Angepinnt Im Gespräch mit Stefan Lindner (Lindenblatt Records) über Abwärts, Götz George und Klingeltöne

      Im Gespräch mit Stefan Lindner (Lindenblatt Records) über Abwärts, Götz George und Klingeltöne

      Stefan Lindner im Gespräch mit dem Hörspieltalk
      über Abwärts, Götz George und Klingeltöne.
      Ein Interview zur Veröffentlichung des Hörspiels "Abwärts".
      Geführt von Friedel.


      Foto © Florian Lichtenstern, 2015

      Hörspieltalk: Schön, dass du dir für unser Interview zeitnehmen konntest.

      Stefan: Gerne.

      Hörspieltalk: Ich kannte weder die Buchvorlage von Frank Göhre, noch den Autor selbst, obwohl er bisher viel für den Tatort geschrieben hat. Das Buch an sich hat 200 Seiten, die Verfilmung dauert nur etwa 90 Minuten. Wie habt ihr 3,5 Stunden Hörwerk zusammenbekommen? Waren hier viel Änderungen nötig?

      Stefan: Also die 3,5 Stunden ergeben sich daraus, dass der Roman einfach mehr erzählt, als der Film. Der Film ist ein klassisches Kammerspiel. Man hat die vier Leute in der Aufzugkabine und es gibt nur ein paar wenige Außenszenen mit dem Pförtner und die Schlussszenen. Im Roman wiederum gibt es wesentlich mehr Nebenstränge, die im Bürokomplex stattfinden. Was natürlich im Film auch nicht machbar war, war in die Gedankenwelt der Protagonisten einzutauchen. Im Hörspiel wiederum ist es möglich. Deswegen erfährt man im Buch und somit auch in unserem Hörspiel mehr über die persönlichen Motive und Probleme der Hauptdarsteller. Und eben auch mehr außenrum. Es sind auch ganz neue Figuren da. Dieser Chef von Buchmacher Gössmann zum Beispiel. Im Film ist nur oft die Rede von ihm, hier ist er eine Nebenfigur mit eigenen Szenen. Änderungen habe ich beim Spielbuch schreiben schon einige vorgenommen. Aber weniger inhaltlich - hier habe ich mich schon sehr an die Vorlage gehalten – sondern eher auf die Transquirierung von Buch auf Hörspiel. Der Erzähler wurde eingefügt. Und während im Buch ganz viel der Erzähler macht – was hier bei einer 1:1 Umsetzung eine szenische Lesung gewesen wäre – wurde dort ein bisschen umgeschrieben, dass teilweise der Erzähler etwas übernimmt und man zum anderen Teil die Gedanken der Figuren hört. Andere Änderungen sind der Zeit geschuldet. Der Film spielt in den 80ern, das Hörspiel 2015. So auch die Szene, in der jemand ursprünglich mit Streichhölzern werkelt, während heutzutage jeder denken würde, warum er nicht seine Taschenlampenapp benutzt. Das Besondere war ja auch, dass Frank Göhre zuerst das Drehbuch für den Film schrieb und während der Dreharbeiten wurde auf ihn zugegangen und gesagt, er soll einen Roman daraus machen. Er hat so eine Art zu Erzählen, die mir sehr gefallen hat. Deswegen wollte ich das auch garnicht groß verändern.

      Hörspieltalk: Bisher basierten eure Hörspiele immer auf eigenen Stories. Wie kamt ihr auf die Idee, mit einem Autoren zusammenzuarbeiten und wie entstand der Kontakt zu Frank Göhre?

      Stefan: Es gab mehrere Wunschkandidaten, von denen wir Lizenzen kaufen möchten. Es war aber auch eine kommerzielle Überlegung, den Erwachsenenhörspielbereich zu bereichern. Den klassischen Hörbuchhörer anzufixen, es doch auch mal mit Hörspielen zu probieren und darauf aufmerksam zu machen, dass es mittlerweile einen großen Markt an Erwachsenenhörspielen gibt. Die ganze Produktion ist ein bisschen darauf bedacht, Hörbuchhörer da abzuholen, wo sie momentan sind. Ein größerer Thriller auf mehreren Cds. An Frank Göhre bin ich anfangs garnicht herangetreten. Ich habe den Rechteinhaber – den Pendragon Verlag – angeschrieben. Erst dann kam ich mit Frank Göhre in Kontakt. Wir wollten eine deutsche Vorlage und haben sie bekommen. Die Zusammenarbeit mit dem Autor und dem Verlag war super.

      Hörspieltalk: Wie groß war der Einfluss von Frank Göhre auf die Vertonung?

      Stefan: Erst wurde alles geklärt – auch bezogen auf meine Veränderungen. Ab da war er dann einfach nur gespannt auf das Endergebnis und hat keinen Einfluss mehr genommen.

      Hörspieltalk: Hat die Darstellung von Götz George im Film irgendwie Einfluss genommen auf die Rolle im Hörspiel?

      Stefan: Eigentlich nur in sofern, dass ich anfangs tatsächlich versucht hatte, Götz George zu bekommen. Garnicht mal für die Rolle an sich, sondern für eine kleinere andere Rolle. Allerdings kam weder eine Absage noch eine andere Reaktion. Wahrscheinlich landete es niemals auf seinem Schreibtisch. Das wäre natürlich ein großer Coup gewesen, denn George macht das ja normalerweise nicht. Ich habe ein Hörbuch von ihm gefunden. Er hat Geschichten von Charles Bukowski eingelesen. Aber zurück zum Einfluss. Die Figuren waren so ein bisschen definiert nach den Darstellungen im Film, aber die Sprecher sollten sich nicht an die Rollen im Film halten und zu reproduzieren.

      Hörspieltalk: Hier hat ja auch Tonio von der Meden ein schönes Overacting für Gössmann dargelegt.

      Stefan: Ja, es ist großartig. Später hat er ja dann größere Monologe und Dialoge. Da hätte es überhaupt keinen Sinn gemacht, wenn ich gesagt hätte, mach mir jetz den Wolfang Kieling. Teilweise kannten ja die Sprecher den Film auch garnicht. Die Steffi, die ja die Hauptrolle spricht, meinte ja, sie hätte ihn sich nach dem Einsprechen angeguckt und wenn sie gewusst hätte, wie die Rolle dargestellt wurde, hätte sie es anders eingesprochen. Von daher ist es ganz gut, dass wir das von den Sprechern nicht verlangt haben.

      Hörspieltalk: Habt ihr ein Casting durchgeführt oder hattet ihr die Leute bereits an der Hand?

      Stefan: Nein, Castings haben wir bisher noch überhaupt nicht durchgeführt. Es ist eher so, dass gerade bei den Hauptrollen einfach Wunschkandidaten da sind und diese werden dann auch angefragt. Dann gibt es natürlich noch so ein paar Leute von den eigenen "Homies", die man dann unterbringt, weil man gerne mit ihnen zusammenarbeitet und hier auch die Möglichkeit hat, mit ihnen stundenlang im Studio zu verschanzen, ohne dass gleich die Uhr tickt und die Euros fließen. Seit Humanemy kommen auch immer wieder Anfragen von Sprechern, die einfach gerne mit uns arbeiten möchten. Meißtens denke ich bereits beim Schreiben an Sprechproben und so kann es auch sein, dass ich die Rollen auf die angedachten Sprecher bereits mehr zumünze.

      Hörspieltalk: Wie kam es, dass ihr Ralf Richter für die Hauptrolle besetzt habt? Rein in den Kofferraum und ab ins Studio?

      Stefan: Das hat sich so bisschen daraus ergeben, dass mein Bruder mit seiner Band Schandmaul an dem Projekt "Sunshine Kids" teilgenommen hat. Sie haben Musik mit Kindern gemacht und Ralf Richter hat es moderiert. Es war also ein persönlicher Kontakt da und man musste über keine Agenturen gehen. Er hat ja damals im Film einen der Installateuren gespielt und ich hab ihn gefragt, die Hauptrolle von Götz George zu übernehmen. Es war kein langes Betteln, er hatte Bock drauf. Im Audiobereich hat er ja bereits mehrere Musiker-Biographien gelesen, aber in Hörspielen hat man ihn so noch nicht gehört.

      Hörspieltalk: Wie lange hat die Produktion von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt im Presswerk gedauert?

      Stefan: Ich weiß jetzt garnicht genau, wann wir angefangen haben, aber es hat wesentlich länger gedauert, als wir gedacht hatten und länger, als alles, was wir in Zukunft machen werden. Es war mehreren Sachen geschuldet. Z.B. dass wir einige Wochen auf eine Reaktion von Götz George gewartet hatten. Größtenteils wurde das Hörspiel im Schandmaul-Studio aufgenommen und dadurch hat es sich auch noch weiter verschoben, da die Band viel zu tun hatte. Deswegen war sowohl das Studio oft belegt als auch der Thomas. Dann haben wir Aufnahmen mit dem Ralf in Köln gemacht, da hatten wir technische Probleme, sprich die waren für die Katz. Die musste dann später in Berlin nachgeholt werden. Schließlich hat sich dann auch noch die Postproduktion wahnsinnig verzögert. Bestimmt waren wir ein Jahr an der Produktion dran. Aber das wird so nicht mehr passieren, denn es wurden alle Weichen gestellt für mein eigenes Studio...

      Hörspieltalk: Ich hatte ja bereits auf Facebook davon gelesen, dass ihr eine kleine Szene aus einem noch nicht erschienenen Dorian Hunter Hörspiel einbauen werdet. Sie läuft ja bei dem Portier – besetzt durch Oliver Mink – im Fernsehen. Ich habe ja bereits bemerkt, dass Dorian Hunter zu deinen Lieblingen gehört, du hast ihn ja sogar als deinen Handy-Klingelton. Wie kamst du auf die Idee, das so einzubauen?

      Stefan: Das hat sich ergeben, weil ich mir grundsätzlich dachte, dass er im Film "Ein Fall für Zwei" guckt und das war damals ja angesagt. Ich dachte mir, es wäre absolut sinnvoll, hier eine Szene aus einem Hörspiel laufen zu lassen. Hunter ist so meine liebste zeitgenössische Serie. Bei einem Hunter-Livehörspiel hat es sich dann ergeben, dass man gequatscht und Kontakte geknüpft hat. Ich habe dann Dennis bei einem Telefonat gefragt und er hat auch sofort "ja" gesagt. Ist ein schöner Gimmick, denke ich. Für Fans definitiv. Und alle anderen wirds nicht stören. Läuft ja nur im Hintergrund.

      Hörspieltalk: Die musikalische Untermalung fiel mir positiv auf, da sie nicht so typisch nach Samples aus der Software klang. Wie ist sie entstanden?

      Stefan: Wir haben schon ein hohes Augenmerk darauf gelegt, dass die Musik echt eingespielt wurde von verschiedensten Musikern und diese nicht aus Samples am PC entstanden ist. Ich mag das einfach gerne. Außerdem habe ich einfach sehr viele Musiker in meinem Freundeskreis und dann nutze ich das einfach. Wer unsere bisherigen Hörspiele kennt, kennt ja teilweise schon die Musiker. Größtenteils ist die Musik tatsächlich extra für unser Hörspiel produziert worden, einer der Songs ist aber nur ein spezieller Edit fürs Hörspiel, er wird noch mit Sängerin auf EP erscheinen.

      Hörspieltalk: Ihr habt ja den Soundtrack zum Hörspiel gleich noch mitgeliefert, was ich ja oft sehr begrüßen würde.

      Stefan: Oftmals bietet es sich ja auch einfach garnicht an, es sind ja oft nur dreißig Sekunden Soundschnipsel. Bei Hunter z.B. sind es ja sehr ungewöhnliche, aber interessante Melodien, die man auch einfach so hören kann. Da macht eine Soundtrack-CD schon Sinn. Es soll als Beigabe auch einfach ein Dankeschön für die Käufer / Hörer sein, wie z.B. die Soundtrack-CD bei Humanemy. Wenn man auch Fan des Genres ist, weiß man ja auch immer, was man selbst gerne als Beigabe hätte und deshalb übernehme ich das dann auch für meine Produktionen.

      Hörspieltalk: Ihr habt ja zuerst die Lesung "Gebrüder Thot" gebracht und dann Hörspiele wie "Humanemy". War das eine starke Umstellung für dich? Wie hat sie sich bemerkbar gemacht?

      Stefan: Es war schon ne Umstellung. Bei den inszenierten Lesungen, die wir hatten, liest man und macht man ein paar Geräusche dazu und legt einen Soundteppich unter. Da wurde dann auch live eingesprochen. Da lies sich dann auch garnichts groß bearbeiten, da man immer bei dem Anderen mit auf der Aufnahme drauf ist. Das war am Anfang dann auch unser Ansatz. Als wir dann mit Humanemy angefangen haben, war das was vollkommen anders. Hier wurde mit verschiedenen Soundebenen, vielen Takes und viel Bearbeitung gearbeitet. Der Abstand zu "Abwärts" war dann schon kleiner. Von den Erfahrungen mit Humanemy haben wir definitiv profitiert, da wir schon viele Sachen ausprobiert und auch diverse Fehler gemacht hatten, aus denen wir dann gelernt haben.
      Hier war dann für mich so die Umstellung, dass ich eine Buchvorlage zur Hand hatte und nicht selbst schreiben musste.

      Hörspieltalk: Und was gefällt dir persönlich jetzt besser?

      Stefan: Da möchte ich mich so garnicht festlegen, denn Beides hat seinen Reiz. Wir machen jetzt als nächstes – was ich bald auch ankündigen werde – wieder eine Lesung. Es ist von der Arbeit her anders, um genau zu sein leichter. Es werden zwei Sprecher, die zudem nacheinander sprechen. Man halt also diese ganze Schneidearbeit und die verschiedenen Soundebenen nicht. Hörbücher sind außerdem schneller und günstiger zu produzieren, verkaufen sich allerdings wesentlich besser. Das war einfach naheliegend, dass wir da auch was machen werden. Aber die Vorfreude auf die zweite Season ist schon groß. Ich möchte es noch mehr krachen lassen, als in der ersten Season. Was die Vorlage an sich angeht, muss mir diese einfach zusagen und ich muss gewisse Freiheiten haben.

      Hörspieltalk: Magst du uns einen Ausblick auf die zweite Staffel von Humanemy geben? Was hast du vor?

      Stefan: Bisland gibt es nur eine Timeline und diverse Nebenstränge und Figuren, aber das tatsächliche Ausformulieren kommt jetzt erst. Da kann ich nicht wirklich was sagen. Die Season 2 wird so konzipiert, dass jemand, der Season 1 überhaupt nicht kennt, sie hören kann. Es braucht also keinerlei Vorwissen für Season 2. Wer Season 1 allerdings kennt, der hat so Extrafreuden und Einblicke. Aber es kann auch als einzelner Mehrteiler stehen. Überraschungen wird es geben, da es nicht direkt an Season 1 andockt, sondern dazwischen einige Zeit vergeht. Für Season 3 ist geplant, dass man Season 1 und 2 kennen muss, um einige Dinge zu verstehen.

      Hörspieltalk: Dann danke ich dir dafür, dass du dir so viel Zeit für das Interview genommen hast. Hat mich sehr gefreut, dich kennenzulernen.

      Stefan: Sehr gerne. Gleichfalls!

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