Wie definiert Ihr Horror und wie Grusel?

      Wie definiert Ihr Horror und wie Grusel?

      LskH schrieb:

      @LadyMafi:

      Wie definierst du Horror, wie Grusel ? Also worin unterscheidest du ?


      (Dirk Hardegen z.B. bezeichnet sein Nightlife als Horror. Ich würde sagen Jein. In erster Linie ist es doch ein (Psycho)Thriller.)


      Eine sehr berechtigte Frage, LskH!

      Ohne überhaupt darüber nachgedacht zu haben, definiere ich Grusel mit Unheimlichkeit, Unerklärliches, Spannung und gruselige Schauer. Wenn ich jetzt Mystery erklären sollte, würde ich es wohl fast genauso beschreiben. ;D
      Meine Definition für Horror war für mich gleichbedeutend mit Grusel, nur entsetzlicher, brachialer und schockierender!

      Jetzt geht mir gerade ein Lichtlein auf.... meine Einteilung war oberflächlich. :)

      Wie definiert Ihr Horror und wie Grusel?
      .......................

      Keiner ist weiter von der Wahrheit entfernt als jener, der alle Antworten weiß.
      ( Laozi )


      Ich bin da durchaus mit deiner intuitiven Unterteilung einverstanden.

      Grusel und Mystery in einen Sack zu packen ist völlig in Ordnung, weil Grusel ja das Unheimliche, oft Unerklärliche und mitunter Übernatürliche meint, dassen Ahnung im Raume schwebt und eine besondere Spannung, einen speziellen Kitzel, eben den Grusel transportiert. Das, wörüber man sich gruselt, ist aber oftmals abstrakt, ungreifbar, eine Idee oder ein Gerücht, dessen Wirklichkeit unbewiesen oder zumindest nicht vollständig geklärt ist. Auch Kriminal-und Detektivgeschichten können Grusel erzeugen, auch wenn klar ist, dass dort keine Zombies, Werwölfe oder Geister auftauchen, aber wenn ich an Geschichten wie "Die Morde in der Rue Morgue" oder diverse Holmes Fälle denke, in denen scheinbar unerklärliche Tode oder grausame Todesumstände den oben genannten Grusel erzeugen, sind auch hier die Grenzen fließend bzw. der Grusel häufig atmosphärischer Partner des Thrillers. Und oftmals endet Grusel dort, wo Horror beginnt.

      Im Gegensatz zu Grusel ist Horror über das sinn- und spannungstiftende Geheimnis hinweg - da wurden klare Fakten geschaffen, und der Horror ist oft körperlich, es geht ums Ganze, da werden Gliedmaßen abgerissen, Körper grauenhaft entstellt und grässlich zerfleischt, das Monster will dir fressen, sicher geglaubte Identitäten und soziale Regeln werden aufgehoben und das Chaos, die Anarchie, der allgegenwärtige Schrecken übernehmen. Die Spannung, die Horror aufbaut, bezieht sich auf eine sehr reale Bedrohung und birgt eine sehr konkrete Angst.

      Der Grusel ist ja so etwas wie ein Diminutiv (also eine Verkleinerungsform bzw. "Verniedlichung") des Grauens, der kleine Bruder vom ganz Schlimmen, die Vorhut oder das Weichgespülte, wie man es möchte. Eigentlich gehören beide zusammen, und der Grusel ist als Genre im Grunde genommen nicht ohne den Horror (also das Grauen) zu denken, ebensowenig wie das Horror-Genre ohne Elemente des Grusel(n)s denkbar ist. Man könnte die beiden Threads zu Grusel-/Horror-Hörspielen also theoretisch zusammenschmeißen.

      Nur ist glaube ich das, was unter dem Begriff "Grusel" läuft, eigentlich eine Mogelpackung. Grusel nach meinem Verständnis hat heutzutage kaum mehr eine Schnitte, sein Ziel narrativ zu erreichen, weil jeder Grusel-Afficionado schon alle Pferde vor ausnahmslos jeder Apotheke hat kotzen sehen. Das "Geheimnis" um die Existenz von Zombies, Werwölfen, Vampiren, Geistern etc. pp. ist jedem mit dem Genre Vertrauten inzwischen aus dem Eff-eff geläufig, das Konzept des "closed space" ist ebenfalls bereits in der Blutbahn, und daher lässt sich aus der Andeutung eines Bisses durch Hunde, Menschen oder sonstige Kreaturen oder durch das Knarren von Dielen und Quietschen Türen kein Tropfen Spannung mehr wringen, weil ja klar ist, was kommen muss. Daher hülfe hier eigentlich nur noch die Flucht nach vorn, indem man gleich zum "schönen" Teil übergeht und dem Horror den Staffelstab überreicht.
      BrudervomWeber: Besser hätte ich es nicht sagen können :thumbsup:

      Ich finde aber, wenn man schon zwischen Grusel und Horror definiert, dann muß man auch alle anderen Genren genauer unter die Lupe nehmen. Wie ich schon in dem anderen Thread geschrieben habe, vermischen sich oft Genre. So wie mein Vorredner sehe ich das auch, dass Krimis durchaus gruseln können, ebenso kann Fantasy oder auch Psychothriller der reinste Horror sein. Krimi ist nicht immer gleich Krimi und das gilt meiner Ansicht nach für alle Bereiche. Das wird aber sehr anstrengend. Wenn ich bspw. (Filme) Tatort mit Columbo oder mit US-Crime Serien vergleiche, dann sind das zwei Welten. Mark Brandis ist auch ganz anders als Star Trek oder Star Wars.

      Um es kurz zu sagen: sind in dem Aspekt da Horror und Grusel für mich das gleiche.


      @brudervomweber
      gibt es für deine zermetzelnden Beschreibung für Horror nicht schon längst den Begriff, des Splatters? oder ist das dann die 3. Unterscheidung/-teilung?
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      LskH schrieb:

      @brudervomweber
      gibt es für deine zermetzelnden Beschreibung für Horror nicht schon längst den Begriff, des Splatters? oder ist das dann die 3. Unterscheidung/-teilung?


      Splatter wäre definitiv der Dritte im Bunde - Horror kommt meines Erachtens idealiter ohne die explizite Gewaltdarstellung aus (allerdings nicht ohne die Gewaltandeutung bzw. -androhung), wobei im Hörspiel die Grenzen zwischen Horror und Splatter stärker verschwimmen als in visuellen Medien (vornehmlich natürlich: Film).

      Im Grunde könnte man sogar sagen, dass der Splatter das Schreckenspotential des Horrors potentiell reduziert, weil die Vorstellungskraft, die im Kopf des einzelnen ja gehörige Verwüstungen anzurichten vermag, durch das Zeigen einer zugegeben meist grotesk blutrünstigen Tat zumindest wieder eingefangen und auf die konkrete Darstellung der gemeinten Gewalt fokussiert werden kann. Das soll nicht heißen, dass das Anschauen eines Splatter-Film in irgendeiner Form eine weniger schlimme Erfahrung sein muss als Horror, aber das Kopfkino muss in solchen Fällen nicht arbeiten und man kann sich ggf. mit dem Anschauen des oberflächlichen Gewaltphänomens begnügen, ohne im Inneren dem Schrecklichen Tür und Tor zu öffnen.

      Wobei auf der Hand liegt, weshalb Horror und Splatter im Hörspiel sehr viel dichter beieinander liegen - hier kann man schlechterdings nichts zeigen, sondern eben "nur" akustisch (aber dadurch nicht weniger explizit) das grausame Geschehen andeuten, was zwangsläufig einer Ergänzung durch das "innere Auge" bedarf. Ich würde den Splatter also eher als eine prinzipiell visuelle Kategorie betrachten, was für die Genres Grusel/Horror definitiv nicht gilt.
      Ich schließe mich dem tollen Beitrag des brudervomweber an.

      Für mich persönlich lässt sich "Grusel"/"Mystery" mit dem alten Jason Dark-Slogan "Zur Spannung noch die Gänsehaut" umschreiben. Eine Wahrnehmung oder Empfindung des Unheimlichen, Schauderhaften und Spannenden. Das Unbekannte, Diffuse und nur Angedeutete steht im Mittelpunkt. "Grusel" kann sich zwischen "wohligem Schaudern" (angenehme Gänsehaut) und Ekel (unangenehme Gänsehaut, dass es einen nur so schüttelt) bewegen. Zumeist ist man davon aber nicht selbst betroffen. Man kann sich also angenehm dabei "gruseln", wenn man unheimliche Dinge liest oder unheimliche Begebenheiten von Freunden, Verwandten erzählt bekommt, die ihnen widerfahren sind. Dazwischen ist aber immer die schützende Distanz des "es betrifft ja nicht mich in diesem Moment".

      Horror hingegen ist eher die Empfindung oder Wahrnehmung von etwas wirklich Schrecklichem, vor allem, wenn es einen selbst betrifft. Womöglich verbunden mit einer physischen Gefahr oder Bedrohung. Meist in Kombination mit Situationen, die sich nicht (mehr) kontrollieren oder direkt beeinflussen lassen. Phobos und Deimos - Furcht und Schrecken - in Kombination mit dem ohnmächtigen Gefühl des Ausgeliefertseins.

      Man könnte also sagen, beim "Grusel", obwohl er unheimlich oder ehrfurchtgebietend sein kann, bleibt immer das Gehirn eingeschaltet. Man sucht noch immer nach einer logischen Erklärung, nach dem "Trick" oder der Auflösung, die hinter dem unheimlichen Schauspiel steht.
      "Horror" stellt sich ein, sobald man bemerkt, dass es gar kein Trick, sondern real, ist. Dann übernimmt die Angst die Kontrolle, das Gehirn wird ausgeschaltet und der Körper stellt sich auf Flucht oder Kampf ein.

      Daher kann "Grusel" als äußerst angenehm und sogar als entspannend empfunden werden. Echter, blanker Horror aber ist stets mit hochgradigem Stress, hohem Blutdruck und Atemnot verbunden. (Es gibt darüber ein Lied von Helene Fischer, das für manche auch in diese Kategorie fällt...) ^^

      Der Sherlock Holmes-Roman "Der Hund von Baskerville" ist (meiner Meinung nach) ein hervorragendes Beispiel für "Grusel / Mystery". Er hat die Gemütlichkeit eines warmen Zimmers mit flackerndem Kamin, während draußen ein Unwetter wütet und der Regen ans Fenster prasselt. Er besitzt sehr viel Spannung und noch mehr düstere, unheimliche, vage angedeutete Geschehnisse, von denen man aber (erfahrungsgemäß) hoffen kann, dass sie logisch nachvollziehbar vom Meisterdetektiv aufgelöst werden.

      Der Film "The Strangers" (mit Liv Tyler) beginnt auch als gemütlicher "Grusel" oder "Mystery", mit ungeklärten Ereignissen, die sich eventuell logisch aufklären lassen. Dann aber schlägt er in den blanken Horror um, der real wird und daher keine "Aufklärung" mehr benötigt. Von da an geht es um Leben und Tod. Die Protagonisten sind dem brutalen Geschehen wehrlos ausgeliefert, genau wie der Zuschauer, der ohnmächtig zusehen muss und nur hoffen kann, dass es irgendwie, irgendwo noch eine Fluchtmöglichkeit oder Rettung für sie geben kann.

      Der dritte im Bunde, der "Splatter", zieht seinen Reiz (vor allem für die Macher) aus der möglichst grausamen und möglichst realistischen Darstellung von todbringenden, physischen Verletzungen. Die Darstellung unsäglichen menschlichen Leids und des Todeskampfs. Blut, hervorquellendes oder herausgerissenes Gedärm, abgetrennte Gliedmaßen, gespaltene Schädel, ausgestochene Augen, Knochensplitter und zerfetzte Gehirnmasse stehen hier im Mittelpunkt. Unter diesem Gesichtspunkt ist "Der Soldat James Ryan" von Steven Spielberg der wohl heftigste Splatterfilm aller Zeiten, insbesondere die Splatter-Eröffnungsszene des "D-Day" in der Normandie, mit dem wohl höchsten "Body Count" der Filmgeschichte.

      Aber Mel Gibsons "Die Passion Christi", in der das körperliche Leiden komprimiert und auf einen einzigen Menschen fokussiert wird, ist sicher noch sehr viel intensiver und erschütternder in seiner Wirkung. Davon abgesehen, dass man das p s y c h i s c h e Leid (Zweifel, Ängste, Hoffnungslosigkeit, Panik, Machtlosigkeit) und die grausame Empfindung des gleichzeitigen Verdurstens und qualvollen Erstickens am Kreuz nicht beschreiben, visuell darstellen oder wiedergeben kann.

      Zwar hat Gibson in dem Film eindrücklich dargestellt, was es bedeutet mit dem römischen "Flagrum" ausgepeitscht zu werden - eine Geißel aus mehreren Lederschnüren mit Bleikugeln und Widerhaken aus Metall oder Knochen daran, die den Delinquenten ganze Haut- und Fleischstücke aus dem Leib rissen. Die anschließende Tortur der sadistischen Folterknechte ließ er aber aus: Dem Delinquenten wurden Hände und Füße gefesselt und Salz in die Wunden gerieben. Danach wurde er in diesem Zustand, mehr tot als lebendig, stundenlang in eine stockfinstere Zelle gesperrt. Die Wahrscheinlichkeit, die nun folgenden Qualen und den Blutverlust zu überleben, war äußerst gering. Pontius Pilatus spekulierte vermutlich genau darauf, um sich so offiziell vor dem verlangten Kreuzigungsurteil drücken zu können.

      Was es bedeutete, die "Dornenkrone" aufgesetzt zu bekommen oder mit langen Nägeln ans Kreuz geschlagen zu werden, hat Gibson wiederum grausam-realistisch dargestellt. - Natürlich sind weder "Der Soldat James Ryan" noch "Die Passion Christi" klassische "Splatterfilme" im Sinne des Horror-Genre-Kinos. Aber manche Szenen darin erfüllen die Kriterien des "Splatters" besser als es in irgendwelchen B- oder C-Movies je gezeigt werden könnte.

      Mit großem Interesse habe ich Eure Beiträge gelesen, Ihr Herren des Wortes und des Wissens! Dankeschön! :)

      Ich habe bisher Horror und Horror in einen Topf geworfen und "Nein, danke" gesagt. Dabei kenne ich den Horror, habe es nur anders definiert oder eben gar nicht! ;) Ab jetzt werde ich genauer hinschauen, bevor ich "Nein, danke" sage. Wer weiß, was mir schon für Werke entgangen sind? Sei es als Buch, Film oder Hörspiel!
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      ( Laozi )


      Nach all dem wie ich es auch spezierfisch sehen würde, bleibt es dennoch EIN Genre, für mich jedenfalls. Denn, wie schon geschrieben, müsste dieses ganze spezierfischisirren auch für alle anderen Genre gelten und das kommt ja auch so gut wie gar nicht vor. Man unterscheidet bzw. bezeichnet zwar härtere Krimis auch als Thriller, aber Thriller können auch Grusel/Horror/Mystery/SciFi.... sein. Für unterschiedliche SciFi/... gibt es, um auf den Ursprung dieses Threads zu verweisen, auch keine 2 Threads... :)
      usw, usw, usw....
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      Auch wenn ich mich auf Hörspiele beziehe, möchte ich mal in Bildern sprechen und mit Filmen vergleichen, das ist für mich einfacher:

      Grusel ist für mich sowas wie BIS DAS BLUT GEFRIERT oder Hitchcocks DIE VÖGEL.

      Horror ist für mich sowas wie FINAL DESTINATION oder SAW.

      Obwohl Grusel immer verniedlicht wird (allein das Wort Grusel klingt heutzutage wie Kindergarten), ist für mich ein Gruselfilm mit subtilen Details immer anspruchsvoller als plakativer Horror, bei dem jeder abgerissene Arm blutspritzend zu sehen ist.
      "Auf Wiedersehen, aber es eilt nicht." (Rainer Brandt)
      @Lady Mafi: Danke für deine liebe Rückmeldung!

      Es gibt in dem Bereich so viele Sub-Sub-Sub-Genres, da müsste ich mal mit etwas mehr Zeit dran gehen, um die halbwegs aufzulisten.

      Aber, wenn ich z.B. an erfolgreiche Serien wie John Sinclair denke - da waren anfangs eine Menge wirklicher Horror-Romane dabei. Richtig spannende und durchaus handfeste Schocker. Im Laufe und Wandel der Zeit sind aber echte Horrorelemente immer weiter in den Hintergrund gerückt, und der gute Scotland Yard-Geisterjäger rutschte stärker in "Grusel"-Gefilde, manchmal sogar ins reine Krimifach.

      Das ist aber nur natürlich, wenn man im Monat rund 500 Manuskriptseiten abzuliefern hat. Es ist eine unglaubliche Leistung, die Jason Dark da viele Jahre und Jahrzehnte lang absolviert hat, und die mir persönlich den allergrößten Respekt abnötigt. Vier Heftromane und ein Taschenbuch, und das Monat für Monat für Monat... das ist nicht normal... (Könnt ihr ja mal, nur so aus Spaß ausprobieren: 30 DIN A4-Seiten pro Tag, Zeilenabstand 1,5. In drei Tagen habt ihr dann Pi mal Daumen einen Heftroman zusammen. Danach weiß man, was das bedeutet. ^^ )

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