audible? Kommen die nicht auch außerhalb der Hörspielgemeinschaft gut an?


      Wie gut die Audible-Serien überhaupt ankommen, ist von außen nicht zu beurteilen, da keine Verkaufszahlen publiziert werden. Auch Aussagen darüber, ob sie eine Klientel außerhalb der eingefleischten Hörspielfans ansprechen, sind nicht möglich. Ob „synchronisierte“ Versionen englischsprachiger Hörspiele (denn darum handelt es sich ja bei der Masse der Audible-Hörspiele) ein Weg sind, um neue Hörer zu gewinnen, kann ich nicht sagen. Möglich. Aber auch bei diesen Hörspielen handelt es sich in der Regel um Adaptionen und nicht um originären Content.


      hoerspielkassette schrieb:

      Gibt es nicht mittlerweile auch viele Hörspiel Serien, die gut mit aktuellen TV Serien mithalten können und auch durchaus das dortige Punlikum ansprechen könnten?


      Welche sollen das sein? Ich habe „Die weiße Lilie“ bislang nicht gehört, doch scheint sich diese Serie an den Erzählmustern aktueller, erfolgreicher TV-Serien zu orientieren. Ansonsten fällt mir keine Hörspielserie ein, die mit jenen TV-Serien mithalten könnte, deren Namen („The Walking Dead“, „Game of Thrones“, „House of Cards“) immer wieder fallen, wenn es um das Beschreiten neuer Wege im Hinblick auf das Erzählen in Serie geht.


      Damit wir uns richtig verstehen: Das Hörspiel hat bereits vor einer ganzen Reihe von Jahren den Anschluss an den Mainstream verloren und dennoch überlebt. Und grundsätzlich gibt es keinen Grund, warum ihm das nicht auch in den kommenden Jahren gelingen sollte, denn noch gibt es eine ausreichende Zahl von Kunden, die brav CDs kaufen, um ihre Sammlungen zu pflegen. Ich stelle mir nur zunehmend die Frage, was ich eigentlich von einem Hörspiel erwarte. Woche für Woche werden so viele neue Sachen herausgebracht, dass sich das Argument „Man kann ja froh sein, dass überhaupt noch Hörspiele gemacht werden“ komplett erledigt hat. Wird es nicht Zeit, dass man als Hörer von einer Produktion mehr einfordert, als eine einigermaßen tragfähige Story, die mit namhaften Sprechern und einer opulenten Soundkulisse aufgepeppt wird? Oder wollen wir keine Geschichten wie die von „Ein Job wie jeder andere“, an denen man sich reiben kann und die einem zum Nachdenken anregen? Reichen seichte Plots, die man auch nebenbei weghören kann?

      LskH schrieb:

      beli schrieb:

      bleibt nicht viel davon übrig, wenn ich über die Gewalt hinweghöre...
      Nimm sie einfach sachlich-faktisch auf, anstatt emotional - das meine ich

      Das sagt sich so einfach... :(

      LskH schrieb:

      Außerdem kann ich dir einen Film, ein Buch, .. eine Story erzählen
      - das ist aber dann nicht das gleiche als wie selber sehen, lesen, hören ...

      Es ist auch nicht das gleiche, ob ich die Geschichte sehe, lese oder höre. Meinem Eindruck nach habe ich - speziell auf negative Emotionen bezogen - beim Hören den kleinsten inneren Abstand. Und vermutlich auch die niedrigste Schmerzgrenze...
      Sehr gute Bestandsaufnahme, SciFi Watchman. Allerdings klingt sie etwas resigniert. ;)

      Zweifellos hat sich das Hörspiel weitgehend vom Mainstream abgekoppelt, jedoch gibt es ab und zu schon Hörspiele, die versuchen, sich an Teile des aktuellen Mainstreams aus Kino oder TV zu hängen. Das gab es schon immer und wird es auch immer geben. Das von dir rezensierte Exemplar ist ja ein Beispiel dafür. Insgesamt aber bin ich froh, dass die Distanz bisher geblieben ist, obwohl dies natürlich auch zu Lasten der Innovation geht.

      SciFi Watchman schrieb:

      Krimi definiert sich im Hörspielbereich primär und schon aufgrund des enormen Outputs über Sherlock Holmes. ... Ansonsten gibt es noch van Dusen (unter Rückgriff auf die alte Radioserie), Miss-Marple-Derivate wie Lady Bedford, Pater Brown (die erste PB-Geschichte erschien 1910) oder Edgar Wallace (dessen Kriminalromane erschienen zwischen 1905 und 1936). Alles brandheißes Material frisch aus dem Ofen also. Absolut unerklärlich, warum sich Hörspiele, die auf diesen Geschichten basieren oder deren Figuren nutzen, nicht hunderttausendfach verkaufen.


      Ja, wirklich merkwürdig. ;) Ich persönlich habe von diesen Uraltfiguren (egal ob Original oder Derivat) schon manchmal die Nase voll. Aber solange es nichts anderes gibt ... Hier wäre wirklich mal etwas Innovation von Nöten. Warum nicht mal einen Polizisten oder Detektiv, der in den 60er, 70er oder 80er Jahren ermittelt? Oder per Zeitmaschine durch die Jahrzehnte reist?

      SciFi Watchman schrieb:

      Ich stelle mir nur zunehmend die Frage, was ich eigentlich von einem Hörspiel erwarte. Woche für Woche werden so viele neue Sachen herausgebracht, dass sich das Argument „Man kann ja froh sein, dass überhaupt noch Hörspiele gemacht werden“ komplett erledigt hat. Wird es nicht Zeit, dass man als Hörer von einer Produktion mehr einfordert, als eine einigermaßen tragfähige Story, die mit namhaften Sprechern und einer opulenten Soundkulisse aufgepeppt wird?


      Ich fordere das für mich persönlich schon lange. Darum behalte ich ja auch so wenige aktuelle Produktionen in meiner Sammlung. Und allein deshalb zu kaufen, damit Labels überleben, halte ich nun wirklich nicht für meine Aufgabe.

      SciFi Watchman schrieb:

      Dafür stürzen sich dann 2017 alle auf Wells, weil es dann nichts mehr kostet. Würden die Label wirklich für seine Romane brennen, hätten sie in den letzten Jahren zumindest einzelne davon schon mal lizensiert. Aber so groß war die Liebe dann doch nicht. Warum soll man auch für die Genialität eines Mannes bezahlen, wenn man in absehbarer Zeit sein Werk legal kostenfrei plündern darf?


      Bitter, aber sehr treffend formuliert. Ich rätsele auch immer wieder: Warum konnten sich früher scheinbar so viele Labels (nicht nur der Superverdiener Europa) Lizenzen leisten? War es damals so viel billiger? Haben die Labels so viel mehr verdient als heute? Oder sind die Macher von heute einfach schlichtweg geizig und wollen den größtmöglichen Gewinn machen?

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „H. Hatch“ ()

      War es damals so viel billiger? Haben die Labels so viel mehr verdient als heute? Oder sind die Macher von heute einfach schlichtweg geizig und wollen den größtmöglichen Gewinn machen?


      Ich denke schon, dass heute kaum noch Hörspiele in der Stückzahl von früher verkauft werden.

      Nimm mal Tim und Struppi als Beispiel. Früher sicher ein Verkaufsschlager. Heute würdest du unter den Kindern und Jugendlichen gar nicht mehr genug Käufer zusammen bekommen um die teuren Lizenzen bezahlen zu können. Im Erwachsenen Bereich sieht es sicher nicht viel anders aus.
      Für mich stellt sich auch die Frage, ob das Hörspiel jemals eine wirkliche Konkurrenz zum Film sein kann. Die Zeit ist vorbei. Ich merke es doch jetzt schon bei den heutigen Kindern. Geh mal mit einem Kind in die Abteilung mit CDs und DVDs und frag, was es sich kaufen würde. Ganz sicher nicht ein Hörspiel.
      Von daher sind die heutigen Produzenten vielleicht wirklich besser beraten, nicht auf den Mainstream zu setzen, sondern ganz gezielt den Hörspielhörer und seinen Geschmack zu bedienen.

      H. Hatch schrieb:

      Sehr gute Bestandsaufnahme, SciFi Watchman. Allerdings klingt sie etwas resigniert. ;)


      Meine Worte mögen vielleicht etwas resignierend geklungen haben, doch tatsächlich bin ich von Resignation noch weit entfernt. Nicht zuletzt deshalb, weil im Hörspielmarkt so viele Dinge im Fluss sind, dass man als Fan kaum absehen kann, wohin die Reise in der kommenden Zeit gehen wird:
      • Noch vor wenigen Jahren hat niemand großartig einen Gedanken daran verschwendet, dass Audible neben dem Verkauf von Hörbüchern auch in das Geschäft mit eigenproduzierten Hörspielen einsteigen könnte.
      • Das Comeback von Maritim unter der Ägide von Highscore hat so niemand kommen sehen
      • Es ist noch nicht lange her, da war Hörspiel-Streaming kein Thema
      • Macher, die sich vor nicht allzu langer Zeit noch recht pessimistisch gaben, starten inzwischen neue Projekte

      Bei meinen Äußerungen ging es mir weniger um die Frage, wie das Hörspiel neue Kundenkreise für sich gewinnen kann. Erstens ist es Aufgabe der Label, sich über so etwas Gedanken zu machen, und zweitens ist der Zug „Hörspiel als Medium des Mainstreams“ meiner Ansicht nach schon vor Jahrzehnten abgefahren. Hörspiele sind eine Nische und werden es auch bleiben. Die Nische kann im Laufe der Zeit mal größer oder kleiner ausfallen, doch Nische bleibt Nische. Mir geht es vielmehr darum, was das kommerzielle Hörspiel mir als existierendem Fan, der also von dieser Erzählform nicht erst überzeugt werden muss, inhaltlich zu bieten hat. Unterhält mich das, was mir von den Labeln inzwischen offeriert wird, noch so gut, dass ich dem Hörspiel in gleichem Umfang wie bisher treu bleibe? Oder werde ich mich bald gezwungen sehen, wieder mehr TV- oder Net-Serien zu gucken, weil dort hinsichtlich zeitgemäßem Erzählen deutlich mehr geht oder jene Themen/Stoffe behandelt werden, die mich deutlich mehr ansprechen? Antworten auf diese Fragen habe ich noch nicht gefunden. Es gibt mir nur zu denken, dass ich sie mir überhaupt stelle. Denn das allein ist schon ein Warnsignal...

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „SciFi Watchman“ ()

      beli schrieb:

      Zitat von LskH: „Mich auch - aber hier scheinen sich, wieder einmal, die Optiker von den Akustikern zu trennen.
      Was im bewegten Bild und als Text geht, scheint in HSP nicht unbedingt auch zu funktionieren“
      Oder es funktioniert da zu gut. Bei mir ist…


      Und, hast du ihm mittlerweile eine Chance gegeben?
      Meine Hörspiel-, Film- & Buchrezensionen: Alltagshirngespinste

      beli schrieb:

      Zitat von Dr. Armitage: „Und, hast du ihm mittlerweile eine Chance gegeben?“
      Nein, die CD liegt immer noch im "später mal"-Stapel. Und der ist gerade ziemlich hoch (genaugenommen umfasst er mehrere Kartons). Aber ich höre sie mir bestimmt…


      Verstehe. :) Wenn du es mal gehört hast, wäre ich sehr gespannt auf deine Meinung!
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