Welche Verantwortung tragen Kulturschaffende?

      Welche Verantwortung tragen Kulturschaffende?

      Da mich das Thema zum Nachdenken anregte, das kürzlich in einem anderen Thread angesprochen wurde, habe ich beschlossen, hier einen eigenen Thread zur Frage zu eröffnen: "Welche Verantwortung tragen Kulturschaffende?"

      Es ist ja nichts Neues: Als Anfang der 80er-Jahre ein Jugendlicher tragischerweise Selbstmord beging und man in seinem Nachlass die Platte "Blizzard of Ozz" von Ozzy Osbourne fand, war der (vermeintlich) Verantwortliche für manche schnell gefunden. Schließlich hatte der Rocksänger den Song "Suicide Solution" ("Lösung: Selbstmord") auf Vinyl gebannt und dadurch den labilen Jugendlichen ins Unglück gestürzt. Ähnlich haltlose Vorwürfe hatte vorher auch schon "Schock-Rocker" Alice Cooper ertragen müssen.

      Nach dem Amoklauf von Columbine, (1999), fand man im Nachlass der Urheber der Bluttat Musik-CDs von Marilyn Manson. Klarer Fall (für manche) : Manson war Schuld an dem Schulmassaker. Und zwar so sehr, dass seine Karriere abrupt beendet wurde und er für viele Jahre von der Bildfläche verschwinden musste. Bis heute haftet dieser vermeintliche "Makel" an ihm. (Dass das Massaker bezeichnender Weise an einem 20. April stattfand, (Hochzeitstag von Prinz William und Kate *), spielte dabei sicher keine Rolle. Der böse, provokante Rockstar musste einfach Schuld sein.

      Bestseller-Autor Stephen King ließ nach dem Schulmassaker von Littleton seinen Roman "Amok" im Oktober 2000 vom Markt nehmen, da die Gewaltexzesse mit Schusswaffen an amerikanischen Schulen immer stärker zunahmen, und er unter diesen Umständen befürchtete, der Roman könnte einen schlechten Einfluss auf manche, (gerade jüngere), Leser haben.

      Auch andere prominente Persönlichkeiten aus dem Showbiz müssen sich immer wieder die Frage gefallen lassen, ob es denn zu vertreten sei, dass sie Gewalt- und Sexorgien auf der Leinwand feiern - oder einen Lebensstil von Sex, Drugs & Rock 'n' Roll propagieren, der unreife Jugendliche dazu animiert, ihnen nachzueifern (oder zumindest nacheifern zu wollen). Insbesondere "Gangster-Rapper" haben den früheren Rockstars hier längst den Rang abgelaufen. -- Dann liest man von 14-, 15- und 16-jährigen Schülerinnen, die sich freiwillig prostituieren, um sich ihre Luxuswünsche finanzieren zu können, wie in diesem Bericht über einen Skandal aus Rom. Oder ähnlichen, teils noch drastischeren Ereignissen an französischen Schulen.

      Die Frage drängt sich auf: Sind dies nur extreme Einzelfälle? Oder ist tatsächlich die vielbeschworene "Verrohung der Gesellschaft" in vollem Gange? Wenn ja - welchen Einfluss, und sei es nur ein indirekter, haben dabei Kulturschaffende und ihr von den Medien kritisierter, aber auch bejubelter Lebensstil?

      Ich persönlich sehe da in erster Linie nicht Musik, Romane oder Hörspiele in der Verantwortung, bin aber gespannt auf eure Beiträge.

      * Anmerkung: Hier hatte ich ein falsches Datum im Hinterkopf, durch die Verwechslung von "Führer"-Geburtstag und "Führer"-Hochzeit. Der Amoklauf fand zwar am besagten Geburtstag statt, die royale Hochzeit aber am 29. April, also am selben Tag, an dem der ehemalige Herr Schicklgruber Frau Eva Braun ehelichte.
      »Wir sollten unserem Leben jeden Tag etwas mehr Eleganz verleihen.«

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von „Ascan von Bargen“ ()

      Ich denke diese Frage kann jeder für sich selber beantworten, wenn man bereit ist, sich selber zu reflektieren.
      Nehmen wir z.B. das Thema Sex in den Medien! War vor 60 Jahren der blanke Busen von Hildegard Knef in "Die Sünderin" ein Skandal, so könnte man damit heute keinen mehr vom Sofa locken.
      Aber war der Busen einer Frau damals anders? Eigentlich wollten damals wie heute genau so viele Menschen einen Busen sehen! Warum gab es damals weniger Filme mit offenen Details?
      Damals gab es Sex - heute gibt es ihn. Aber der Umgang damit ist anders geworden.

      Vergleichen wir einen Porno aus den 70igern (die Zeit, als Frauen noch Haare hatten *g*) mit heutigen Filmen ist wieder dasselbe zu erkennen. Es muss immer jünger, härter und ausgefallener sein, um den Konsumenten von heute zu befriedigen.

      Vergleichen wir Horrorhörspiele, so ist der Unterschied ebenfalls krass. Sollte / (Wurde) "Die Schlangenköpfe des Dr. Gorgo" noch indiziert werden, bereitet solch ein Hörspiel heute nur noch ein müdes Lächeln ;)

      Der sogenannte Kulturschaffende von heute muss immer neue Grenzen einreißen um die Neugier der Konsumenten zu erhaschen. Es muss dem Konsumeten immer mehr das Gefühl gegeben werden, ein Teil der Geschichte zu werden, in dem es möglichst real ist und den Vorlieben der Mitmenschen gerecht wird. Hier sollte sich der Schaffende selbst fragen, ob die eingerissenen Grenzen wirklich den Gewinn wert sind - das ist leider aber nicht umsetzbar. Wenn es der eine nicht die Grenzen einreißt, dann kommt der nächste. An dieser Stelle sollte sich auch der Konsument die Frage stellen, ob man wirklich wissen will, was hinter der Grenze ist!

      Ich könnte mir gut vorstellen, daß in weiteren 50 Jahren die Frauen in Pornos nicht mehr nur kahl sind, sondern auch noch drei Brüste, zwei A...löcher haben und erst 12 Jahre alt sind ;)

      Glaubt ihr nicht?!? Warten wir es ab...
      Jaja früher war alles besser.....NICHT!....es tut so weh das zu lesen!

      Ständig beschwert sich die "alte" Generation über die Jungen. Die Welt ist nun mal Veränderungen unterworfen.

      In den 70ern war Homosexualität in Deutschland auch noch illegal. Heute glücklicherweise nicht mehr!
      "Mit dem Hören von Die drei Fragezeichen oute ich mich nicht als
      Hörspielfan, sondern als Fan meiner eigenen Kindheit." - Günter Merlau

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Lenny“ ()

      Ein gutes Beispiel dafür ist die Kunst der Filme von Terrence Malick.

      Seit seinem Comeback 1998 haben sich seine Filme immer weiter zu quasi-philosophischen Mosaikbildern entwickelt, die ihre Geschichten assoziativ, aber immer mit einem großen Gespür für Ästhetik erzählen. Beispiele dafür sind "The New World", "The Tree Of Life" oder "To The Wonder".

      Die Filme sind deswegen extrem umstritten, es gibt eigentlich nur Jünger oder Menschen, die damit überhaupt nichts anfangen können. Das zeigt gut, wie weit sich die Menschen vom Verständnis und der Akzeptanz des Ideals entfernt haben, nach dem Kunst die Aufgabe hat, über Ästhetik die Seelen der Menschen für tiefere Wahrheiten zu öffnen.
      They call me the Fader. Which is what I'm about to do.

      Die deutsche Rechtschreibung ist Freeware, d.h. man darf sie kostenlos nutzen.
      Allerdings ist sie nicht Open Source, d.h. man darf sie nicht verändern oder in veränderter Form veröffentlichen.

      Lenny schrieb:

      Jaja früher war alles besser.....NICHT!....es tut so weh das zu lesen!

      Ständig beschwert sich die "alte" Generation über die Jungen. Die Welt ist nun mal Veränderungen unterworfen.

      In den 70ern war Homosexualität in Deutschland auch noch illegal.…


      Sorry, aber du hast mal wieder nichts verstanden und polemisierst nur ;)

      Es beschwert sich niemand und das die Welt sich weiterhin dreht versteht sich von alleine. Und Schwule Männer dürfen sogar erst ab dem 11. Juni 1994 auf den § 175 blasen ;)

      Das zeigt mal wieder ganz deutlich, daß es dir eigentlich nicht um das Thema, sondern mehr um den Streit geht - ist das auch auf zuviel Gewalt in Hörspielen zurück zu führen ??? :thumbsup:

      Alexander schrieb:

      Das zeigt mal wieder ganz deutlich, daß es dir eigentlich nicht um das Thema, sondern mehr um den Streit geht - ist das auch auf zuviel Gewalt in Hörspielen zurück zu führen ???


      Es geht mir darum, dass zu allen Zeiten gesagt wurde, dass die aktuelle Generation gegenüber der älteren viel verrohter ist. Auch wor einem Verfall der Sitten und Moral wurde zu ziemlich allen Zeiten gewarnt. So das war hier jetzt aber definitiv mein letztes Wort.
      "Mit dem Hören von Die drei Fragezeichen oute ich mich nicht als
      Hörspielfan, sondern als Fan meiner eigenen Kindheit." - Günter Merlau
      Oh eine schwere Frage.

      Ich gebe zu, ich fühle mich da überfordert.

      Aber ein paar neuronale Blitze zucken da so querschlägermäßig durchs Hirn:

      Kann man den Begriff Verantwortung verwenden, wenn tatsächliche, mit Konsequenzen verbundene Vorgänge nicht bekannt sind? Wenn ich etwas getan habe, womit ich einem anderen geschadet habe, dies aber mir nicht - und auch der Gesellschaft bestenfalls durch beispielsweise die im Eingangsbeitrag genannten Zuschreibungen - bekannt war? Philosophie müsste man hier studiert haben, so scheints mir.

      Die Verrohung durch das Internet scheint mir recht manifest, obwohl ich zb dieses Frankreich-Beispiel nicht kannte. Wenn die dort schreiben, es sei kein Einzefall, dann glaube ich das mal. Ich frage mich, wie man als Heranwachsender mit all diesem plakativen Sex umgehen mag. Fehlen uns hier noch die Erfahrungswerte? Denn auf "satanistische" Vinyl-Scheiben, Filme aus den 70er oder Bücher, da kann man zurückgreifen und heute drüber schmunzeln. Doch wann ist der Grad an Intensität erreicht, wo man in 10 Jahren eben nicht mehr sagen kann "ja damals, da ist nach heutigen Maßstäben lächerlich". Es muss doch eine Grenze geben, wie weit man gehen kann. Die über persönliche Geschmäcker hinausgeht. Ich finde, dass da vieles im Internet zu weit geht. Leider ist man auf der anderen Seite dann schnell bei Zensur-Begriffen. Dass man durch die Anonymität sehr schnell Hemmungen verliert und öfters mal die wahre (?), hässliche, animalische Fratze des Einzelnen (oder der menschlichen Natur?) zum Vorschein kommt, das wird vermutlich noch Konsequenzen haben. Im Größeren oder im Privaten. Die Latte an Beispielen ist ja jetzt schon lang. Aber irgendwie glauben wir ja noch, wir könnten das handhaben. Diese Vernetzung ohne Halteseile, die hat es "früher" tatsächlich nicht gegeben, insofern mag es in der Hinsicht für den ein oder anderen tatsächlich "besser" gewesen sein.

      Fader, deinen letzten Satz musst du mir mal erklären. Auch verstehe ich nicht, warum Kunst eine Aufgabe haben muss. Auch: derart hohen Anspruches. Dann sind Hörspiele in den meisten Fällen keine Kunst. Tiefere Wahrheiten zu definieren ist sicherlich auch schwer. Was mich ärgert, dass auch Klassenunterschiede in bessere und schlechtere Menschen existieren, je nachdem, was sie für Kunst konsumieren oder was für Dinge sie überhaupt für Kunst halten.

      Oft liest man ja, man habe nach dem Genuss eines Kunstwerkes darüber noch lange nachdenken müssen, und das sei Merkmal eines guten Kunstwerkes. Nur frage ich mich, wem bringt das reine Nachdenken etwas (und gibt es dann auch gutes oder schlechtes Nachdenken? - bzw. wenn ich jetzt nächtelang drüber nachdenke, wie es wohl mit Sinclair weitergeht....)? Ohne Verhalten bleiben Gedanken mE wertlos. Oder eben nur Gedankenspiel.

      Tragen Kulturschaffende Verantwortung ?

      Ja und nein.

      Einerseits ist jeder fürs sich selber verantwortlich und hat die Fähigkeit abzuwägen. ÜBER-ICH _ ICH _ ES.
      Wenn einem aber dies nicht oder schlcht/falsch vorgelebt wird, dann kann eine andere Entwicklung stattfinden. Befindet man sich bspw. in einem Umfeld, wo das was man hört sieht oder macht gut ist, dann hat man vlt. die Ambition dies auch zu machen oder Folge zu leisten. Ist man, aus welchem Grund auch immer, (sehr) labil und sucht einen Ausweg, ist man u.U. sehr empfänglich für Lieder, Games oder Filme. Würde man also diesen "Labilen" und "Ambitionierten" keine Möglichkeit geben/verschaffen, sie auf "krumme Gedanken" zu bringen, dann wäre die Anzahl vlt. oder bestimmt geringer.

      Um mal diesbezüglich eine Parallel zu schaffen auf ein anders Gebiet:
      Würden Kids in den USA nicht mit "Blei im Blut" geboren und würden nicht zum 5. Geburtstag eine Waffe geschenkt bekommen und man würde endlich mal das Waffengesetz entgegen der Waffenlobby verschärfen, dann gäb es auch weniger "Unfälle" und Amokläufe", etc.

      Will sagen, wenn man etwas macht/anbietet, dann muß man damit rechenen, dass es zum positiven oder negativen genutz oder benutzt wird. Was nicht ausschließt, dass es nicht trotzdem zu "Fehleren" kommen kann. Aber mMn kann man diese eingrenzen, wenn es bestimmte Dinge gar nicht erst gibt.
      #
      Negan : - What's your Name ?
      Daryl : - Easy Street !
      #
      Wenn Das Die Lösung ist , dann will ich das Problem zurück
      #
      " DU! DU! DU! "

      Pig Hoschi aka Cerebral-Bulimie

      LskH schrieb:

      Will sagen, wenn man etwas macht/anbietet, dann muß man damit rechenen, dass es zum positiven oder negativen genutz oder benutzt wird. Was nicht ausschließt, dass es nicht trotzdem zu "Fehleren" kommen kann. Aber mMn kann man diese eingrenzen, wenn es bestimmte Dinge gar nicht erst gibt.


      Hört sich irgendwie nach einem Buch an, das ich gelesen habe. Ich glaub, es hieß Bibel ;)
      Und wenn ich das so richtig in Erinnerung habe, so behandelt "Die Physiker" von Dürrenmatt ebenfalls die Grenzen vom machbaren zum moralisch vertretbaren.

      Habe ich Verantwortung, wenn ich ein Werk schaffe, das das Potential hat die Menschen zu verändern oder ist es auch gleichsam eine Berufung das Werk zu schaffen? Sehr schwer zu beantworten denke ich...

      Wie sieht es in der Medizin aus? Ist es moralisch vertretbar auf die medizinischen Erkenntnisse des NS-Regimes zurück zu greifen oder soll man einen Menschen sterben lassen? Auch heute noch sind viele Exponate in Universitäten nie beerdigt worden.

      Zurück zum Hörspiel!
      In der Tat ein schwieriges Thema.

      Die Ansicht, das die Werke der Kulturschaffenden immer greller und 'härter' weden müssen, um beim Konsumenten noch Aufmerksamkeit erregen zu können, teile ich nicht. Das ist so eine Form des Kulturpessimismus, die sich m. E. nicht belegen lässt. Für jeden Trend, jede Bewegung setzt ja über kurz oder lang auch eine Gegenbewegung ein: Wenn Thriller immer härter, brutaler und blutiger werden ist es nur eine Frage der Zeit, bis 'Häkelkrimis' ihre Renaissance erleben. Wenn Filme immer mehr von CGI und Trickeffekten leben kannst du darauf wetten, dass kleine Independentproduktionen erscheinen oder das klassische 'Erzählkino' wieder an Boden gewinnt. Wenn Pornos immer härter werden gibt es (auch im Internet) plötzlich wieder erfolgreiche Angebote, die im Gegenteil bewusst auf 'Softcore' bzw. romantischen Sex setzen. Am Ende steht idealer Weise eine Vielfalt, aus der man wählen kann - und genau so sollte es sein. Bedenklich ist aus meiner Sicht doch nur, dass durch das WWW heute alle Inhalte allen jederzeit zur Verfügung stehen - und damit leider auch Kindern und Jugendlichen, die damit häufig überfordert sind.

      Eine ganz andere Frage ist, ob Kulturschaffende für die Konsequenzen, die aus ihren Werken erfolgen, verantwortlich sind. Da würde ich mit 'Nein' antworten wollen. Für mich das Paradebeispiel sind die Beatles: Konnten sie damit rechnen, dass einer wie Charles Manson das 'White Album' als Aufforderung versteht, den Krieg zwischen den Rassen heraufbeschwören zu wollen und deshalb seine Anhänger dazu bringt, komplett Unbeteiligte zu ermorden? Natürlich nicht, das war in keiner Weise vorhersehbar. Und Martin Scorsese? Konnte er ahnen, dass sein Film 'Taxi Driver' einen wesentlichen Anteil daran haben würde, dass John Hinckley auf Ronald Reagan schießt? Da wird es schon schwieriger: Vorhersehbar war das nicht, aber der Film lässt bei oberflächlicher Betrachtung ja vielleicht doch den Schluss zu, dass der Einsatz von tödlicher Gewalt im Alltag richtig sein kann? Wo will man da die Grenze ziehen?

      Und zu guter Letzt hatte Ascan von Bargen gefragt, ob Kulturschaffende Vorbilder sein sollten? Hier hätte ich früher ganz klar 'Nein' geantwortet. Seit ich aber bewusst erleben durfte, welchen Einfluss Promis auf die Entwicklung von Kindern und Teenagern haben können, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich bin aber auch überzeugt, dass es andere Einflüsse sind, die hier viel wichtiger sind: Elternhaus, Zeit für Gespräche, positive Rollenvorbilder im 'Real Life', gute KindergärtnerInnen und LehrerInnen, etc.

      Alles in allem würde ich also für mehr Gelassenheit bei diesem Thema plädieren wollen.

      (Anmerken möchte ich aber noch, dass ich meine Betrachtungen auf legale Werke beziehe. Volksverhetzung, Rassenhass, Aufrufe zu Gewalt - all das gehört natürlich verfolgt.)
      Das Leben ist eine wilde Reise! Gefährlich! Unvorhersehbar! Voller Überraschungen - selbst wenn du es damit verbringst, irgendwo auf einem Stuhl an ein und derselben Stelle sitzen zu bleiben. (Walter Moers)
      Schön, dass hier eine lebhafte Diskussion in Gang gekommen ist! Um noch einen meiner Sätze aufzuklären, in dem ich einen ironischen Seitenhieb versteckte, was manch einer mir fälschlich als mangelndes Geschichtsbewusstsein auslegen könnte:

      Ich denke, es dürfte so ziemlich jedem Leser / Forenmitglied klar sein, welche historische Persönlichkeit aus Österreich am oben erwähnten Tag (dem 20. April) geboren wurde. Darauf zielte der Satz in dem Kontext mit dem Amoklauf ja auch ab. Dass aber ein Nachfahre des altdeutschen Adelsgeschlechts Sachsen-Coburg & Gotha (heute eher unter dem Namen "Windsor" bekannt) ausgerechnet dieses Datum für seine Hochzeit wählte, sollte nur nebenbei erwähnt werden und eventuell zusätzlich zum Nachdenken anregen.*

      Darüber hinaus: Früher hätte ich auch sofort gesagt, dass Künstler (egal welcher Art und Weise) keinerlei Verantwortung dafür tragen, was andere Menschen später machen, (auch wenn sie sich eventuell dabei auf Kunstwerk A oder B beziehen).

      Es ist aber nicht zu leugnen, dass Künstler / Kulturschaffende mit ihren Werken einen mehr oder minder großen Einfluss auf andere Menschen ausüben. Und da wird's knifflig. Wahrscheinlich gibt und gab es Hunderttausende junger Leute, die z.B. das Metallica-Album "Kill 'em all" besaßen/besitzen und sich dadurch animiert fühlten, eine E-Gitarre in die Hand zu nehmen, um zu erlernen, wie man solche Riffs und Soli spielt.

      Wenn sich unter den Albumbesitzern aber nur ein oder zwei Querköpfe befinden, die stattdessen den Titel des Albums (oder manche Songtexte und -titel) wörtlich auslegen und meinen, sie müssten alles in Realität umsetzen... nun, da beginnt ein Problem. Der Einfluss ist zweifellos da. Aber auch die (Mit-)Verantwortung? Es stellt sich die Frage: Hätte man vielleicht einen anderen Titel wählen sollen, etwa "Butterflies are beautiful" oder so? Oder wären die Querköpfe nicht ohnehin früher oder später ihrem Weg gefolgt und hätten auch ohne diesen brachialen Titel andere Menschen umgebracht?

      Es ist bekannt, dass Kampfpiloten vor (und sogar während) ihrer Einsätze (zum Beispiel im Irak-Krieg) adrenalinfördernde Metal-Musik hörten, als sie ihre Bomben abwarfen. Es ist auch bekannt, dass derartige Musik in den Folterkammern von Guantanamo usw. zum Einsatz kommt und kam, um die Delinquenten mit ohrenbetäubender Lautstärke mürbe zu machen. - Da könnte man nun einwenden: Hätten die betreffenden Bands lieber beruhigende Musik von Mozart auf Violinen oder dem Spinett spielen sollen? Sind sie nun für die Toten der Bombardements oder für das Leid der Gequälten in den Folterkammern mitverantwortlich?

      Ich vertrete eher die Meinung, dass sich jeder Künstler in seinem Bereich und mit seinen Mitteln verwirklichen sollte, so gut es ihm (oder ihr) möglich ist. Natürlich: Ein gutes Buch, das von Freiheit oder Hoffnung spricht, mag selbst in den dunkelsten Kerker etwas Licht und Hoffnung bringen. Ein gutes Buch, das Halt und Orientierung bietet, mag für einen Menschen zum Segen werden, der selbst gerade durch bestimmte Umstände erschüttert, niedergeschlagen oder verzweifelt ist.

      Ein anderes Buch behandelt vielleicht eher das Thema menschlicher Grausamkeit, Gier, Wahnsinn, usw. Auch so ein Buch / Hörspiel / Film kann seine Berechtigung haben. Dabei gibt es wohl immer die potentielle Gefahr, dass es Menschen in die Hände fällt, die nicht (oder nur unzureichend) in der Lage sind, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Der Künstler kann sich fragen: "Muss das nun sein? Muss ich denn wirklich darüber schreiben?" Aber auch noch ständig die innere Zensurschere im Kopf zu haben, weil man befürchten muss, jemand könnte es für bare Münze nehmen und 1:1 so umsetzen... ich denke, das lähmt nur. Agatha Christie hätte mit solchen Zweifeln und Ängsten im Hinterkopf keinen einzigen ihrer Kriminalromane schreiben können. Und - so denke ich - es besteht immer noch ein himmelweiter Unterschied zwischen dem Mord auf dem Papier und dem tatsächlichen. Wer sich für die Reinkarnation von "Conan" (dem Barbaren) hält, wird auch so agieren, selbst wenn er keine einzige Story von Robert E. Howard gelesen hat.

      * Anmerkung: Wie bereits erwähnt, hatte ich hier aus dem Stehgreif eine Querverbindung gezogen, ohne die Daten vorher genau zu überprüfen. Die royalen Erbfolger heirateten jedoch nicht am Geburtstag des GröFaZ, sondern wählten für ihre Hochzeit das Datum, an dem Besagter seine Eva Braun heiratete; also nicht den 20., sondern den 29. April.
      »Wir sollten unserem Leben jeden Tag etwas mehr Eleganz verleihen.«

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Ascan von Bargen“ ()

      Aktuell: Als das Buch "50 Shitts of Brei" rauskam, wurde dies zum Anlass genommen die Sachen nachzuspielen oder selber seinen Fantasien freien Lauf zu lassen. Jetzt ist der Film draußen und die Feuerwehr, Rettungssannies und KH-Ambulanzen haben wieder Hochkonjunktur.

      Die US-Soldaten sollen vor großen Einsätzen Egoshooter spielen, um sich einzuheitzen und ihre Skepsis abzulegen.

      Im ersten Teil Iron Eagle / Stählerner Adler hat der Junior bei Action immer Musik laufen lassen, ohne ging es nicht.

      Beim Trainig in der Muckibude wird hauptsächlich Hard and Heavy gehört.

      In Tierlabors wurden Tiere getestet wie sie auf verschiedene Musikrichtungen und Geräusche reagieren. Bei Lautstärke und Metalmusik + HardcoreTechno wurden die meisten aggressiv oder panisch.

      usw...



      Härter "Stoffe" scheinen global gesehen schon eine gewisse Ausstrahlung auf verschiedene Verhaltesnweisen zu haben. Und wenn man dabei noch labil ist oder ein "aufbrausendes" Gemüt hat, wird das ganze noch verstärkt.
      Hingegen klassische Musik oder Baladen und ruhige Klänge wirken sehr beruhigend und man verwendet ja auch in der Psychiatrie und bei Physiotherapien aller Art (inkl. Esotherik & Co) Wärme und Ruhe.
      Auch Farben sowie Grüche haben oder können haben Einfluß aufs Gemüt.

      Somit sind optische und akustische Reize - solo oder in Kombi - durchaus verantwortlich für Handlungen. Wer diese also u.a. in Form von Kunst rausbringt, bewirkt auch etwas. Die meisten wissen zu kompensieren, aber leider nicht alle. Aber gerade die Minderheit ist auffällig, denn sie zeigen was passieren kann.
      #
      Negan : - What's your Name ?
      Daryl : - Easy Street !
      #
      Wenn Das Die Lösung ist , dann will ich das Problem zurück
      #
      " DU! DU! DU! "

      Pig Hoschi aka Cerebral-Bulimie

      LskH schrieb:

      Somit sind optische und akustische Reize - solo oder in Kombi - durchaus verantwortlich für Handlungen. Wer diese also u.a. in Form von Kunst rausbringt, bewirkt auch etwas. Die meisten wissen zu kompensieren, aber leider nicht alle. Aber gerade die Minderheit ist auffällig, denn sie zeigen was passieren kann.


      Dem stimme ich grundsätzlich zu. Die Frage ist: Muss man seine künstlerischen Werke (egal, ob nun Musik, Text, Bild, Film, Foto, etc.) nur noch unter der Prämisse gestalten, dass es eine (gestörte, mitunter gefährliche) Minderheit geben könnte, die diese zum Anlass für scheußliche Taten hernimmt? Oder sich direkt von vornherein selbst zensieren? (Wie gesagt: Es gibt ohnehin bereits die Einschränkung 1, dass man manche Dinge/Themen nicht künstlerisch aufbearbeiten kann / darf, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Und es gibt Einschränkung 2, dass man manche Dinge/Themen nicht künstlerisch aufbereiten sollte, wenn man noch einige Jahre in Frieden (über-)leben möchte.)

      Man kann natürlich problemlos aus einer Fülle anderer Themen schöpfen, die niemanden stören und auch keinen Unmut erregen. Der Regisseur / Autor, der seinen Helden gegen Werwölfe, Vampire usw. antreten lässt, dürfte z.B. keinen großen Wirbel verursachen. (Es sei denn, es kommt wieder ein Gestörter daher, der der Auffassung ist, sein Nachbar wäre von einem Dämon / bösen Geist besessen, und daraufhin den Nachbarn in die ewigen Jagdgründe schickt. Dann wird der Lieblingsregisseur oder -autor des durchgeknallten Killers von manchen wieder indirekt in die Verantwortung genommen.)

      Ich könnte mir gut vorstellen, daß in weiteren 50 Jahren die Frauen in Pornos nicht mehr nur kahl sind, sondern auch noch drei Brüste, zwei A...löcher haben und erst 12 Jahre alt sind Glaubt ihr nicht?!? Warten wir es ab...


      Vielleicht etwas drastisch formuliert, Alexander, so von der Wortwahl her... Ich verstehe aber den Gedanken, den du meinst, bezüglich des "Es muss immer noch wilder, härter, drastischer und schockierender werden." - Gerade auch hinsichtlich des Skandals damals um Hildegard Knefs schönen Busen, der sekundenlang in dem Film aufblitzte - und der gesellschaftlichen Entwicklung, die sich seit damals bezüglich dieses Themas vollzogen hat. Aber nun beispielsweise Oswald Kolle und Ingrid Steeger (und Uschi Obermaier und viele andere) dafür nachträglich in die Pflicht nehmen zu wollen, hielte ich wiederum auch für etwas überzogen. - Tatsache ist aber, dass die Grenzen mittlerweile alle ziemlich ausgelotet wurden und nur noch wenige echte Tabus übrig geblieben sind. Ob das nun etwas Gutes ist oder nicht, das wird uns die Zukunft mit Sicherheit zeigen. Vielleicht schwingt das Pendel aber auch wieder zurück und es kommen "prüdere" Zeiten (als Gegenreaktion) auf uns zu?

      Heutzutage könnte man ja schon einen handfesten Skandal auslösen, wenn man z.B. die katholische Kirche, die baulichen Investitionen mancher Bischöfe oder den "Kinder würdevoll schlagen ist okay"-Papst aus Argentinien öffentlich lobt. Oder wenn man etwas fabriziert, was andere sofort zum weißschäumenden "Hashtag Diskriminierung!" reizt. Oder indem man diese Bewegung christlich-amerikanischer Mädchen lobte, die sich "Jungfrau bis zur Ehe" auf die Flaggen geschrieben haben. (Diese sind schon das krasse Gegenteil zu den internetbeeinflussten (-geschädigten?) Kindern und Jugendlichen aus Frankreich, siehe verlinkten Zeitungsartikel oben.)

      Mir scheint: Eines der wenigen noch bestehenden Tabus zu brechen, ist die eine Sache. Gefallene Tabus aber wieder herstellen zu wollen - das würde sofort Wut, Hass und Verachtung nach sich ziehen. Oder, wie man Neudeutsch sagt: Den ultimativen Shitstorm. (Auch so eine tolle neue Erfindung des "anonymen" Internet-Zeitalters.) Aber - denkbar und möglich ist alles. Das kann man schon an den verstörten Reaktionen der Fernsehzuschauer beobachten, wenn im TV eine alte Talkrunde ausgestrahlt wird, in der ungehemmt geraucht wird. Das, was gestern als normal galt, ist heute (fast schon) ein Tabu. Das, was früher ein Tabu war, ist heute (fast schon) normal - in vielerlei Hinsicht.

      P.S.: Die erhaltenen 88 Likes (links im Bild) sind rein zufällig über eine gewisse Zeit zusammengekommen, und entsprechen in keiner (politischen) Absicht oder Weise den Initialen der Hansestadt Hamburg, wie sie sich dort auf Kfz-Kennzeichen wiederfinden.
      »Wir sollten unserem Leben jeden Tag etwas mehr Eleganz verleihen.«

      Ascan von Bargen schrieb:

      Die Frage ist: Muss man seine künstlerischen Werke (egal, ob nun Musik, Text, Bild, Film, Foto, etc.) nur noch unter der Prämisse gestalten, dass es eine (gestörte, mitunter gefährliche) Minderheit geben könnte, die diese zum Anlass für scheußliche Taten hernimmt? Oder sich direkt von vornherein selbst zensieren?

      In Hinsicht, dass man so bestimmte Dinge reduzieren könnte, Ja.
      Wenn man natürlich alles was man tut - nicht nur bei Künstlern - eigen- und fremdsensiert, dann wird natürlich auch viel gehemmt. Aber wäre diese Einschränkung wirklich schlimm, oder könnte man nicht auch gut damit leben / leben lernen ? Nun ist es ja so, dass sich die Menschen seit Anbeginn immer Grenzen aufgesetzt haben. Unsere damalige wie heutige Welt besteht doch eigentlich zu einem sehr hohen Teil an Regeln, Ordnungen, Strukturen und Einschränkungen. Werden sie gebrochen, kommt es darauf an gegen was man verstoßen hat, wie und wie oft und wie schwer. Und dementsprechend wird dann moralisch und oder gesetzlich vorgegangen. Wir alle leben täglich damit. Und es kommen regelmäßig weitere Regeln dazu. Manches ist gut und macht Sinn manches nicht, aber es ist so. Würde es nun wirklich schaden, wenn man künstlerische Freiheiten in bestimmten Dingen weiter einschränkt ? Als "Künstler" und als "Kunstkonsument" ist es sicherlich nicht schön, aber gehen tut alles. Einige werden rebellisch ausbrechen und werden dann die Konsequenzen dafür tragen müssen. So wie jetzt auch, nur eben mit weiteren Regeln.
      Nehmen wir den Fall: "Amok". Oft sind ja mehrere/viele davon betroffen, wiel sie direkt oder indirekt Opfer werden oder zumindest potenziell werden könnten. D.h. es besteht schon mal prinzipell ein allgemeines Interesse daran, dass man unversehrt bleibt. Wenn man nun bspw. durch "Verbot" bestimmter möglicher gewaltauslösender Musik, Bilder, Filme , etc., dies eindemmen könnte, entstünde doch ein großer positiver Nutzen daraus. Würde man Mobber an der Wurzel packen und besser aufklären was wäre würde man das mit ihnen machen, hart bestrafen, auch Kinder und Jugendliche unter 14, dann gäbe es ebenfalls weniger Opfer (Selbstmörder oder Rächer und Opfer von Rächern). Usw. usw. usw.

      Wäre es da nicht wert vieles noch mal einzuschränken ? oder ist die Freiheit der Kunst mehr wert ?


      PS:
      mir kam gerad spontan, dass auch Klassische Musik sehr gewaltauslösend sein kann.
      Ich denke da an Clockwork Orange, wo er bei Beethoven abging wie ein Berzerker.
      #
      Negan : - What's your Name ?
      Daryl : - Easy Street !
      #
      Wenn Das Die Lösung ist , dann will ich das Problem zurück
      #
      " DU! DU! DU! "

      Pig Hoschi aka Cerebral-Bulimie

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „LskH“ ()

      Ascan von Bargen schrieb:

      Man kann natürlich problemlos aus einer Fülle anderer Themen schöpfen, die niemanden stören und auch keinen Unmut erregen. Der Regisseur / Autor, der seinen Helden gegen Werwölfe, Vampire usw. antreten lässt, dürfte z.B. keinen großen Wirbel verursachen. (Es sei denn, es kommt wieder ein Gestörter daher, der der Auffassung ist, sein Nachbar wäre von einem Dämon / bösen Geist besessen, und daraufhin den Nachbarn in die ewigen Jagdgründe schickt. Dann wird der Lieblingsregisseur oder -autor des durchgeknallten Killers von manchen wieder indirekt in die Verantwortung genommen.)


      Kann man eben nicht. Wir leben nunmal in einer globalen Welt. Ein Kunstwerk, dass du schaffst wird evtl. bei uns als unproblematisch gesehen. In einem anderen Land fühlt sich aber jemand provoziert. Bestes Beispiel ist doch, dass in USA die entblöste Brust von Frau Jackson einen Nippelgate auslöst. Bei uns würde so etwas wahrscheinlich nicht mal ausserhalb der Klatschpresse erwähnung finden. Dafür kann in den USA fast ungehemmt in Filmen, Serien, Büchern geschlachtet werden und das selbst Kinder/Jugendliche darauf fast unbegrenzt Zugriff haben scheint dort niemanden zu stören.

      Egal, was du kreierst oder herstellst, es wird immer jemand geben, dem das Produkt - aus welchem Grund auch immer - nicht zusagt. Im besten Fall wird es von der Person einfach ignoriert, im zweitbesten Fall schreibt er irgendwo seine negative Meinung dazu. Vielleicht schickt er dir aber auch rabiate Sprüche auf deinen Facebook-Account. Oder er steht halt irgendwann vor dir und knallt dich nieder.

      Was mich zum nächsten Punkt bringt:

      LskH schrieb:

      Nehmen wir den Fall: "Amok". Oft sind ja mehrere/viele davon betroffen, wiel sie direkt oder indirekt Opfer werden oder zumindest potenziell werden könnten. D.h. es besteht schon mal prinzipell ein allgemeines Interesse daran, dass man unversehrt bleibt. Wenn man nun bspw. durch "Verbot" bestimmter möglicher gewaltauslösender Musik, Bilder, Filme , etc., dies eindemmen könnte, entstünde doch ein großer positiver Nutzen daraus.


      Trotz aller Studien wurde noch nie einwandfrei bewiesen, dass der Konsum kontroverser Medien der Auslöser für eine Gewalttat ist. Und das man dies auch nicht so einfach auf diesen Teil unseres gesellschaftlichen Lebens abwälzen kann, sollte eigentlich jedem klar werden, der mal ein bisserl in die Menscheitsgeschichte zurückblickt. Massenmörder gab es schon immer. Kriege gab es schon immer. Folterungen gab es schon immer. In unerer eigenen Vergangenheit existiert hierzu eines der düstersten Kapitel der Menscheit. Welche Filme haben denn Dr. Mengele dazu veranlasst, Operationen am unbetäubten Objekt vorzunehmen, welches Computerspiel hat ihn auf die Idee gebracht, Leute in Druckkammer zu sperren und dabei zuzuschauen, wie sich ihre Eingeweide durch den Anus nach außen stülpen?

      Welche Filme hat Hitler geschaut, dass er plötzlich die Idee bekam, ein ganzes Volk auszurotten?

      Letztere Frage kann ich dir beantworten. Es gibt nämlich noch genug Unterlagen, die nachweisen, dass Adfolf ein riesiger Disney Fan war. Er hat sich z.B. SCHNEEWITTCHEN direkt aus Amerika für eine Privatvorführung kommen lassen.

      Müssen wir also jetzt davon ausgehen, dass die Disney Zeichentrick-Klassiker nicht nur antisemitische Tendenzen in einem auslösen, sondern gleich noch den Wunsch nach einem Genozid festigen? Ich denke, jeder wird zustimmen, dass dem nicht so ist.

      Nur: Wenn wir den Konsens haben, dass der größte Massenmörder der Geschichte nicht durch den Konsum von Medien zu seinem barbarischen Verhalten getrieben wurde, wieso scheint das Gros hier der Meinung zu sein, bei aktuellen Amokläufern wäre es aber so? Weil ein PAAR der konsumierten Medien nicht die eigene Moralvorstellung widerspiegeln? Und wenn man dann mal das Leben der betroffenen Person etwas mehr durchleuchtet, treten meistens noch ganz andere Fakten zutage. Beschissenes Elternhaus, Mobbing in der Schule und eine Gesellschaft, die jeden, der nicht ein perfektes Erfogstracking vorweisen kann sofort als Looser abstempelt, tragen viel mehr zu einer kaputten Persönlichkeit bei, als es der Konsum von gewalthaltigen Medien je könnte.

      Fazit: Es wird Zeit, dass wir wieder lernen, was Verantwortung bedeutet. ICH wähle, was ich konsumiere und OB ich es überhaupt konsumiere. Dazu gehört auch die Pflicht, sich vorher zu informieren, was für Eigenschaften ein Produkt hat. Und nicht (in diesem Fall) dem Künstler die Verantwortung aufzudrücken, es absolut jedem Recht machen zu müssen.

      Der Künstler wiederum muss mit seinem Werk leben können. Muss hinter der Aussage stehen können. ABER: Jeder, der in diesem und anderen Ländern das Geschick des Landes mitbestimmt (.a. indem er sein Wahlrecht wahrnimmt), trägt ALLEIN die Verantwortung für sein Tun. Jemand anderes für sein eigenes handeln verantwortlich zu machen ist ein Unding!!
      "SAVE THE CHEERLEADER, SAVE THE WORLD"
      Das sind alles sehr interessante Überlegungen.

      Irgendein kluger Mann sagte einmal (sinngemäß), dass wir nichts aus einem Text herauslesen können, was wir nicht vorher selbst 'hineingelesen' haben. Ich erinnere mich z.B. daran, dass J.R.R.Tolkien sich mit dem "Vorwurf" auseinandersetzen musste, dass in "Der Herr der Ringe" das Reich des Guten (Königreich Gondor) im Westen lag, (das paradiesische Elbenreich sogar ganz weit draußen im Westen, hinter dem Meer) - das Reich des Bösen aber (Mordor) im Osten. Ob er damit nicht rein zufällig verklausuliert ein Anti-Deutschland-Buch geschrieben hätte? (Geboren aus Ressentiments des zurückliegenden 2. Weltkriegs, mit böse grunzenden Orks anstelle von Wehrmachtstruppen?)

      In der Zeit des Kalten Krieges wollten andere darin den Kampf USA vs. UdSSR wiedererkennen.

      Peter Jacksons Mordor-Truppen sahen in der Verfilmung (nach dem berüchtigten Datum 9/11) sehr orientalisch aus, inklusive Turban und Krummsäbel. - Hatte Tolkien doch eher den Kampf der freien Welt gegen morgenländische Terrormilizen beschrieben?

      Wieder andere sehen in "Der Herr der Ringe", ähnlich wie in C.S.Lewis' Narnia-Romanen, "christliche Propaganda" unter dem Deckmantel einer Fantasygeschichte, die letztlich die Geschichte Christi als Rückkehr des Königs in sein Königreich, und dem apokalyptischen Endkampf gegen das Böse (Armageddon) erzählt. (Beide Werke samt ihrer Verfilmungen sind daher in bestimmten Ländern verboten.)

      Tolkien selbst wiederum sagte, er habe eigentlich nur eine unterhaltsame, spannende Geschichte schreiben wollen, in der er bekannte Elemente aus alten Mythen, Sagen und Legenden etc., (Edda, Beowulf & Grendel, König Artus, Die Nibelungen, David gegen Goliath), sowie seine Leidenschaft für Linguistik verarbeitetete. Ohne jede politische, religiöse oder sonstige "Absicht".

      Wie man es dreht und wendet, allein an diesem harmlosen, unpolitischen Buch - "Der Herr der Ringe" - lässt sich ganz gut sehen, dass es seine Aussage zu verändern scheint, je nachdem welche "Brille" man beim Lesen aufsetzt. Ähnlich ist es ja auch bei den großen Kunstwerken: Die einen feiern Michelangelos David als unübertroffenes Meisterwerk, andere - wie die modernen Ikonoklasten, die z.B. gerade dabei sind, Jahrtausende alte assyrische Statuen zu vernichten - sehen in dieser Statue eines nackten Mannes etwas Obszönes oder Anstößiges, und würden sie lieber heute als morgen in Schutt und Asche legen. "Es könnten ja auch Kinder den David Michelangelos zu Gesicht bekommen. Und das wäre wirklich unverantwortlich..."

      LskH schrieb:

      Wäre es da nicht wert vieles noch mal einzuschränken ? oder ist die Freiheit der Kunst mehr wert ?


      Schwer. Wenn man sich das oben Gesagte vor Augen führt, kann man eigentlich nicht für eine zusätzliche oder weitere Einschränkung künstlerischen Ausdrucks sein, und muss feststellen, dass die Freiheit der Kunst ein wirklich hohes Gut ist, das es zu erhalten gilt. Zumal wir leidvoll gelernt haben: "Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man als nächstes Menschen."

      Und eine neue Institution, die darüber wacht, was denn nun als "wirkliche Kunst" zu gelten hat, und was womöglich so etwas wie "entartete Kunst" sein sollte, kann sich auch niemand ernsthaft wünschen.

      "Der Künstler ist der Schöpfer schöner Dinge", sagt Oscar Wilde 1890 / 1891 im Vorwort des "Dorian Gray". In diesem Sinne könnte man sagen: Wer aus einem Kunstwerk schließt, er müsste Kunstwerke verbieten oder gar vernichten, ist ein Barbar. Wer aus einem Kunstwerk schließt, er müsste andere Menschen deswegen verletzen oder gar töten, ist ein Verbrecher.
      »Wir sollten unserem Leben jeden Tag etwas mehr Eleganz verleihen.«

      schelo schrieb:

      Trotz aller Studien wurde noch nie einwandfrei bewiesen, dass der Konsum kontroverser Medien der Auslöser für eine Gewalttat ist.


      Habe ich auch nicht behauptet. Dennoch gibt es weitreichende Beobachtungen, dass Farben, Gerüche und Geräuche oder andere optische und akustische Reize bestimmte Handlungen oder Befinden auslösen.
      Mit meinem Bsp. Beethoven/ClockworkOrange und deinem Bsp. mit Hitler zeigt, am natürlich dass es auch anders sein kann. Bleiben wir mal bei Musik. Vergeliche doch mal bitte das Verhalten von Opern- und Klassikbesuchern, vor, während unf nach einem Konzert / einer Aufführung und dann beobachte mal was abgeht vor während und nach einem Punk- oder Metal Konzert. Natürlich sind nicht alle Rocker perse gewaltbereit nur weil sie Rock hören und schwere Maschinen fahren und wild aussehen. Aber dass sich Opernbesucher plötzlich prügeln, vandalieren und der gleichen, wirst du wohl eher nicht finden. Ausnahmen bestätigen die Regel - und hier sind die wenigsten Hooligans, die Bach oder Mozart hören ....

      Das Theme Mobbing hatte ich auch angeschnitten ...

      Und nur weil es im Mittelalter noch keine Metalmusik gab oder entsprechnede Filme, sagt auch nichts, denn Menschenrechte und die Einstellung über soziales Verhalten und und und, das war allgemeinhin bekannt einfach eine ganz ander oder nicht vorhandene Ethik. Und auch das 18. oder 19. Jahrhundert hatte noch eine andere Gesellschaftliche Ethik als heute. Mit dem Unterschied, dass es sie damals nicht gab oder anders, so ist sie heute da aber wird nicht immer (vor)gelebt.
      Auch das Ausmaß hat sich gewaltig gändert. Ein Serienmörder wie bspw. The Ripper kam alle Jubeljahre mal vor. Ebenso ein Jürgen Bartsch war eher "selten". Heute hingegen scheint es von diesen kein Ende zu nehmen. Die Verhältnisse haben sich also definitiv verschoben. Und die Medien wie Handy und Internet ermöglichen heute erst, Dinge aufzunehmen, sie weiterzuleiten und gar veröffentlichen und in Netzwerken sich daran zu ereifern und zu bejubeln. Das reizt es nachzumachen und sich feiern zu lassen (dieses Theme greift ja u.a. auch das HSP MiS 7 Netzwerk auf). Auch hatte man damals und das ist noch nicht allzu lange her ;) , noch Respekt vor älteren und erst recht vor Erwachsenen. Da hätte es solche Ereignisse wie es immer häufiger wird, dass man Leute anpöbelt und schlägt, man dazwischen geht und dann halb oder ganz tot geprügelt wird, gar nicht erst gegeben. Auch kannst du heute mit einem Grusel/Horrorfilm des letzten Jahrtauasends heute niemanden mehr begeistern. Es wird immer mehr zu Splattern und es muß immer brutaler und härter und blutrünstiger zugehen. Die alte batmanserie mit Adam West lolt und da muß Gotham her .....
      Die allgemeine Verrohung ist also nicht zu übersehen und zu ignorieren. und da sind eben allgemein alle Medien und Macharten mit dran verantwortlich. Sicher nicht allein, aber dennoch tragen sie einen nicht unerheblichen Beitrag.
      Da hilft es wenig gegen einen Massenbeobachtung mit ein paar Einzelfällen zu kommen, die barbarisches und unethnische Verhalten gezeigt haben wie Hitler oder Caesar ...
      #
      Negan : - What's your Name ?
      Daryl : - Easy Street !
      #
      Wenn Das Die Lösung ist , dann will ich das Problem zurück
      #
      " DU! DU! DU! "

      Pig Hoschi aka Cerebral-Bulimie

      Ascan von Bargen schrieb:

      kann man eigentlich nicht für eine zusätzliche oder weitere Einschränkung künstlerischen Ausdrucks sein


      Wie gesagt, wir leben täglich mit Einschränkungen und es kommen ständig neue hinzu. Ob nun bei Kunst oder bei anderen Dingen. Und (weitere) Einschränkungen muß ja nicht zwangsläufig ein Verbot für alles sein.
      Auf Filme und Games gibt es auch Altersbeschränkungen. Warum nicht auch auf Kunst. Die einzieg Frage, die sich mir nur stellt, ist die Art und Weise der Durchführung. Und bessere Umsetzung, dass nicht jeder sich trotzdem irgendwie Sachen beschaffen darf, die nicht für ihn bestimmt sind. Nun ist es bei einer Altersbeschränkung allein nicht getan, denn das "Produkt" ist ja weiterhin vorhanden. Lässt man dies aber gar nicht erst zu, gäbe es nur "gewaltbereites Material" auf illegalem Weg herzustellen und zu beschaffen. Das wäre dann zwar auch nicht ganz zu vermeiden, aber doch sehr eingeschränkt.
      Da muß man natürlich bedacht mit umgehen und nicht mit dem Vorschlaghammer. Aber das wären dann Details, die erstmal an einer Grundlegeung anknöpfen müssen.
      #
      Negan : - What's your Name ?
      Daryl : - Easy Street !
      #
      Wenn Das Die Lösung ist , dann will ich das Problem zurück
      #
      " DU! DU! DU! "

      Pig Hoschi aka Cerebral-Bulimie

      LskH schrieb:

      Auch das Ausmaß hat sich gewaltig gändert. Ein Serienmörder wie bspw. The Ripper kam alle Jubeljahre mal vor.


      Ist das tatsächlich so, dass solche und ähnliche Fälle früher seltener waren? Oder war es letztlich nie anders, und nur die Wahrnehmung durch die modernen Massenmedien hat sich verändert?

      LskH schrieb:

      Da hilft es wenig gegen einen Massenbeobachtung mit ein paar Einzelfällen zu kommen, die barbarisches und unethnische Verhalten gezeigt haben wie Hitler oder Caesar ...


      Gaius Julius Caesar oder auch Napoleon Bonaparte werden von der öffentlichen Geschichtsschreibung ein klein wenig anders bewertet. Natürlich ist es legitim zu fragen, ob die Belagerung von Alesia durch Caesar in dem Sinne "ethisch" gewesen sein mag, die am Ende zu Verzweiflungstaten bis hin zu Kannibalismus unter den Belagerten führte. Und auch Napoleon, den ich hier erwähnte, mag man so oder so beurteilen. Die Millionen, die unter ihm entsetzlich litten, darben und starben, waren sicher keine Befürworter des Korsen und haben ihn täglich verflucht.

      Ludwig van Beethoven, der hier schon manches Mal erwähnt wurde, war anfangs ein großer Bewunderer des Napoleone Buonaparte, als dieser noch Erster Konsul war, verglich ihn mit den großen römischen Konsuln und widmete ihm ursprünglich sogar die dritte Symphonie.

      Ferdinand Ries schrieb 1838 in seinen Erinnerungen: "Ich war der erste, der ihm [van Beethoven] die Nachricht brachte, Buonaparte habe sich zum Kaiser erklärt, worauf er in Wuth gerieth und ausrief: „Ist der auch nichts anderes, wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize fröhnen; er wird sich nun höher, wie alle Anderen stellen, ein Tyrann werden!“ Beethoven ging an den Tisch, faßte das Titelblatt oben an, riß es ganz durch und warf es auf die Erde. Die erste Seite wurde neu geschrieben und nun erst erhielt die Symphonie den Titel: Sinfonia eroica." [Quelle: Wikipedia. 3. Sinfonie (Beethoven) ]
      »Wir sollten unserem Leben jeden Tag etwas mehr Eleganz verleihen.«

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Ascan von Bargen“ ()

    Hier geht's zum HÖRSPIEL-PLAYER ...